04.05.2017

Die anonymen Romantiker

Jean-René (Benoît Poelvoorde) gerät eifrig ins Schwitzen, sobald er sich mit einer Frau unterhält. Deshalb bringt der Besitzer einer kleinen Schokoladenfabrik zum Date mit seiner neuen Angestellten Angélique (Isabelle Carré) eine ganze Tasche baugleicher Wechselhemden mit, die er auf der Restaurant-Toilette versteckt. Regelmäßig unterbricht Jean-René die laufende Unterhaltung abrupt, flieht zu seinem Depot und wechselt hektisch das Hemd – als er sich vergreift und unerwartet mit einem altbackenen Rüschenhemd vor seiner Begleitung steht, ergreift der Unentspannte übereilt die Flucht aus dem Toilettenfenster.

Dass dieses Rendezvous überhaupt zustande gekommen ist, grenzt an ein Wunder: Während Jean-René im zwischenmenschlichen Bereich extrem schüchtern und verkrampft agiert, zählt Angélique zur Gruppe der hochsensiblen Persönlichkeiten. Schon ein kleiner Anlass genügt und Angélique fällt in Ohnmacht oder reagiert anderweitig panisch. Als die beiden in der Schokoladenfabrik von Jean-René aufeinander treffen und unter höchster Anspannung eine romantische Annäherung wagen, ist emotionales und verbales Chaos vorprogrammiert.

Die von den übersteigerten Sozialphobien bestimmte Liebesgeschichte bildet das alleinige Herzstück von "Die anonymen Romantiker", den Regisseur Jean-Pierre Améris auf als unaufgeregte Liebeskomödie alter Schule inszeniert. Améris verliert seine Figuren nie aus den Augen und setzt nicht auf laute Kalauer oder ein hohes Tempo, sondern auf gemächlich arrangierte Situationskomik, die ihre Prägung in erster Linie durch das unbeholfene Verhalten der beiden Verliebten erfährt. Es ist daher ein Glücksfall, dass die Hauptdarsteller Benoît Poelvoorde ("Nichts zu verzollen") und Isabelle Carré ("Rückkehr ans Meer") ihre verschrobenen Figuren sympathisch darstellen und in der gemeinsamen Interaktion glänzend harmonieren. Ein wenig mehr Biss hätte die arg harmlose Komödie zwar vertragen, doch nette Abendunterhaltung offeriert "Die anonymen Romantiker" allemal.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de, 11.08.2011.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Die anonymen Romantiker
(Les émotifs anonymes)

Frankreich/Belgien 2010
Regie: Jean-Pierre Améris;
Darsteller: Benoît Poelvoorde (Jean-René Van Den Hugde), Isabelle Carré (Angélique Delange), Lorella Cravotta (Magda), Lise Lamétrie (Suzanne), Swann Arlaud (Antoine), Pierre Niney (Ludo), Stéphan Wojtowicz (Der Psychologe), Jacques Boudet (Rémi), Alice Pol (Adèle), Céline Duhamel (Mimi), Philippe Fretun (Maxime) u.a.;
Drehbuch: Jean-Pierre Améris, Philippe Blasband; Produzenten: Nathalie Gastaldo, Philippe Godeau; Kamera: Gérard Simon; Musik: Pierre Adenot; Schnitt: Philippe Bourgueil;

Länge: 77,52 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 11. August 2011



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Zitat

"Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land. ... Zumal Artur Brauner dies [das Produzieren von Filmen über den Holocaust; Red.] schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Tode des legendären Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner (1. August 1918 - 7. Juli 2019)

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