2. Februar 2001

Die Vergangenheit von Gespenstern

Die innere Sicherheit

Die innere Sicherheit Hans (Richy Müller) und Clara (Barbara Auer) sind gesuchte RAF-Terroristen. Auch über 20 Jahre nach den Sünden ihrer Vergangenheit finden sie noch immer nicht zur Ruhe: Immer auf der Flucht, immer in Angst, gefasst zu werden, immer in Geldnöten, immer in der Gewissheit, dass es auch jetzt für sie keine Chance auf eine Amnestie geben wird. Vor 15 Jahren haben sie eine Tochter in die Welt gesetzt. Jeanne (Julia Hummer) war stets loyal zu ihren Eltern, machte jeden Ortswechsel mit und ertrug das Alleinsein und die Isolation. Aber jetzt ist sie in der Pubertät und möchte mehr von der Welt haben.

Bei der Deutschlandpremiere von "Die innere Sicherheit" in Köln sprach Regisseur Christian Petzold von "cleverer Marketingstrategie": Kurz vor dem deutschen Kinostart seines Films am 1. 2. 2001 wurden die grünen Bundesminister Joschka Fischer und Jürgen Trittin von ihrer Vergangenheit in der linken Szene eingeholt. Hat Fischer irgendwann einmal, vor langer, langer Zeit, Molotow-Cocktails gegen Polizisten geworfen? Freute sich Trittin einst über die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback? So titelte der SPIEGEL am 29. 1. 2001: "Das Gespenst der 70er - Die Gegenwart der Vergangenheit".
Das ist auch der Inhalt von "Die Innere Sicherheit": Lange zurück liegen die Kämpfe gegen den Staat - aber die harmlosen bis gewalttätigen Vergehen lassen die Mitglieder der linken Szene vergangener Tage auch in der Gegenwart 20 Jahre danach kein normales Leben führen.

Hans und Clara müssen immer auf der Hut sein. Abgetaucht sind sie, doch die Gefahr der Verhaftung droht ständig und überall. Ihre Tochter Jeanne hat von den Ereignissen aus der RAF-Zeit der Eltern nichts miterlebt - das war vor ihrer Zeit -, aber irgendwie hängt sie mit drin, ist mitgefangen. Eine Schule hat Jeanne nicht besucht, Gleichaltrige lernt sie nur flüchtig kennen, sie ist in eine Komplizenrolle hineingeboren und hat sich mit ihr arrangiert. Eine normale Familie zu sein, ist für die drei nicht möglich. Das wissen sie und hangeln von einer Etappe zur nächsten - der bloße Verdacht der bevorstehenden Enttarnung zwingt sie zu Ortswechseln. In "Die innere Sicherheit" geht es nicht um einen Rückblick auf Gewesenes, nicht um die Frage nach Schuld und Sühne, nicht um Glorifizierung oder Ablehnung der RAF. Der Film beinhaltet keine ideologische Stellungnahme, sondern beschreibt das Leben danach, nach Jahresfrist, aber nicht nach der Verjährung, die Verstrickung in etwas, das im Film nicht ein einziges Mal explizit genannt wird.

Die innere Sicherheit: FilmplakatAm Anfang lebt die Familie noch wie Urlauber irgendwo an der portugiesischen Atlantikküste. Aber das Feriendomizil ist keins, sondern ein Versteck. Ein Unsicheres, ein Einbruch in die Wohnung verhindert die Reise nach Brasilien, die weitere Flucht raus aus Europa, die noch größere Entfernung von einem Deutschland, das Jeanne nie kennen gelernt hat. Ausgerechnet dorthin muss die Familie jetzt zurück, nur dort könnten Verbündete noch finanziell aushelfen. Aber die 20 Jahre haben auch die Mitstreiter von einst verändert, die sind auch keine Helden der linken Szene mehr oder gar der neuen Lage im Staat angepasst. Deutschland zu betreten, bedeutet für Jeanne nicht, endlich auf heimischem Boden zu sein; zu viele Heimaten hat sie gehabt. Deutschland zu betreten, bedeutet für sie, den gleichaltrigen Heinrich (Bilge Bingül) wieder zu sehen, den sie in Portugal traf. Sie hat die Pubertät erreicht und möchte das normale Leben entdecken. Das aber hieße, die Eltern zu verraten.

Zu "Die innere Sicherheit" inspirierten Christian Petzold Texte des 1993 in Bad Kleinen erschossenen gesuchten RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Songtexte, in denen Grams beschreibt, wie er ein normales Leben zu führen versuchte. "Nachrichten aus dem Untergrund, die davon erzählten, dass da irgendwelche Gespenster an ihrer Menschwerdung arbeiteten. Die hier in der Geschichte zeugten ein Kind. Sie werden Familie. Begehren das Normale. Wenn Gespenster Menschen werden möchten, dann sind sie immer Protagonisten einer Tragödie", so Petzold.

Der Film hatte den Arbeitstitel "Gespenster". So lebt die Familie in einer Halbwelt, vergebens auf der Suche nach einem normalen Leben. Regie und Kamera lassen nie einen Zweifel daran, dass für die Eltern kein Entkommen mehr möglich ist. Die Eltern werden immer als ausgebrannt dargestellt, ihre chronische Nervosität ist Zwangsneurose geworden. Wie Barbara Auer und Richy Müller dezent den von Machtlosigkeit unterdrückten Groll gegen den Zustand ihrer Filmfiguren darstellen, ist hohe Schauspielkunst.

Wem die Zukunft noch gehören kann, ist Jeanne, dementsprechend stellt der Film sie in den Mittelpunkt. Jeanne sucht, im Gegensatz zu ihren Eltern, noch ernsthaft nach Befreiung. Julia Hummer stellt als Jeanne sehr feinfühlig die Zweischneidigkeit ihrer Situation dar: Ihr spürt man sowohl stets den Käfig der Eltern an, der für vertrauten familiären Halt, aber auch für Beklemmung steht, als auch die Neugierde nach dem Unbekannten. Ihr ist die Wahl zwischen weiterem Dasein als "Gespenst" oder als Mensch mit Neuanfang noch gegeben...  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Verleih


Filmdaten

Die innere Sicherheit


Titel für den englischsprachigen Markt: The State I Am In
Deutschland 2000
Regie: Christian Petzold; Drehbuch: Harun Farocki, Christian Petzold; Darsteller: Julia Hummer ("Absolute Giganten", Jeanne), Barbara Auer (Clara), Richy Müller (Hans), Bilge Bingül (Heinrich), Günther Maria Halmer (Klaus), Katharina Schüttler (Paulina), Bernd Tauber (Achim); Produzenten: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber; Kamera: Hans Fromm; Montage: Bettina Böhler; Casting: Simone Bär; Szenenbild: Kade Gruber; Musik: Stefan Will; Länge: 102 Minuten; deutscher Kinostart: 1. 2. 2001



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