03.11.2011
Die "Performance Capture"-Technik und die Dramaturgie eines Comics

Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn


Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn Unverschämt gut aussehend präsentiert sich im Jahre 2011 die filmische Neuauflage von "Die Abenteuer von Tim und Struppi", basierend neben zwei weiteren auf dem Comic "Das Geheimnis der Einhorn", veröffentlicht in den Jahren 1942 und 1943. Es war schwierig, die herausragende Visualität der "Performance Capture"-Technik mit der Dramaturgie der Comics in Einklang zu bringen. Steven Spielbergs erster von mehreren geplanten "Tim und Struppi"-Filmen schafft es leider nicht ganz.

Die Story entwickelt sich in alter "Indiana Jones"-Abenteuermanier. Tim und sein tierischer Begleiter Struppi kaufen auf einem Flohmarkt das Modell eines Schiffes. Bald stellt sich heraus, dass die "Einhorn" ein Geheimnis beherbergt, für das viele töten würden. Es scheint drei Exemplare des Modells zu geben, die zusammen vereint zu einem großen Schatz führen. Somit ist klar, dass zahlreiche Widersacher nicht weit sind und um sich die Schatzkarte unter den Nagel zu reißen. Es entbrennt ein tödlicher Wettkampf, der die beiden Protagonisten an exotische Ziele der Erde bringt. Als Sidekicks werden Mensch und Hund mehr oder weniger vom versoffenen Kapitän Haddock bzw. von den vertrottelten Zwillingen Schulze und Schultze unterstützt. Diese sind für die komischen Elemente im Film verantwortlich und ein Pflichtbestandteil der Reihe, auch wenn sie knapp 70 Jahre später immer noch erschreckend dämlich handeln.

Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn Visuell wird die Jagd überragend in Szene gesetzt und grafisch ist "Tim und Struppi" derzeit der Animationsfilm, an dem sich die anderen messen müssen. Auch ein immer noch in unserer aller Gedanken präsenter Meilenstein "Avatar" muss hier kleinere Brötchen backen. Der Detailreichtum in allen Szenen und die Farbenfülle sind das erste, was dem geneigten Animationsfan ins Auge sticht. Der Zuschauer hat das Gefühl, dass im Hintergrund manchmal mehr passiert als im Vordergrund. Auch die Schärfe der Bilder und die mittlerweile atemberaubende Realitätsnähe von Mimik, Gestik und diversen Bewegungen sind erstaunlich. Rauchende Kanaldeckel, aufgewirbelter Sand in der Wüste, Atemwolken, vergrößerte und verschwommene Blicke durch Lupen, zerspringende reflektierende Glassplitter, sanfte Bewegungen der Haare und zu guter Letzt die Wellenbewegung des Meeres sind teilweise nicht mehr von echten Bildern zu unterscheiden. Gerade die Sequenz, in der Tim, Struppi und Haddock auf offener See schiffbrüchig werden, birgt manche Einstellungen, die einen die Computeranimation des Filmes kurzzeitig vergessen lassen.

Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn Was zunächst positiv wirkt, hat aber auch negative Seiten. Wer die alten "Tim und Struppi"-Verfilmungen kennt, wird gerade deren Einfachheit und Geradlinigkeit vermissen, die nostalgisch gerade am Anfang durch Originalportraits nett eingearbeitet wurden. Der unschuldige und unverbrauchte Tim aus dem Original weicht einem abgezockten Leonardo DiCaprio-Verschnitt, der durch seine realistische Darstellung seiner Jugendlichkeit beraubt wird. Allgemein lenkt die exzellente Grafik an vielen Stellen von der Storyline ab und setzt zu sehr auf visuelle Schönheit. Die Geschichte zieht sich an einigen Stellen sowieso schon und entwickelt sich insgesamt wenig überraschend. Gerade der Mittelteil, in dem durch Rückblicke die Geschichte und Hintergründe der "Einhorn" offenbart werden, wirkt sehr aufgesetzt und heuchelt Tiefgründigkeit. Hier sollten wahrscheinlich unbedingt einige schöne Piratenanimationen und Schiffsschlachten verpackt werden. Das gelungene und vor allem furiose Finale entschädigt den Zuschauer jedoch dafür und präsentiert einen guten Film, der aber trotz seines Zeichentrickcharakters und verniedlichendem Titels nicht unbedingt für die ganze Familie geeignet ist. Manche Stellen sind gewalttätig mit vielen Feuergefechten, in denen sogar Blut fließt. Wer aber seinen Kleinen das heutige Fernsehprogramm unbeaufsichtigt sehen lässt, muss sich keine Sorgen machen, da er mittlerweile schon Schlimmeres gewohnt ist. Kenner der Originale schrecken eventuell vor dem spektakulären Grafik-Bombastizismus zurück, Neulingen kann der Film durchaus ans Herz gelegt werden.  

Daniel Forstner / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Sony Pictures

 
Filmdaten 
 
Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn (The Adventures of Tintin) 
 
USA / Neuseeland 2011
Regie: Steven Spielberg;
Darsteller: ("Performance Capture"-Technik) Jamie Bell (Tim), Andy Serkis (Kapitän Haddock), Daniel Craig (Iwan Iwanowitsch Sakharin), Nick Frost (Schulze), Simon Pegg (Schultze), Toby Jones (Aristide Klemm-Halbseid), Mackenzie Crook (Tom), Daniel Mays (Allan), Gad Elmaleh (Omar Ben Salaad), Joe Starr (Barnaby) u.a.;
Drehbuch: Steven Moffat, Edgar Wright, Joe Cornish; Produktion: Steven Spielberg, Peter Jackson, Kathleen Kennedy; Ausführende Produktion: Ken Kamins, Nick Rodwell, Stephane Sperry; Musik: John Williams; Schnitt: Michael Kahn;

Länge: 106,59 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Sony Pictures Releasing GmbH; deutscher Kinostart: 27. Oktober 2011



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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