11.September 2003
Eine Heroine gegen Heroin

Die Journalistin


Veronica Guerin (Cate Blanchett), eine prominente und unerschrockene irische Journalistin, lässt sich Mitte der 90er Jahre auf den Kampf gegen Drogenhändler ein und unterschätzt die möglichen Konsequenzen. Regisseur Joel Schumacher ist in seinem Element: Sein favorisiertes Thema, die Reaktion eines Menschen auf die Missetaten anderer, sorgt für einen weiteren die Grenze der Masochismus-Fähigkeit des Zuschauers überschreitenden Film mit diesmal clever camouflierter und doch allzu durchsichtiger Anlage zur Selbstjustiz.

Die Journalistin Veronika: Das ist die Heilige, die Christus während seines Martyriums beim Tragen des Kreuzes nach Golgatha das Schweißtuch reichte, als andere nur zusahen. Guerin (ausgesprochen "Gerrin"): Der Anklang an das französische Wort für Krieg ist ersichtlich, Jeanne D'Arc schwingt darin mit. Ein poetischer Name also, und also eine poetische Erfindung für den Figurennamen einer ums Recht kämpfenden Filmheldin? Keineswegs. Veronica Guerin ist der Name einer realen Dubliner Journalistin, die sich zum Ziel gesetzt hatte, das Heroin, dem Jugendliche mangels Alternative, mangels Bereitschaft zur Antihaltung gegen Drogen und mangels Aufklärung ausgesetzt sind, zu bekämpfen, und nicht allein die Droge, sondern auch die Hintermänner, deren Luxus auf Kosten jener Opfer geht. Veronica wählt die Waffen, die sie als beachtete Person der Medienwelt beherrscht: Was sie in ihrer Kolumne in der Dubliner Zeitung Independent schreibt, wird gelesen. Aber die Verbrecher ziehen ebenfalls die Waffen, die sie beherrschen: Waffen. Blauäugig behauptet Veronica Guerin vor sich selbst und vor anderen: Eine Journalistin wird schon niemand töten. Sie sollte falsch liegen: Ein Film über ihr Engagement war schon unter ihrer Mitarbeit in Vorbereitung, als sie 1996 erschossen wurde. Der Film wurde im Jahr 2000 als "Allein gegen das Verbrechen" ("When the Sky falls") mit Joan Allen unter dem fiktiven Rollennamen Sinead Hamilton realisiert. Schumachers US-Film ist somit bereits ein Remake mit dem Unterschied, dass die Protagonisten bei ihren wahren Namen genannt werden.

Die JournalistinZu Beginn des Films sieht Veronica Guerin eher nebenbei Elend in Reinkultur. Sieht, dass im beschaulichen Dublin unter den Jugendlichen eine Heroin-Szene vorhanden ist. Und sieht Kinder, die mit den Heroin-Spritzen spielen, sieht's und sagt sich, so kann es nicht bleiben. Kein ruhiger Handlungsaufbau, der das Grauen sichtlich steigert, wie es dem Film gut getan hätte, sondern ein Anvisieren des Ekels in medias res. Und Veronica ermittelt. Entdeckt nach und nach die Hintermänner. Bei einem der Handlanger (Ciarán Hinds) verwendet sie investigativen Journalismus: Sie flirtet mit ihm. Kommt dem reichen Gestütsbesitzer und vermeintlichen Saubermann John Gilligan (Gerard McSorley) auf die Spur. Und nennt in ihrer Kolumne alle beim Namen. Die Lage spitzt sich zu, Bedrohungen folgen; sie registriert nicht, wie sehr sie ihr eigenes Leben wie das ihres Gatten und ihres Kindes aufs Spiel setzt. Man schießt auf sie, trifft absichtlich nur ihren Oberschenkel. Dazu folgt das aussagekräftigste Zitat des Films: "Für Aufmerksamkeit hat sie sich doch selbst ins Bein geschossen." Kein Satz etwa eines der Komplizen Gilligans, sondern einer unabhängig beobachtenden Filmfigur.

Die Journalistin Dies ist das Problem dieses Films: Er möchte einer unzweifelhaften Heldin Dublins ein Denkmal setzen, aber das Denkmal steht auf tönernen Füßen. Im Film ist sie eine kühl kalkulierende Frau, die allzu naiv gegen eiskalte Gewaltverbrecher antritt. Regisseur Schumacher und "Pearl Harbor"-Produzent Jerry Bruckheimer erreichten mit ihrem Film keine objektive Charakterisierung aller Beteiligten, sondern eine einzige Manipulation: Dem Kinogänger werden die Gefühle, die gegen Drogenhändler ohnehin vorhanden sind, neu definiert, indem sie ihm durch das Zeigen unablässiger Gewalt in astronomischem Maße potenziert aufoktroyiert werden.

Joel Schumacher hat aus dem Fehler seines Thrillers "8 MM" / "8 Millimeter" zwar gelernt: In der dortigen Hauptfigur, einem von Nicolas Cage gespielten Privatdetektiv, staut sich Wut an nach der Ansicht eines Gewalt-Pornofilms, eines so genannten Snuff-Videos: Er fühlt sich dazu berufen, die dafür ermordete junge Frau zu rächen und führt Vergeltung an den Verantwortlichen durch. Aber Schumacher hat für "Die Journalistin" nur insofern dazugelernt, als dass er seine Haltung pro Selbstjustiz hier raffiniert verkleidet, indem er sie weiterverteilt: Im sich anstauenden Hass des Zuschauers kommt sie nun zum Tragen. Dies hat die echte Veronica Guerin so nicht verdient.  

Michael Dlugosch / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Buena Vista

 
Filmdaten 
 
Die Journalistin (Veronica Guerin) 
 
USA / Irland 2003
Regie: Joel Schumacher;
Darsteller: Cate Blanchett (Veronica Guerin), Brenda Fricker (Veronicas Mutter), Ciarán Hinds (John "Der Coach" Traynor), Darragh Kelly (Terry Fagan), Laurence Kinlan (Timmy), Gerard McSorley (John Gilligan) u.a., als Gast: Colin Farrell (Tätowierter);
Drehbuch: Carol Doyle, Mary Agnes Donoghue; Produktion: Jerry Bruckheimer; Ausführende Produzenten: Ned Dowd, Morgan O'Sullivan, Chad Oman, Mike Stenson; Kamera: Brendan Galvin; Musik: Patrick Cassidy, Harry Gregson-Williams

Länge: 98 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Buena Vista International of Germany



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<11.09.2003>


Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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