04.12.2009 (publiziert)
17.07.2006 (geschrieben)

Desperate Measures

In Barbet Schroeders Action-Thriller liefern sich Andy Garcia und Michael Keaton ein packendes Psycho-Duell um das Leben eines leukämiekranken Kindes.

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem alleinerziehenden Polizei-Detective Frank Conner (Andy Garcia). Nachdem er bereits seine junge Frau bei einem tragischen Autounfall verlor, erreicht Frank mit der Leukämie-Erkrankung seines Sohnes Matt (Joseph Cross) nun eine weitere Hiobsbotschaft. Die einzige Chance, das Leben des Kindes zu retten, ist eine schnelle Knochenmarktransplantation mit einem DNA-kompatiblen Spender. Doch dem verzweifelten Vater läuft die Zeit davon. Nach mehreren vergeblichen öffentlichen Hilfs-Aufrufen bleibt Conner nur noch eine Chance: Bei einem nächtlichen Einbruch in San Franciscos FBI-Quartier gleicht er die DNA seines Sohnes mit den gespeicherten Gen-Proben inhaftierter Kapitalverbrecher ab. Fündig wird er lediglich bei einem einzigen Mann – dem mehrfachen Mörder und Gewaltverbrecher Peter McCabe (Michael Keaton), der schon seit Jahren im Hochsicherheitstrakt des örtlichen Gefängnisses sitzt. Die Aussicht auf seine Verlegung ins Krankenhaus kommt dem hochintelligenten McCabe wie gelegen: Nach intensiver Vorbereitung gelingt ihm im Operationssaal die Flucht. Aus Sorge um die Zivilbevölkerung erteilt Einsatzleiter Cassidy (Brian Cox) sofort den Befehl, McCabe mit allen Mitteln unschädlich zu machen. Für Frank Conner beginnt nun eine wilde Hatz, denn er muss McCabe unbedingt lebend stellen, um so das Leben seines Sohnes zu retten. Blind vor Sorge und wie besessen von seinem Vorhaben lässt Conner mehr und mehr jegliche polizeiliche Vorsicht vermissen – und setzt dabei auch das Wohlergehen unschuldiger Menschen aufs Spiel. Am Ende des Films sind die psychischen Denkmuster von Cop und Killer, Verfolger und Verfolgtem bedrohlich nah zusammengerückt. Auf der Plattform einer riesigen Hebe-Brücke kommt es zur alles entscheidenden Konfrontation...

Nachdem er seine Karriere in den siebziger Jahren mit mehreren Aufsehen erregenden Dokumentarfilmen begonnen hatte ("General Idi Amin", 1974), entdeckte US-Regisseur Barbet Schroeder in den neunziger Jahren seine Vorliebe für psychologisch ausgefeilte Thriller. Nach dem Überraschungserfolg von "Weiblich, ledig, jung sucht..." (1992), der Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh zum Karrieredurchbruch verhalf, folgten in geringen Abständen die starbesetzten Produktionen "Kiss of Death" (1995, mit Nicolas Cage, Samuel L. Jackson, Helen Hunt und Ving Rhames) und "Davor und danach" (1996, mit Meryl Streep, Liam Neeson, Edward Furlong und Alfred Molina).

Mit "Desperate Measures" (1998) erhielt Schroeder erstmals die Chance, einen stärker actionbetonten Film zu inszenieren. "Was mir an diesem Genre so gut gefällt", erklärte der Regisseur im Interview, "ist die Tatsache, dass diese Art von Filmen einen wieder zu den Ursprüngen des Filmemachens zurückbringt. Alles muss konstruiert werden. Die Bilder, die Geschichte, das Set – jede Einzelheit zwingt dich dazu, jederzeit alles über jede bevorstehende Szene zu wissen."

Für das packende Psycho-Duell standen dem Regisseur mit Michael Keaton und Andy Garcia zwei kongeniale Darsteller zur Verfügung. Wie schon zuvor "Batman"-Regisseur Tim Burton, der Keaton gegen sein Image als Komödiendarsteller zum Helden seiner düsteren Fledermaus-Adaptionen machte, zeigte sich auch Schroeder augenscheinlich fasziniert von der Affinität seines Stars zu psychotischen Charakteren: Mit funkelnden Augen und einer absolut zweckrationalen Selbstbeherrschung liefert Keaton das überzeugende Portrait eines Killers ab, der im Laufe der Handlung plötzlich mit minimalen Erinnerungsfetzen einst erlernter Humanität konfrontiert wird. Als sein Gegenüber agiert Andy Garcia – laut Aussagen seines Regisseurs "auch im wirklichen Leben ein wunderbarer Familienvater" – tapfer gegen die sentimentalen Untiefen seiner Rolle an. „Als ich das Drehbuch las, war ich von der beschriebenen Vater-Sohn-Beziehung regelrecht hingerissen", äußerte der Schauspieler einmal im Interview. "Das war für mich die interessanteste Frage der Story: Was würde ein Vater alles für seinen Sohn tun, um dessen Leben zu retten?"

Alles in allem ist "Desperate Measures" ein handwerklich solide gemachter Thriller, bei dem die interessante moralische Grundkonstellation indes zuweilen zum reißerischen, emotionalen Vorwand für spektakuläre Spannungsdramaturgie verkommt. Die Bemühungen um eine differenzierte psychologische Ausleuchtung des Cop/Verbrecher-Duells werden zwar gelegentlich durch tränenrühriges Pathos überdeckt, doch am Unterhaltungswert des Films ändert dies nur wenig. Ohne die Tiefgründigkeit von Jonathan Demmes "Das Schweigen der Lämmer" oder den Kult-Status der "Stirb langsam"-Reihe zu erreichen, ist Barbet Schroeder mit "Desperate Measures" eine kurzweilige filmische Hatz gelungen.  

Christian Heger / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Desperate Measures


USA 1998
Regie: Barbet Schroeder; Drehbuch: David Klass; Produktion: Gary Foster, Susan Hoffman, Lee Rich, Barbet Schroeder; Ausführende Produktion: Jeffrey Chernov; Co-Produktion: Josie Rosen; Kamera: Luciano Tovoli; Musik: Trevor Jones;
Darsteller: Michael Keaton (Peter McCabe), Andy Garcia (Frank Conner), Brian Cox (Captain Jeremiah Cassidy), Marcia Gay Harden (Dr. Samantha Hawkins), Erik King (Nate Oliver), Efrain Figueroa (Vargas), Joseph Cross (Matthew Conner), Janel Moloney (Sarah Davis), Richard Riehle (Ed Fayne) u.a.

Länge: 100 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 14. Mai 1998



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe