14.08.2016

Überlebenskampf im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet


Desierto

Ein Pritschenwagen mit Ladeaufbau sitzt fest in der Wüste. Motorschaden. Im Transporter zusammengepfercht Menschen: Mexikaner, die darauf hoffen, in die USA geschleust zu werden. Einer von ihnen, Moises, ist Mechaniker. Er kann das Problem benennen, den Motor wieder zum Laufen bringen kann er nicht. So bleibt, um die Grenze zu überqueren, nur der beschwerliche Fußmarsch durch die Wüste.

Die Schlepper nehmen keine Rücksicht auf die Schwächeren; eine kleine Gruppe müht sich vergebens, zum Hauptfeld aufzuschließen. Dann fallen Schüsse. Die Nachzügler sehen, wie die Hauptgruppe aus dem Hinterhalt niedergeschossen wird. Als der Täter die Zeugen bemerkt, setzt er alles daran, auch sie zu töten.

Im Wesentlichen besteht "Desierto" aus Rennen und Klettern in der Wüste. Auf der einen Seite Moises (charismatisch: Gael García Bernal), ein hilfsbereiter Jedermann, der angesichts der Gefahr über sich hinauswächst, sowie eine Handvoll weiterer dürftig charakterisierter Figuren. Ihnen auf den Fersen der Schütze in den Badlands, Sam, ein wortkarger Redneck (Jeffrey Dean Morgan). Einen Einblick in seine Gedankenwelt gewährt der Wagen, den er fährt, ein brauner Pick-up mit beigefarbenen Streifen und Überrollbügel, der heimliche Hauptdarsteller aus der Actionserie "Ein Colt für alle Fälle". Vermutlich träumt Sam von einer Arbeit als Kopfgeldjäger, würde gerne Kautionsflüchtlinge verhaften. Realiter kommt er über die Runden, indem er mit seinem Scharfschützengewehr Kaninchen nachstellt. Ein Verlierer, in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts verwurzelt, der ebenso schnell zur Schnapsflasche greift wie zur Schusswaffe. Und ein Mann, der seine Wüste mit dem Gewehr gegen Fremde verteidigt: "This is my land." Jeffrey Dean Morgan nimmt diese Figur ernst, überzeichnet sie nicht, kann ihr sogar einen formidablen acting moment abringen, als Sam nach seinen ersten Morden, noch im Adrenalinrausch, von widerstreitenden Gefühlen übermannt wird.

Ab und an veranschaulicht eine unruhige Handkamera die Panik der Fliehenden. Dominierend jedoch die Totalen: Der Film zeigt Menschen, die klein sind in der Weite der Wüste. Als entscheidend erweist es sich, eine hohe Position zu erreichen - die schroffen Felsformationen bedeuten für die Gejagten eine relative Sicherheit vor Sams Hund, die am Grund der Canyons nicht gegeben ist. Die hohe Position steht aber auch dafür, den Überblick zu bewahren. Wenn der Jäger seine Beute um einen Felsturm herum verfolgt, ohne zu erkennen, dass Moises längst nach oben geklettert ist, führt der Film uns vor Augen, wie Sam sich sinnlos im Kreis dreht.

In einem seltenen Ruhemoment reden Moises und eine junge Frau aus seiner Gruppe über ihre Beweggründe, illegal in die USA einzureisen. Treffender als das knappe Gespräch gibt das Bild zu Beginn des Films die Situation wieder, in der sich ein Teil der mexikanischen Gesellschaft befindet: ein Pritschenwagen, der mit Motorschaden in der Wüste festsitzt.

Der mit mexikanischen und französischen Geldern finanzierte Film erzählt aus der Perspektive der Flüchtlinge für ein lateinamerikanisches Mainstream-Publikum. Die Art und Weise, wie der Film seine Geschichte präsentiert, wirkt reichlich Hollywood-konform. Wendet man sich den Filmschaffenden zu, erscheinen die Diskrepanzen zwischen mexikanischem Inhalt und US-amerikanischer Form weniger paradox. Bei "Desierto" handelt es sich um die erste größere Regiearbeit von Jonás Cuarón. Sein Vater, der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, seit geraumer Zeit in Hollywood zu Hause ("Harry Potter und der Gefangene von Askaban", "Children of Men", "Gravity"), fungiert als Produzent.

Als strukturell einfacher Survivalthriller in gleichermaßen imposanter wie lebensfeindlicher Landschaft ist "Desierto" phasenweise sehr effektiv. Mit Sams Spürhund Tracker lässt der Regisseur ein Monster von der Leine, das jedem, dem große Hunde ein gewisses Unbehagen bereiten, den Angstschweiß in den Nacken treiben dürfte. Den für die Kaninchenjagd ausgebildeten Schäferhund inszeniert Cuarón als Mordmaschine, die mit der Effizienz und Ausdauer eines Terminators vorgeht. Aus der geradlinigen Handlung ergibt sich eine Vorhersehbarkeit des Geschehens. Möglicher Monotonie bei der Menschenjagd versucht der Film vorzubeugen, indem er das Tempo hoch hält und die Umgebung variiert, von Sandwüste zu Steinwüste wechselt und von Kakteenfeldern zu Klapperschlangen. Am Ende sind die Lichter des Highways am Horizont zu erkennen. Die Zivilisation ist nahe, und Moises kehrt aus der Wüste zurück. Er hat den Bösewicht besiegt und das Mädchen gerettet. Wer mag, kann das klassisch nennen. Oder kritisieren, dass "Desierto" unter leicht veränderten Vorzeichen genauso gut als John-Wayne-Western denkbar wäre.  

Marcus Gebelein / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Desierto
(Desierto)

Mexiko/Frankreich 2015
Regie: Jonás Cuarón;
Darsteller: Gael García Bernal (Moises), Jeffrey Dean Morgan (Sam), Alondra Hidalgo (Adela), Diego Cataño (Mechas), Marco Pérez (Lobo), Oscar Flores (Ramiro), David Lorenzo (Ulises) u.a.;
Drehbuch: Jonás Cuarón, Mateo Garcia; Produzenten: Alfonso Cuarón, Carlos Cuarón, Jonás Cuarón, Alex Garcia, Charles Gillibert; Kamera: Damian Garcia; Musik: Woodkid; Schnitt: Jonás Cuarón;

Länge: 88,02 Minuten; FSK: ab 18 Jahren; Kinostart: kein deutscher Kinostart, DVD-Veröffentlichung am 21. Oktober 2016 bei Ascot Elite Home Entertainment GmbH



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"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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