13.08.2026

Extreme Schwestern

Die bleierne Zeit

Als die RAF noch jagte... und gejagt wurde. 1981 entstand "Die bleierne Zeit" inmitten des Terrors, der sogenannte "Deutsche Herbst" lag vier Jahre zurück: Hanns Martin Schleyer wurde ermordet, das Passagierflugzeug "Landshut" entführt und befreit, es folgte der Tod mehrerer RAF-Terroristen der ersten Generation. Darunter: Gudrun Ensslin. "Die bleierne Zeit" ist an ihr interessiert. Und an ihrer Schwester Christiane. Beide entstammen einer Pfarrersfamilie. Im Film heißen sie Marianne und Juliane Klein, gespielt von Barbara Sukowa und Jutta Lampe. Es ist großes Schauspiel, was vor allem Jutta Lampe liefert. Ihre Juliane steigert sich in den Gedanken hinein, den vermeintlichen Selbstmord Mariannes aufzuklären: Mord von staatlicher Hand? Sie ist verbissen wie zuvor ihre Schwester im Terror.
Margarethe von Trotta drehte den Film hervorragend. Nach dem Gewinn des Goldenen Löwen der Filmbiennale Venedig 1981 wurde von Trotta zum Regiestar.

Der Begriff RAF (Rote Armee Fraktion) kommt im Film nicht vor. Nicht vor kommen auch Namen wie Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Irmgard Möller. So, wie Gudrun Ensslin. Nicht vor kommt die "Landshut". Und nicht Hanns Martin Schleyer, Siegfried Buback etc. Es fällt im Film kein Schuss. Von Bomben und Banküberfällen ist nur die Rede. "Die bleierne Zeit" ist kein Actionfilm, das Gegenteil ist der Fall. Viel sieht der Zuschauer Hochsicherheitsgefängnisse. In denen Juliane sich in zermürbender Prozedur vor einer Wärterin ausziehen muss, bis sie nackt dasteht. Damit sie nichts hineinschmuggeln kann. Von Trottas Film ist im Prinzip dreigeteilt: Vor und nach dem Tod Mariannes spielt er, dazu gibt es immer wieder Rückblicke in die Kindheit der Schwestern. Dort ist nicht Marianne die Aufmüpfige, sondern Juliane. Sie will Hosen tragen. Zum Ärger des Vaters, des Pfarrers. Beim Schulball tanzt sie alleine zur Verblüffung der Menschenmenge um sie herum. Sie möchte die Leute irritieren, selber unangepasst sein. Marianne hingegen wird mal gezeigt, wie sie auf dem Schoß des Vaters sitzt. Später ist Marianne die Radikale und Gejagte. Und Juliane? Nicht minder radikal und gejagt, aber auf andere Weise.

Beide Schwestern sind auch Schwestern im Geiste. Was der Film anschaulich zeigt, indem einmal beider Gesichter durch eine Spiegelung übereinandergelegt sind. Beide sind extrem und steigern sich in eine Aufgabe hinein. Marianne in die versuchte Revolution - der Begriff ist der einzige Hinweis auf die RAF -, Juliane in die Hilfe für ihre Schwester und später in die Beweisssuche, dass es kein Selbstmord war. Bis sie am Ende des Films erkennt, was ihre eigentliche Aufgabe ist...

Ein Film einer Frau über Frauen, es klingt nach Alice Schwarzer - und tatsächlich spielt die Feministin im Film eine Rolle: Juliane arbeitet für eine an Schwarzer angelegte Frau und deren Frauenzeitung. So, wie die echte Christiane Ensslin für "Emma" schrieb.

Margarethe von Trotta drehte einen starken Film, weil er nüchtern die Filmhandlung wiedergibt, so radikal nüchtern wie seine Protagonistinnen radikal sind. Von Trotta begeht nicht den Fehler, selber die Selbstmordtheorie zu verfolgen, das überlässt sie ihrer Hauptfigur. Gleichzeitig ist es ein intelligenter Film über Beziehungen. Die von Juliane und Wolfgang (Rüdiger Vogler) leidet unter den Ereignissen. Die von Marianne zu ihrem Mann Werner und zu ihrem kleinen Sohn Jan findet nicht statt, Marianne ist nie mit beiden zu sehen. Sondern sie ist immer nur im Bilde in Gegenwart Julianes. Diese ist Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen, somit auch derjenigen, die Marianne führen müsste.

Die größte Stärke des Films ist aber das Untersuchen des Reinsteigerns der Protagonistinnen in etwas. Beide Schwestern kämpfen für die Frauenrechte - jeweils in Extremform. Sie kämpfen bis zur Selbstaufgabe.

Eine Notiz zum Schluss: Schauspielerin Jutta Lampe war Jahrgang 1937 (und verstorben ist sie 2020). Barbara Sukowa hingegen wurde 1950 geboren. Beide spielen ein Jahr auseinanderliegende Schwestern. Man merkt es erst bei näherem Hinsehen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Die bleierne Zeit


BRD 1981
Regie & Drehbuch: Margarethe von Trotta;
Darsteller: Jutta Lampe (Juliane), Barbara Sukowa (Marianne), Rüdiger Vogler (Wolfgang), Doris Schade (die Mutter), Vérénice Rudolph (Sabine), Luc Bondy (Werner), Franz Rudnick (der Vater) u.a.;
Produzent: Eberhard Junkersdorf; Kamera: Franz Rath; Musik: Nicolas Economou; Schnitt: Dagmar Hirtz;

Länge: 106 Minuten; westdeutscher Kinostart: 25. September 1981



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