14.04.2012
Schmachtender Genremix aus Frankreich

Die Liebenden
- von der Last, glücklich zu sein


Die Liebenden - von der Last, glücklich zu sein Geschlagene 139 Minuten führt der Filmemacher Christophe Honoré uns durch ein halbes Jahrhundert; und sehr wahrscheinlich hätte der Filmemacher gerne weiter gesäuselt, im süßlich-flirrenden Parlando, hätte weitergestrickt am Teppich seines völlig über- und daher auch rasch auserzählten Epos, das eigentlich so recht keines werden will. Eigentlich können die Franzosen – neben vielen, vielen anderen Sachen – tolle, tiefgründige wie auch traurige Liebesgeschichten erzählen. Entweder funktioniert die Liebe, oder sie wird zerstört, manchmal von außen, manchmal von innen. Tragödien, Entzweiungen nehmen ebenso ihren Lauf, wie unvorhersehbare Zusammenfindungen.

Lebens- und Liebesthemen, oder auch die individuellen Lebenslügen werden unter Freunden entweder in luxuriösen Pariser Wohnungen, siehe "Affären à la carte" oder wie in "Kleine wahre Lügen" ausdiskutiert. Rohmer, Sautet, Téchiné, Truffaut, Rivette, Malle, Ozon, sie allesamt entfalten wunderbare, träumerische bisweilen beängstigende wie trügerische Entwürfe der Liebe, und bei Chabrol scheitern die Liebeskonzepte nicht selten an einem ausgetüftelten Mordkomplott. Und sogar der Avantgardist, der Meister sui generis, Godard, spricht zumindest in seinen früheren Werken über die Liebe, die wie in "Elf Uhr Mittags" wundersame wiewohl absurde Wege geht.

Honorés Film fehlt nicht nur jener juvenile Charme, der bei seinem gewollten Genre, nämlich einem Musical-Melodram unabdingbar ist, er verhebt sich auch inhaltlich kräftig, da seine Story nicht nur unheilvoll redundant, sondern allzu geflissentlich und schlussendlich überdramatisiert daherkommt. Lumpen lässt sich der Filmemacher nicht bei der Auswahl seiner Darsteller: Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Chiara Mastroianni auf der weiblichen Seite, Louis Garrel, Milos Forman, Paul Schneider und Michel Delpech auf der männlichen Seite. Sie geben zweifelsohne alle ein formidables Spiel, verkörpern ihre Rolle mit einer Nonchalance wie es von Profis nicht anders zu erwarten ist.

Die Liebenden - von der Last, glücklich zu sein Honoré spannt mit seinem Film aber einen zu großen Bogen, indem er versucht die diversen Lebengeschichten in einem Zeitraum zwischen 1960 und 2001 unter einen Hut zu kriegen. Die Grundkonstellationen: Madeleine verdient sich als Prostituierte ihr Geld, eine Rolle, in die sie – ziemlich naiv konstruiert – durch Zufall hineinschlüpft, und verliebt sich in den Arzt Jaromil, einen ihrer Kunden beim ersten Stelldichein. Sie bekommt ein Kind von ihm, verlässt ihn aber wegen seiner Untreue. Vorläufig zumindest.

Nach Jahren der Abwesenheit taucht Jaromil wieder in Madeleines Leben auf, die nunmehr bürgerlich verheiratet ist. Die neue Liebe entflammt, kann aber so richtig nicht gelebt werden. Alle sitzen zwischen den Stühlen, wo man bekanntermaßen am Tiefsten sitzt.

Véra, die aus dieser Beziehung entstandene Tochter ist latent depressiv, kann nicht leben, geschweige denn an einem Ort glücklich werden. Sie verliebt sich zu allem Überfluss nicht nur in einen Homosexuellen, sondern möchte auch noch ein Kind von ihm. Ganz nebenbei ist der Mann auch noch an Aids erkrankt, was der Geschichte noch einmal mehr Konfliktpotential verleihen soll. Mutter und Tochter sind gezeichnet von den Irrungen und Wirrungen der Liebe und lavieren sich durchs Leben.

Die Liebenden - von der Last, glücklich zu sein Immer wieder lässt der Filmemacher seine Protagonisten in langatmigen und mäßig kitschig anmutenden Szenen singen und tanzen, und wieder singen und tanzen, und dieser Singsang streckt den Film in eine unfassbare Länge. Die Geschichte beginnt im Prag der 60er Jahre, en passant bekommt man den Einmarsch der Russen und die politische Situation mit, um dann ins Paris der 70er und 80er Jahre, ins London der 90er Jahre hineinzustolpern, ohne auch nur ein leises Gefühl der jeweiligen Zeitläufe zu erheischen. Kulminieren wird das Ganze am Abend des 11. September 2001 in Kanada, wo freilich, wie soll es auch anders sein, die Terroranschläge in die dröge Geschichte mehr schlecht als recht verwoben werden.

Unerfüllte Liebe, Leerstellen im Leben, die Unmöglichkeit der Liebe, enttäuschte Liebe, Liebe in Zeiten politischer Umwälzungen, Betrug und Untreue, Depression, Homosexualität, Aids, 9/11, Suizid. Das ist das Potpourri aus denen der Regisseur einen Film gemacht hat, der nach 90 Minuten seine Quintessenzen schon reichlich und über Gebühr ausgezählt hat. Seine Tragik und dramatischen Ereignisse stehen in einem kraft- wie sinnlosen Gegensatz zu seinem albernen Märchengestus.

Christophe Honoré aber wiederholt sich am laufenden Band, dehnt sein Märchen mittels spießiger Musical- und Gesangseinlagen, die sich mit melodramatischen Versatzstücken und einer Möchtegern-Welterkenntis abwechseln, und verpasst die besten Stellen, wo sein Film schon längt hätte enden müssen. Ein Film ist immer ein Ausschnitt aus einem großen Ganzen, im besten Fall fantastisch erzählt, es ist ein überschaubarer slice of life. Honoré aber liefert eine Operette bester Klasse.  

Sven Weidner / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Senator

 
Filmdaten 
 
Die Liebenden - von der Last, glücklich zu sein (Les bien-aimés) 
 
Frankreich / GB / Tschechien 2011
Regie & Drehbuch: Christophe Honoré;
Darsteller: Catherine Deneuve (Madeleine), Ludivine Sagnier (Madeleine, jung), Milos Forman (Jaromil), Chiara Mastroianni (Véra), Louis Garrel (Clément), Paul Schneider (Henderson), Radivoje Bukvic (Jaromil, jung), Goldy Notay (Nandita), Kenneth Collard (Adam) u.a.;
Kamera: Rémy Chevrin; Musik: Alex Beaupain; Schnitt: Chantal Hymans;

Länge: 139,03 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Senator Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 3. Mai 2012



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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