Dezember 1999

Spiel mit dem Feuer


Die neun Pforten


Roman Polanski ist von einem Fluch belegt. Der Fluch ist, daß seine frühen Werke ("Ekel", "Tanz der Vampire", "Rosemaries Baby", etc.) zu gut, zu meisterhaft, zu erfolgreich waren. Deswegen werden seine neueren Filme - auch wenn sie routiniert gefilmt sind - im Vergleich immer nur verlieren können.


Sein jüngstes Werk, "Die neun Pforten", inspiriert von der Romanvorlage Arturo Perez-Revertes "Der Club Dumas", vermag durchaus zu unterhalten. Jedoch mutet die Handlung ein wenig angestrengt konstruiert an: Dean Corso (Johnny Depp), ein New Yorker Spezialist für antike Bücher, ist ein skrupelloser, recht abgeklärter Charakter, der seinen Job weniger aus Überzeugung und Interesse macht, als gegen gute Bezahlung. So hat er auch keinerlei Bedenken, als er von einem reichen Sammler okkulter Bücher engagiert wird Recherche über ein Schriftstück zu betreiben, an dessen Entstehung angeblich der Teufel persönlich beteiligt war. Was ihm auf der Suche nach den zwei weiteren Exemplaren dieses Buches passieren wird vermag Corso nicht zu erahnen. Noch bevor er für seine Ermittlungen nach Europa abreist fühlt sich von einer fremden, mysteriösen Frau (Emmanuelle Seigner) verfolgt, und ein befreundeter Buchhändler wird brutal ermordet.
Dies hält ihn dennoch nicht davon ab, sich auf eine blutige Irrfahrt durch Spanien, Portugal und Frankreich zu begeben.

Der Zuschauer verfolgt dies aus der Sicht der Hauptfigur, erfährt kaum mehr als sie über die Geschichte und Bedeutung des Buches und über die damit verbundenen Gefahren. Die Todesfälle in Corsos Umgebung und die Anschläge auf sein Leben häufen sich, doch der ist schon viel zu fasziniert und involviert, um den Auftrag und die Bezahlung aufzugeben.

Polanski bringt gängige Symbole und Versatzstücke der Genre Horror/Mystery/Thriller ins Spiel. Da gibt es viel Feuer und Rauch, um auf die Anwesenheit des Bösen hinzuweisen. Unentwegt zünden sich sämtliche Figuren Zigaretten an und lassen den Rauch elegant qualmen. Da gibt es einen Club, deren Mitglieder an Schlangentattoos zu erkennen sind und die schwarze Messen in schwarzen Kapuzenumhängen feiern.

Das wirkt nicht selten wie eine leichte Parodie. Nur kommt es dieses Mal nicht so humoristisch daher wie in "Tanz der Vampire" - außer in einer Szene, in der sich ein paar überzeugte Satanisten mit einem simplen "Buh!" verscheuchen lassen. Leicht schmunzeln darf man auch, wenn der Sammler Balkan als Code für seine Sicherheitsanlage die Zahl 666 eingibt. Mit Zahlen wird überhaupt viel jongliert. Unschwer schon am Filmtitel und Filmplakat zu erkennen. Da ist Polanski auch besonders detailverliebt, wenn er exakt drei Orangen und nicht mehr oder weniger die Treppe herunterpurzeln läßt.

Verfällt der Regisseur in Klischees oder ist es beabsichtigt, wenn z.B. "die Bösen" durch Sonnenbrillen zu erkennen sind oder wenn sich Balkans schärfste Konkurrentin (Lena Olin) als ganz in schwarz gekleidete Femme Fatale das begehrte Buch durch Sex kaufen will?

Der Film macht solange Spaß, wie man sich als Zuschauer auf das Detektivspiel einläßt: Man rätselt mit, man läßt sich von der Atmosphäre gefangennehmen, läßt die dunklen Räume mit ihren schweren Möbeln wirken.

Beginnt man aber den Plot zu hinterfragen, fangen die Schwierigkeiten an. Fragen wie:
Verhalten sich die Figuren in jeder Situation glaubwürdig? Warum sollte Satan (oder sein Bote) so unspektakulär in Erscheinung treten wie hier? Nach welchen Kriterien wird "der Auserwählte" ausgesucht? Braucht die Geschichte eine Verfolgungsjagd? u.s.w. sollte man in diesem Genre besser nicht stellen.

Von solchen Schwächen abgesehen gäbe es sicher einiges mehr, was positiv zu erwähnen wäre:
Wirklich gute und stimmige Kameraarbeit, die sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängt und schöne Bilder produziert. Bemerkenswerte Musik von Wojciech Kilar, der schon ähnlich düstere Stimmung zu Francis Ford Coppolas "Bram Stoker's Dracula" erzeugte. Die Darsteller sind bis in die kleinsten Nebenrollen gut besetzt.

Ab und zu mag man zweifeln, ob Johnny Depp die Idealbesetzung für die Rolle des Dean Corso war: Man erkennt, daß sein Haar geschwärzt und im Ansatz grau gefärbt wurde - er mußte älter wirken. Und obwohl man ihn als facettenreichen Schauspieler kennt, war er in seinen bisherigen Filmen sicher nicht grundlos immer Sympathieträger. Oder ist er "der Wolf im Schafspelz"?

"Die neun Pforten" paßt zweifelsohne gut in die Endzeitstimmung eines ausgehenden Jahrhunderts. Auch hebt er sich noch immer deutlich vom Hollywooddurchschnitt ab - doch verglichen mit Polanskis früheren Geniestreichen wird er recht unbedeutend. Es ist nicht der Film, dessen Figuren und Bilder einen nicht wieder loslassen, aber immerhin beschert er dem Zuschauer einen angenehmen Kinoabend ohne ihn zu unterfordern.

Das einzige was bei diesem Film wirklich kryptisch bleibt, ist ein zu offensichtliches "product placement".
Oder möchte uns Polanski gar mitteilen, daß Shell mit dem Teufel im Bund ist?

 
Jessica Ridders / Wertung: * * * (3 von 5)


Filmdaten

Die neun Pforten
(The ninth Gate)

F/SP 1999
Regie: Roman Polanski;
Darsteller: Johnny Depp, Frank Langella, Lena Olin, Emmanuelle Seigner u.a.; Drehbuch: John Brownjohn nach dem Roman "Der Club Dumas" von Arturo Pérez-Reverte; Länge: 132 Minuten; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH




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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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