01.11.2019
Schweigen, Starren, Sinnieren

Deutschstunde (2019)


Deutschstunde (2019): Levi Eisenblätter, Ulrich Noethen Als ich mir den Film an einem Samstagabend in einem großen, Hamburger Kino ansah, stand nach zwei Minuten ein junges, muslimisches Paar aus der ersten Reihe auf und verließ fluchtartig und sichtbar irritiert den Kinosaal. Eine amüsante, beiläufige Begebenheit? Gewiss. Aber auch ein leises Fragezeichen hinter der Frage, was Kinobesucher im Jahr 2019 von einem Filmdrama namens "Deutschstunde" erwarten können sollten. Erst recht, wenn sie das gleichnamige Buch bereits gelesen haben und sich neue Antworten auf alte Fragen erhoffen.

Christian Schwochow hatte sich viel vorgenommen und der knapp über zwei Stunden lange Film versucht mit Starbesetzung sein Bestes: Eine ebenso umfang- wie einflussreiche, aber auch sehr vielschichtige Romanvorlage des Schriftstellers Siegfried Lenz musste abgearbeitet werden. Außerdem existiert ein beachtenswerter cineastischer Vorläufer des Regisseurs Peter Beauvais aus dem Jahr 1971: Er wurde drei Jahre nach Erscheinen des damals vieldiskutierten Romans in Überlänge gedreht und darf (nicht zuletzt wegen der ingeniösen Darstellung des Malers Nansen durch den Schauspieler Wolfgang Büttner) als Musteradaption gelten. Damit sind die beiden wichtigsten Rechtfertigungsgründe für das Scheitern Schwochows aber auch schon benannt.

Deutschstunde (2019): Louis Hofmann, Tobias Moretti Allenfalls als mildernder Umstand kann ins Feld geführt werden, dass die Verfilmung eines Romans generell umso schwieriger ins Werk zu setzen ist, je kunstvoller dessen Sprache und je ausgearbeiteter sein Sujet ist. In Lenz' "Deutschstunde" trifft beides in hohem Maße zu, weshalb man das Buch – je nach nationaler Stimmungslage oder gerade vorherrschendem Zeitgeist – mal als Entwicklungsroman, mal als Antikriegsbuch (wahlweise als antifaschistisches Manifest), mal als autobiographische Aufzeichnung, mal als antiautoritäres Statement in Zeiten der Studentenbewegung oder als Zustandsbeschreibung der deutschen Nachkriegsgesellschaft, mal als Künstlerroman verstanden und zeitweise sogar zur Schullektüre erhoben hat. Erschwerend kommt hinzu, dass Siegfried Lenz selbst (der neben Günter Grass der bekannteste und wichtigste deutsche Gegenwartsliterat war und fast zeitgleich mit diesem 2014 starb) sich zeitlebens nur vage und meist erkennbar widerwillig zur Frage geäußert hat, welche Kernbotschaft sein Buch eigentlich in sich trage.

Wenn also der Roman "Deutschstunde" überhaupt eine Botschaft hat, dann – zumindest dem Dichterintellektuellen Lenz nach – offenbar zunächst einmal die, dass es keine geben kann, sondern nur möglichst genaue Beschreibungen. Liest man auch andere Bücher des Schriftstellers, findet man diese These rasch bestätigt: Lenzens uneingeschränkte Bemühung gilt nämlich nicht dem Ausdruck irgendeiner politischen oder gesellschaftskritischen Haltung, sondern der conditio humana und dem, was Philosophen einst, ein wenig hilflos, die menschliche "Existenz" genannt haben. Dass daraus kein pluralistischer Allgemeinplatz werde, hat Fritz J. Raddatz für die Nachwelt bereits in seinem Nachruf vom 09.10.2014 ausgeschlossen: "Nicht nur Dorn und Zorn regieren das Schaffen dieses Romanciers, sondern ein fast erschreckendes Prinzip – der Zweifel. Siegfried Lenz verkündet keine Wahrheiten, er glaubt auch nicht an eine irgendwo aufzufindende Wahrheit. Seine Menschen irren. Da liegt das Wundersame des schrulligen Postboten aus der Deutschstunde, da bleckt sein gelegentlich wütendes Nein zu den Zuständen der Welt hervor – in großartigen Erzählungen noch des Spätwerks, in sehr genau gearbeiteten Essays, in Äußerungen gegenüber Kollegen."[1]

Deutschstunde (2019): Filmplakat Siegfried Lenz wurde von dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einmal als "Volksschriftsteller" tituliert. Das klang zwar altmodisch, trifft den Kern der Sache aber ziemlich genau. Lenz wollte seinen Lesern nahekommen, ohne sie zu schneiden – und ja, wohl auch ohne von ihnen tangiert zu werden. Seine Figuren sind keine Charaktere im strengen Wortsinn (also durch Willen, Wünsche, Gedanken und andere Lebensumstände gestempelte Persönlichkeiten), sondern stets und unbedingt freie Akteure ihres Schicksals. Es ist die hohe Kunst dieses unprätentiösen, ganz und gar uneitlen Dichters, auch den Leser zu einer durchdringenden Perspektive auf das menschliche Dasein zu überreden und ihn von allen politischen und psychologischen Abtretungsversuchungen abzuhalten, zu denen gerade der Leser, der "im Notfall" das Buch ja einfach zur Seite legen kann, mit Vorliebe neigt. – Was macht nun Schwochow aus dieser humanistischen Steilvorlage?

Mit einem Wort: nichts. Stattdessen erleben wir sinistres Naturkino, und zwar im doppelten Sinne. In langen Szenen wird der Zuschauer in farbdurchtränkte Nordseelandschaften mit tiefhängenden Abendwolken und gleißendem Sand eingetaucht. Dort, wo das backsteinerne Haus des verfemten, expressionistischen und bei den Nazis in Ungnade gefallenen Malers Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) steht (und wo auch die Kinder tollen und Ditte schaukelt), wogen die Bäume im frischen Wind: ideales, unverbrauchtes, unschuldiges Material für all die "unsichtbaren Bilder", die Nansen zu malen verboten waren. Der unverbrauchte Naturzustand, so soll es jedenfalls dem Kinozuschauer vorkommen, ist der unschuldige Kronzeuge dafür, dass ja "jemand verantwortlich" gemacht werden muss für das Malverbot, den Krieg, die ganze Nazimisere, die pflichtbesessene Erziehungswut, die den jungen Jepsen (Levi Eisenblätter) zum Kollaborateur seines furorgeschüttelten Polizistenvaters zu machen versucht, für die zerstörte Idylle – und möglicherweise sogar überhaupt für alles Schlechte und Unausweichliche dieser Welt. Was bei Lenz (und übrigens auch in Beauvais' Film) lediglich Umgebung, nativ gegebenes, biologisches Lebensumfeld ist, wird hier plakativ zur Kulisse überhöht und zum augenscheinlichen Handlungskommentar.

Deutschstunde (2019): Ulrich Noethen, Tobias Moretti Am anderen Ende des filmischen Maßstabs tummeln sich die Protagonisten mit ihren Symbolen, Ansichten und Motiven, kurz gesagt: der Dorfbewohner als grenzlandbeheimateter NS-Staatsbürger. Schwochow erlaubt sich dabei auch schon einmal kleine, aber bezeichnende Abweichungen von der literarischen Vorlage. So wird zwar auch im Roman von Tieffliegern und aus Handfeuerwaffen scharf geschossen, aber nicht während eines flanierenden Dünenspaziergangs Siggis (sondern beim mühseligen Torfstechen im Moor) und auch nicht vom wütenden Vater bei einer Festgesellschaft im Garten warnend in die Luft (sondern vom Volkssturmaufgebot des Dorfes auf den herannahenden Feind). Die rohe Härte des Krieges aber – die bei Lenz durchaus kein abseitiges, lediglich von einem entfernten Horizont her einwirkendes Hintergrundgeschehen bleibt, sondern die Dorfbewohner aneinander gewalttätig und ganz direkt zu Kriegsteilnehmern werden lässt – wird so unmerklich auf den Rang eines Fanals herabgedrückt. Auch versteckt der später deswegen als Kunstdieb verurteilte Siggi die Bilder Nansen in Lenzens Roman nicht in einem verwaisten Haus, sondern in einer aufgegebenen Windmühle: eine starke literarische Metapher, die Schwochow – wie leider so vieles andere, was Lenz dem Leser zur Auffindung der Motive seiner Figuren an die Hand gibt – unbeachtet liegenlässt.

Was den Film umso vordergründiger durchzieht, ist die fast penetrante Inszenierung von psychologischen Konflikten und kleinmütigen Nickeligkeiten, insbesondere der zwischen dem in seiner Autorität in Frage gestellten, dämonisch hantierenden Nazi-Handlanger Jens Jepsen (Ulrich Noethen) und dem Maler, der gleichzeitig als guter Onkel und als renitenter, notorischer Quertreiber dargestellt wird. Auch dies wäre wiederum für sich genommen keiner besonderen Erwähnung wert, wenn währenddessen nicht andere im Film auftretende Personen – der psychisch versehrte Strafanstaltsinsasse Siggi (Tom Gronau), die devote Ehefrau Gudrun Jepsen (Sonja Richter), Siggis älterer, fahnenflüchtiger und vom Vater verstoßener, dabei aber sehr aufgeklärter Bruder Klaas Jepsen (Louis Hofmann) oder Nansens bodenständige Ditte (Johanna Wokalek) – so auffällig mundtot gemacht und durch das Drehbuch zu teils verhärmtem Schweigen und dumpfem Sinnieren, teils zu erschrockenem Starren verurteilt worden wären. (Nichts von solchem Opfergehabe findet sich indes in den Büchern von Siegfried Lenz.) Damit verzichtet der Film ohne Not auf viele leise Untertöne, aber auch auf die meisten inneren und äußeren Dialoge, die Lenz in die Ensembles und Selbstbeziehungen der Romanfiguren, aber auch in die Landschaftsbeschreibungen hineinwebt.

Deutschstunde (2019) Schwochow tritt nicht nur auffallend neben die literarische Vorlage, er krümmt sie auch wieder so unbekümmert und freihändig auf sie selbst zurück, wie es der Dramatik des Films gerade in den Kram passt. Was bei Lenz nur durch die Verstrickung der dörflichen Gesamtheit der Figuren in gemeinsame Fluchtlinien und äußerlich bleibende Wahlverwandtschaften – vielleicht "das Volk", vielleicht "der Krieg", vielleicht aber auch nur "das Dorf" oder "die eingesessene Familie" – aufscheint, gerät Schwochow zu individualcharakterlicher Attribuierung und hingeworfenen, episodenhaften Ereignissen, die allzu oft ohne Beziehung zueinander abzulaufen scheinen und durchweg disruptiv wirken. Dabei lässt die gängelnde, eingemeindende Behandlung, die der Film allen seinen Protagonisten widerfahren lässt, unwillkürlich an so etwas wie ein "kollektives Familiendrama" denken – eine Hochrechnung, die Lenz niemals auch nur in den Sinn gekommen wäre.

Wer sich übrigens einmal gefragt hat, wie der Roman es geschafft hat, seine brennende Aktualität und besondere Sogwirkung auf den Leser über 50 Jahre deutsche Geschichte und viele hundert Seiten hinweg zu erhalten, sollte sich auch einmal in die Biografie von Siegfried Lenz und in seine handwerkliche Romantechnik hineinarbeiten.[2] Er wird dabei zum Beispiel feststellen, dass in "Deutschstunde" eine raffinierte, von Lenz eisern durchgehaltene Perspektivenbrechung zur Anwendung kommt: Die auktoriale Erzählperspektive vermeidend, wird die Romanhandlung nämlich simultan aus der Sicht des jungen und des älteren Siggi Jepsen erzählt. In dieser Perspektive kristallisiert ein Moment der Überdauerung, ein auf die Rezeption hin angelegter Prozess des unabgeschlossenen Werdens. Ein Leser kann jederzeit in diesen Prozess ein- oder aus ihm heraustreten. Er macht somit die verstörende Erfahrung der fortlaufenden Erinnerung an etwas, was er selbst noch gar nicht erlebt hat.

Um diesen Effekt zu erzielen, hätte Schwochow so, wie es schon Beauvais auf ganz natürliche, unverkrampfte Weise getan hat, einfach nur die literarische Perspektive aufnehmen und in eine zeitgemäße Bildsprache übersetzen müssen. Die Akzentuierung des Naturalistisch-Vorzeigbaren durch das Drehbuch lässt jedoch Zweifel an Schwochows Bewusstheit darüber aufkommen, dass es hier – sozusagen über das "Abschreiben" des Jepsenschen Besinnungsaufsatzes "Die Freuden der Pflicht" hinaus – überhaupt etwas zu übertragen gibt. Prompt wählt er die Rückblende als erzählperspektivisches Mittel und geht damit dem Trickser Lenz auf den Leim: Die ganze Filmgeschichte funktioniert danach nur noch nach dem altbekannten, abgegriffenen und durch und durch kommoden Motto: So musste es ja kommen.

Immerhin, das Drama macht es nötig und leider auch unumgänglich, die "Deutschstunde" noch einmal zu lesen. Wer sie lieber anschauen möchte, dem ist allerdings mit der 1971er-Version besser gedient. Hier wenigstens erfährt man noch etwas über die quälende Notwendigkeit des Weiterlebens nach dem Krieg, über die Mentalität der Siegermacht, über die teilweise überraschenden Einsichten des Strafanstaltsdirektors und über den des Malers materielle Existenz sichernden Kunstmäzen – und ja, auch über die Ansichten des Briefzuträgers Brodersen, den Lenz viel deutlicher als Nansen als den eigentlichen Konterpart des Dorfpolizisten Jepsen gezeichnet hat.

Die Begründung der "Deutschen Film- und Medienbewertung", die Schwochows Film mit dem "Prädikat besonders wertvoll" versah, kann dagegen nur als Ritterschlag des faulen Kompromisses verstanden werden: "Die Inszenierung ist bewusst minimalistisch gehalten und arbeitet das Vater-Sohn-Verhältnis streng und klar heraus. Dafür hat die Regie symbolträchtige Bilder und Szenen gefunden, die an keiner Stelle klischeeartig oder überladen wirken."[3]

Leider beantworten weder das Komitee noch der Film die Frage, was das wohl für Klischees gewesen sein mögen, die der Film zu erfüllen Gefahr lief?... Wäre diese Frage nämlich beantwortet worden, wäre vielleicht doch noch ein guter, zeitgenössischer Film entstanden. So aber wird erst noch eine weitere Deutschstunde gehalten werden müssen, um das Rätsel aufzulösen. Ein unmissverständliches, entschlossenes "Nein zu den Zuständen der Welt" (Raddatz), das die Befindlichkeiten der Kinobesucher auch mal absichtlich zu übertönen wagte und noch in der letzten Sitzreihe vernehmbar wäre, ist dem Film jedenfalls an keiner Stelle abhorchbar.

[1] https://www.zeit.de/2014/42/siegfried-lenz-nachruf (zuletzt aufgerufen am 30.10.2019)
[2] Ich empfehle dazu: Maletzke, Erich (2006): Siegfried Lenz – Eine biographische Annäherung; 2. Aufl.; Springe: zu Klampen Verlag.
[3] https://www.fbw-filmbewertung.com/film/deutschstunde (zuletzt aufgerufen am 30.10.2019)  

Frederik Schlenk / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Network Movie / Wild Bunch Germany 2019 / Georges Pauly

 
Filmdaten 
 
Deutschstunde (2019)  
 
Deutschland 2019
Regie: Christian Schwochow;
Darsteller: Ulrich Noethen (Jens Ole Jepsen), Tobias Moretti (Max Ludwig Nansen), Levi Eisenblätter (Siggi Jepsen), Tom Gronau (Siggi Jepsen als Erwachsener), Johanna Wokalek (Ditte Nansen), Sonja Richter (Gudrun Jepsen), Maria Dragus (Hilke Jepsen), Louis Hofmann (Klaas Jepsen), Artus Maria Matthiessen (Direktor Himpel), Marek Harloff (Karl Rasmussen), Tom Zahner (Joswig), Peter Badstübner (Okko Brodersen), Michael Wittenborn (Pastor Treblin), Klaus Peeck (Deichgraf Ole Bultjohann), Jochen Regelien (Hinnerk Timmsen), Mette Lysdahl (Hilde Isenbüttel) u.a.;
Drehbuch: Heide Schwochow nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz; Produzent: Ulf Israel; Kamera: Frank Lamm; Musik: Lorenz Dangel; Schnitt: Jens Klüber;

Länge: 125,10 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 3. Oktober 2019



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Zitat

"Es erscheint mir albern, dass etwas so Richtiges und Einfaches erkämpft werden muss."

("It just seems silly to me that something so right and simple has to be fought for at all.")

Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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