02.02.2018
Die Poesie des Klassenzimmers

Die Grundschullehrerin


Black-Screen. Der Zuschauer hört zwei Stimmen, die das Wort â-v-e-n-t-i-u-e-r-e buchstabieren. Die erste Einstellung zeigt Florence Mautret zu zweit mit einer Schülerin an einem Tisch in ihrem Klassenzimmer sitzen. Tara, die Schülerin, hat es bis in die 4. Klasse geschafft, ohne lesen zu können, mit Auswendiglernen und Raten. Madame Mautret, anstatt sie zurückzustufen, nimmt sich die Zeit ihr jetzt das ganze Alphabet von vorne beizubringen. Das Bild verweilt lange still bei dieser Szene, bis man als Betrachter fast unruhig wird und ein wenig jene Geduld der Lehrerin aufbringen muss, um sich auf dieses langsame Tempo von Madame Mautret und Tara einzulassen. Der Film führt unmittelbar in Rhythmus und Tempo des Klassenzimmers hinein.

Die GrundschullehrerinUm diesen Raum, in dem auch das Schulkaninchen Sombrero wohnt, und die Lehrerin Florence Mautret ordnen sich die Geschichten, die der Film der Regisseurin Hélène Angel erzählt. Florence ist mitten dabei in eine berufliche und private Krise zu rutschen. Ihr Sohn Deniz (Albert Cousi), mit dem sie wie der gutmütige und scharfsinnige Rektor Monsieur Sabatier (Patrick D'Assumçao) in einer Wohnung im Schulgebäude lebt, will mit seinem Vater für ein Jahr nach Java ziehen. Das ist für Florence nicht akzeptabel, weder als Mutter noch als Klassenlehrerin ihres Sohnes, aus Angst ihren Sohn an den Ex-Mann zu verlieren und ebenso aus Sorge um seinen schulischen Werdegang. Weder räumlich noch gedanklich gibt es für Florence eine Trennung zwischen ihrem Beruf und ihrem Privatleben. Dieser heikle, idealistische Lebensentwurf wird endgültig aus dem Gleichgewicht gebracht, als eines Tages Sacha aus der Parallelklasse (Ghillas Bendjoudi) ihren Klassenraum betritt, weil er seine Schwimmsachen vergessen hat. Er ist größer und stärker als alle anderen und er stinkt, weshalb über ihn getuschelt und gelästert wird. Seine Mutter ist vor zehn Tagen verschwunden, hat ihn zurückgelassen mit nichts als einem Haufen Geld für Chips, Cola und Kebab. Seine einzige Bezugsperson ist ein Panda-Helm tragender Sushi-Kurier, Mathieu (Vincent Elbaz) einer der vielen Ex-Freunde seiner Mutter, dessen Handynummer in Sachas Notfallheft steht.

Die Frage, was mit dem wiederholt gewalttätigen Sacha geschehen soll, wird auch für das Kollegium zum Prüfstein, an dem Diskussionen über das Berufsethos zum Streit eskalieren, bei dem auch ein sanft-ironischer Blick auf den Pädagogensprech gerichtet wird. Idealismus, Pragmatismus und Gleichgültigkeit prallen aufeinander, inszeniert voller Freude am Spiel mit Lehrertypen und Lehrerzimmerdynamik. Florence gerät zunehmend in Zweifel über ihren Traum von der Schule als einer 'Insel der Freiheit', einem Ort, an dem sie Kindern das selbstständige und freie Denken beibringen will. Plötzlich erscheint es ihr merkwürdig all ihre Tage als einzige Erwachsene unter Kindern zu verbringen. Der Film stößt in diesen Passagen eine Reflexion darüber an, was Schule können sollte und welche Grenzen ihr in der Realität vielleicht gesetzt sind. Mehr aber als diese Reflexion steht die Faszination für diesen Ort im filmischen Mittelpunkt: für die unterschiedlichen Wege, die sich dort kreuzen, die Geschichten die dort ihren Anfang nehmen, die fast märchenhafte Abgeschlossenheit des Schulgebäudes, die untrennbar verbunden ist mit seiner Sensibilität für die gesellschaftlichen Verhältnisse und Konflikte. Auch Liebesgeschichte und Selbstfindung der Protagonistin gehören zum Repertoire des Films und flankieren souverän und konventionell erzählt seinen Kern.

Die Grundschullehrerin Am Stärksten entfaltet sich der Film in den Klassenzimmerszenen, wo die Performance von Sara Forestier und die Spielfreude all der Schüler-Darsteller den Humor und die existentielle Explosivität noch der alltäglichsten Unterrichtssituation auf die Leinwand bringen, uns die Zerbrechlichkeit und Leistung der Lehrerin inmitten der überbordenden Schüler-Lebendigkeit vor Augen führen und die verwundbare Schönheit dieser merkwürdigen Sache Lehrer-Schüler-Beziehung. Das artikuliert auch die schüchterne Referendarin, wenn sie Florence beichtet, sie könne nicht Unterrichten, sie habe Angst vor den Kindern, das Gefühl auf einem Atomreaktor zu sitzen. Die Klassenzimmerszenen sind laut, bunt manchmal fast bis zur Choreographie gesteigert, dann aber auch wieder ruhig und konzentriert, glühende Neugier in den Augen und Lust am Lernen von dieser Lehrerin, hier findet der Kameramann Yves Angelo eine klare und charakteristische Bildsprache für die Poesie des Klassenzimmers. Der Film ist eine sensible und erzählfreudige Annäherung an die vielfältigen Ereignisse und Beziehungen, die sich in den Räumen von Schulen ereignen und es gelingt ihm berührend, lustig und fein, mit Klischees spielend, von diesem merkwürdigen Menschenschlag der Lehrer zu erzählen. Mit der "Grundschullehrerin" ist endlich wieder ein feinsinniger Film über die Schule gedreht worden, über Lehrer und über Schüler.  

Simon Probst / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Alamode Film

 
Filmdaten 
 
Die Grundschullehrerin (Primaire) 
 
Frankreich 2016
Regie: Hélène Angel;
Darsteller: Sara Forestier (Florence Mautret), Vincent Elbaz (Mathieu), Albert Cousi (Denis Mautret), Ghillas Bendjoudi (Sacha Drouet), Guilaine Londez (Madame Duru), Hannah Brunt (Charlie), Olivia Côte (Marlène Peillard), Patrick d'Assumçao (M. Sabatier), Lucie Desclozeaux (Laure), Denis Sebbah (M. Hadjaj), Frédéric Boismoreau (Rémi), Laure Calamy (Christina Drouet) u.a.;
Drehbuch: Hélène Angel, Yann Coridian; Produzentin: Hélène Cases; Kamera: Yves Angelo; Musik: Philippe Miller; Schnitt: Sylvie Lager, Christophe Pinel;

Länge: 105,29 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Alamode Filmdistribution oHG; deutscher Kinostart: 15. Februar 2018



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<02.02.2018>


Zitat

"Er war einer der großen deutschen Filmhistoriker, hellsichtig, leidenschaftlich, präzise. Aus dem Münchner Filmmuseum, das er von 1973 bis 1994 leitete, machte er einen Ort für alle, die das Kino lieben und verstehen wollen, wie es funktioniert. Zusammen mit seiner Frau Frieda Grafe setzte er neue Maßstäbe für die Reflexion über den Film als Kunstform. Durch umfangreiche Retrospektiven schärfte er den Blick auf die Werke bedeutender Filmemacher, aber auch für die Komplexität des Genre-Kinos. Er rekonstruierte Klassiker wie 'M' oder 'Metropolis' und schuf damit ein Bewusstsein für den Reichtum des Stummfilms."

Aus dem SPIEGEL-Nachruf zum Tode des Filmpublizisten
und -kritikers Enno Patalas (15.10.1929 - 07.08.2018)

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