21.09.2017
Fake News über Ausländer

Die Migrantigen


Die Migrantigen: Faris Rahoma als Benny und Aleksandar Petrovic als Marko Sind Migranten auf jeden Fall Kriminelle? Mit diesem Gedankengang spielt der Film "Die Migrantigen" von Arman T. Riahi. In seinem humorvollen Spielfilmregie-Debüt geht der 1981 im Iran geborene Riahi durchaus auf seine eigene Lebenssituation ein: Er ist in Wien aufgewachsen, aber gilt das schon, um als Österreicher anerkannt zu werden? Der Film handelt von zwei Wienern mit Migrationshintergrund, die zufällig zu Serienstars werden, weil sie die klischeetypischen verbrecherischen Ausländer darstellen, die sie selbst nicht sind. Dabei ziehen sie unschuldige Viertel-Bewohner mit rein und verursachen Schaden. Um diesen wieder gutzumachen, begeben sie sich am Ende der Komödie in eine an "Mission Impossible"-Filme angelehnte Tour de Force, ein Einfall der Drehbuchautoren (Riahi und seine beiden Hauptdarsteller), der sehr gut funktioniert. Der Film macht sich in intelligenter Weise über das Schubladendenken lustig, aber eine negative Szene bleibt beim Zuschauer hängen.

Die Migrantigen: Doris Schretzmayer als TV-Redakteurin Weizenhuber Benny (Faris Rahoma) ist gebürtiger Wiener mit ägyptischen Wurzeln. Marko (Aleksandar Petrovic) kam ebenfalls in der österreichischen Hauptstadt zur Welt, aber alle sehen ihn als "Jugo" an. Beide möchten als Wiener akzeptiert sein. Die Freunde haben ihre privaten und beruflichen Probleme. Benny versucht sich als Schauspieler, doch niemand will ihn als Österreicher engagieren. Wenn, dann beispielsweise als arabischen Taxifahrer. Er lehnt dies aus Stolz ab und vergrätzt damit nicht nur den die Komparsen castenden Regisseur (Josef Hader), sondern auch seinen Agenten. Marko hingegen stehen Vaterfreuden ins Haus. Aber: Sein Werbeunternehmen geht pleite. Beide Kumpel brauchen Geld. Da entdeckt die TV-Journalistin Weizenhuber (Doris Schretzmayer) die beiden zufällig. Spontan spielen die Freunde ihr was vor. Sie stellen Szenetypen dar mit viel krimineller Energie. Die Redakteurin Weizenhuber, der jedes Mittel für die Karriereleiter recht ist, hat eine Idee: Die beiden sollen vor der Kamera zu Serienstars aufgebaut werden. Es läuft gut. Doch sie übertreiben. Und rücken andere, Unschuldige, in ein schiefes Licht, nachdem sie selbst von einem Türken hinters Licht geführt wurden. Dieser, gerufen Juwel (Mehmet Ali Salman), coacht sie in Sachen "Schwere Jungs", lügt aber auch aus Spaß, indem er vielen Bewohnern des Viertels Kriminalität nachsagt – was Benny und Marko sofort aufgreifen und vor der Kamera mitteilen.

Die Migrantigen: Mehmet Ali Salman als Juwel Auf den Filmfestivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken und in Nashville gewann "Die Migrantigen" jeweils den Publikumspreis. Verständlich, denn der Film hat innovative Ideen und viel Humor. Allein der Grundgedanke ist neu: Zwei Menschen mit Migrationshintergrund werden als kriminelle Ausländer zu Fernsehstars, obwohl alles nur Fake ist. Fake? Dazu sagt Regisseur Riahi: "Als wir am Drehbuch zu schreiben begonnen haben, waren Fake News noch kein Thema. In der aktuellen Situation zu Donald Trumps Amtsantritt trifft es genau den Nerv der Zeit." Sehr wahr. Der Film spielt perfekt mit Schein und Sein, die Filmfiguren sind gut gezeichnet, der Zuschauer kann sich in alle mit ihren Alltagsproblemen hineinversetzen. Arman T. Riahi, der zuvor nur Dokumentar- und Kurzfilme drehte, zeigt viel Empathie für seine Protagonisten und kann sie an den Kinogänger weiterleiten, mit viel Wortwitz verbunden.

Der aber manchmal verloren geht: Für deutsche Ohren fehlen im Film Untertitel oder gar eine Synchronisation, weil oft das Wienerische nicht zu verstehen ist. Dies ist aber nicht das größte Problem des sonst sehr gelungenen Films. Bei Riahis Versuch zu zeigen, dass Ausländer meistens keine Verbrecher sind, bleibt eine Szene beim Zuschauer hängen: Die beiden Hauptprotagonisten werden mal von einem Türken und seiner Clique mit Messern bedroht. Ein anderer Türke, Juwel, kann sie retten, aber in Erinnerung bleibt die Attacke übler Migranten. Wasser auf die Mühlen rechtsgerichteter Menschen. Es ist nicht im Sinne Riahis, aber die Wirkung dieser Szene ist immens und macht manches vom sonst sehr guten Film und seiner Intention, Ausländer in ihrer Menschlichkeit zu zeigen, kaputt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Camino Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Die Migrantigen  
 
Österreich 2017
Regie: Arman T. Riahi;
Darsteller: Faris Rahoma (Benny), Aleksandar Petrovic (Marko), Doris Schretzmayer (Marlene Weizenhuber), Zijah Sokolovic (Herr Bilic), Daniela Zacherl (Sophie Sedler), Josef Hader (Regisseur Winter), Mehmet Ali Salman (Juwel), Julia Jelinek (Sara), Maddalena Hirschal (Klara), Margarete Tiesel (Monika Lorenz), Dirk Stermann (Poll), Mahir Jahmal (Chris), Rainer Wöss (Herbert Sturm) u.a.;
Drehbuch: Aleksandar Petrovic, Faris Rahoma, Arman T. Riahi; Produzenten: Karin C. Berger, Arash T. Riahi; Kamera: Mario Minichmayr; Musik: Karwan Marouf; Schnitt: Arman T. Riahi, Cordula Werner;

Länge: 98,53 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Camino Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 7. September 2017



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<21.09.2017>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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