20.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum

Die Geträumten


Die Geträumten "Ich gehöre zu den Menschen, den altmodischen, die den Brief noch für ein Mittel des Umgangs halten, der schönsten und ergiebigsten eines." Es ist Rainer Maria Rilke, der hier so leidenschaftlich sein Plädoyer für das Medium Brief einleitet. Dass eine Korrespondenz per Brief auch im Whatsapp-Zeitalter noch das Interesse zweier junger Menschen zu wecken vermag, ist die Arbeitshypothese von Ruth Beckermann. Die österreichische Regisseurin lässt den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan im Wechsel vom Schauspieler Laurence Rupp und der Musikerin Anja Plaschg lesen. Die Kamera ist als unaufdringlicher Begleiter dabei, erfasst ruhig, was geschieht – auch in den Pausen. "Die Geträumten" erweckt eine vergangene Liebe zum Leben, die vom Ringen um Worte zum Ausdruck des eigenen Inneren bestimmt ist. Gleichzeitig setzt er auf die transformative Kraft der Worte. Auf der diesjährigen Berlinale laufen einige Filme, die behaupten, sich mit Literaten und ihren Beziehungen, auch ihrem literarischen Schaffen zu befassen. Dieser hier tut es wirklich.

Ruth Beckermanns Versuchsanordnung ist so bestechend einfach, dass man sich zu Anfang fragt, ob das auszureichen vermag: Zwei junge Menschen im Funkhaus Wien, vor großen Mikrophonen, allein mit einer Auswahl von Texten, die in einer Zeitspanne von fast zwei Jahrzehnten entstanden sind: Briefe, Postkarten, Widmungen, Telegramme, geschrieben zwischen 1948 und 1961. Ein letzter Brief Celans datiert auf das Jahr 1967. Sie illustrieren das Bemühen der beiden Künstler und Liebenden um Verstehen, den Kampf um Nähe, deren Verlust, die phasenweise Entfremdung – die Wiederannäherung. Schnell zeigt sich, dass es gerade diese reduzierte Art der Präsentation ist, die die Wirkung der Texte zur vollen Entfaltung bringt. Wie Laurence Rupps Gesicht vor Freude über einen angekündigten Besuch erstrahlt. Wie Anja Plaschgs Augen sich plötzlich verdunkeln, weil das Gesagte zu tief empfunden wird. Wie sie sanft, aber bestimmt, die Aufnahme unterbricht: "Jetzt Schluss, bitte."

Sowohl Rupp als auch Plaschg gehen mit großer Empathie in diese intime Korrespondenz hinein, erforschen die Nuance jeder Empfindung, loten vorsichtig die Beziehungen aus, die die Briefe konstituieren. Beziehungen, ja, denn es ist nicht nur eine: Natürlich geht es um die zart aufkeimende, dann immer diffiziler sich gestaltende und mitunter brüchig werdende Liebe zwischen Bachmann und Celan – doch stets gleichermaßen präsent ist die Liebe zur Literatur, das beharrliche Bemühen um das Wort, die Sprache, der als Gaunersprache misstraut werden muss. Und die doch, oft schon aufgrund der räumlichen Distanz, das einzige Instrument, die einzige Möglichkeit ist, einander nahe zu kommen, zu verstehen und verstanden zu werden.

Die Geträumten In den Pausen sitzen Plaschg und Rupp auf einer Treppenstufe, rauchen eine Selbstgedrehte. Wie sehr sie das eben Gesprochene beschäftigt, lässt sich oft eher an beiläufig wirkenden Gesten, an flüchtigen mimischen Ausdrücken, an dem, was ungesagt bleibt, ablesen. So weit weg die Zeit sein mag, in der der Postbote noch zweimal am Tag, morgens und nachmittags, kam, so aktuell, so zeitlos sind die Empfindungen, mit denen sich die beiden Interpreten auseinanderzusetzen haben: die Ungeduld im Warten auf eine Antwort. Die Frustration, immer noch ohne Antwort zu sein. Der Groll, weil sich in der Antwort nicht das Erwünschte findet.

"Schade, dass sie den Brief nicht abgeschickt hat, die Inge", bringt Rupp einmal sein Unbehagen zum Ausdruck, dass Bachmann in einem Fall nicht auf Artikulation und Konfrontation bestanden hat. "Die Rolle der Klagenden ist ihr über den Kopf gewachsen", rechtfertigt Plaschg die Verweigerung der Fortsetzung der Kommunikation. Sie argumentieren, fragen sich, wie sie selbst gehandelt hätten, zweifeln und rütteln am Geschehenen. Wie beide Partei ergreifen, erscheint wie ein natürlicher Effekt, den die transformative Kraft der Sprache hervorbringt.

"Die Geträumten" ist ein kluges Arrangement: Auf der einen Ebene sind Bachmanns und Celans Emotionen durch Stimme, Mimik und Körpersprache auf spannungsvolle Weise präsent; auf der zweiten Ebene erfährt diese Unmittelbarkeit eine Erweiterung in der Reflektion von Schauspieler und Musikerin über das gerade Gesagte. Die Reflektion wiederum ist Anlass für einen subtilen Wandel der beiden. Worin er genau bestehen mag, lässt sich lediglich erahnen. Ein Film, von dem am meisten profitiert, wer sich vorbehaltlos auf ihn einlässt. Danach möchte man wieder Briefe schreiben. Und selbst welche bekommen. Zweimal am Tag.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Ruth Beckermann Filmproduktion

 
Filmdaten 
 
Die Geträumten  
 
Österreich 2016
Regie: Ruth Beckermann;
Mitwirkende: Anja Plaschg (Ingeborg Bachmann), Laurence Rupp (Paul Celan);
Drehbuch: Ina Hartwig, Ruth Beckermann; Produzentin: Ruth Beckermann; Kamera: Johannes Hammel; Schnitt: Dieter Pichler;

Länge: 92,15 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 27. Oktober 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<20.02.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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