November 2001

Ein moralischer Fisch Oder Warum Spielbergs "Weißer Hai" kein Horrorfilm sein kann

Der weiße Hai

Wer kennt ihn nicht, den großen Kunststoffhai aus Amerika, der dem Bergtourismus in den 70-er Jahren zu unverhoffter Beliebtheit verhalf? "Der weiße Hai", ein Film der alle Kassenrekorde brach und schamlos mit den Ängsten seiner Zuschauer spielte, folgte dabei dem bewährten Grundmotiv klassischer Horrorfilme, welches in der Filmgeschichte immer wieder auftaucht, die Angst vor dem großen Tier. King Kong, Tarantula und Co. sind dabei nur einige der zahlreichen Vorgänger des Haies. Aber was macht nun den unglaublichen Erfolg von Spielbergs Film aus? Ist es die wenig originelle Geschichte um Chief Brody, der in dem kleinen Badeort Amity gegen Korruption und bösen Fisch kämpfen muß? Oder war es die Idee, drei Mann in einem Boot gegen das Unheil ankämpfen zu lassen, was die Massen ins Kino lockte?

Ein Grund für den Erfolg ist sicher Spielbergs Geschick für subtilen Spannungsaufbau und seine Fähigkeit, diesen mit Hilfe von Kameraführung und Schnitt äußerst effektiv zu vermitteln. Aber es wäre fatal den "Weißen Hai" als einen Horrorfilm zu bezeichnen, das ist er nämlich bei weitem nicht! Unter der Fassade der technischen Perfektion verbirgt sich nämlich eine zutiefst konservative amerikanische Auffassung von Sexualität und Lebensweise. Amity ist nicht nur ein Badeort, sondern vielmehr ein Spiegelbild der "falschen" Lebensweise der damaligen USA zur Zeit der Watergate-Affäre. Zu Anfang werden Zäune überdeutlich ins Bild gerückt, welche von Jugendlichen zerstört wurden, und genau diese Zäune sind das eigentliche Thema des Films: es werden Grenzen übertreten, die man nicht übertreten darf. Und nun taucht der Hai auf, der viel zu moralisch handelt, als das man ihn nur als ein Schreckgespenst sehen kann, welches aus Willkür mordet. Der Hai bestraft die Menschen für ihre moralisch anrüchige sexuelle Handlungsweise. Die phallische Grundform des Hais, welche nicht zuletzt im Plakat zum Film aufgegriffen wird, ist ein aggressiver Hinweis auf die Gefahr von falsch gelebter Sexualität. Auf diesen Gedanken kommt man, wenn man sich die Opfer des Hais genauer anschaut.

Da ist zu Beginn des Films eine junge Frau in einer Gruppe Späthippies(!), die mit ihrer sexuellen Freizügigkeit und ihrer Nacktheit einen jungen Mann, dessen Namen sie nicht einmal kennt, hinter sich her lockt. Der Hai taucht auf und tötet sie.
Ein kleiner Junge wird angegriffen, nicht zufällig handelt es sich dabei um ein uneheliches Kind. Es wird sogar komplett verspeist, die Mutter wurde bestraft.

Quint, ein an Kapitän Ahab erinnernder Hochseefischer, der mit Chief Brody auf Haijagd geht, ist ein Frauenhasser und macht sich obendrein noch über die Institution Ehe lustig. Zu allem Überfluss scheint er sich nur unter Männern wohlzufühlen, von denen er sich auch bereitwillig berühren lässt, ein tätowiertes Herz als Erinnerung an die Zeit auf einem Militärschiff wird nicht erklärt, was eine Interpretation zu seiner versteckten Homosexualität durchaus zulässt. Dass dieser Mann besonders grausam stirbt, ist hier schon fast eine Pflicht.

Und wer wird nicht gefressen? Natürlich ist es der perfekte amerikanische Familienvater Brody, der schon einmal den Wohnort New York wechseln musste, um dem Sex, den Drogen und der Gewalt zum Schutze seiner Liebsten zu entkommen. Anders als in der Großstadt, wo viele Probleme die Familie bedrohen, ist es in Amity nur ein einziger gefährlicher Fisch, der dem wasserscheuen Chief Brody die Möglichkeit gibt in einem Duell mit der Bestie seine Männlichkeit voll zu entwickeln, natürlich nur zum Wohl der Familie. Um dieses steinzeitliche Bild zu vervollkommnen, wäre ein Schluss, in welchem Chief Brody den erlegten Hai vor versammelter Familie zum Barbecue zubereitet, durchaus wünschenswert gewesen. Aber Spielberg wäre nicht Spielberg, wenn er diese Aussagen nicht geschickt zu verschleiern vermag.

Zum Schluss wird der Hai selbst zum Opfer, schließlich wird er nicht mehr gebraucht, die Bewohner von Amity sind geläutert.

Spielbergs Film ist aus heutiger Sicht trotz seiner fragwürdigen Aussage immer noch spannend anzuschauen, was ihn deshalb auch gefährlich macht, weil hier dem Zuschauer unbewusst gedroht wird. Der Hai agiert als moralische Instanz, die, ähnlich der Inquisition, den Menschen klar macht, was "falsches" Verhalten anrichten kann und welche Mächte dann gerufen werden, wenn man bestimmte Grenzen überschreitet. Die miefige amerikanische Vorstellung von heiler Welt und Familie, die sich bis heute qualvoll oft in großen Hollywood-Produktionen wiederfindet und in Spielbergs späteren Filmen wie z.B. E.T. bis zur Schmerzgrenze pervertiert wird, entspricht zu dem der heutigen Politik eines George Bush, der dem Werteverlust den Kampf angesagt hat. Die Werbung riet damals reißerisch "Gehe nicht ins Wasser", besser wäre allerdings "Laß die Zäune stehen!". Ein fragwürdiger Vorschlag...

 

Matthias vom Schemm / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Der weiße Hai
(Jaws)

Regie: Steven Spielberg Buch: Peter Benchley, Carl Gottlieb, Howard Sachler nach dem gleichnamigen Roman von P. Benchley Kamera: Bill Butler Musik: John Williams Darsteller: Roy Scheider (Martin Brody), Robert Shaw (Captain Quint), Richard Dreyfuss (Matt Hooper), Lorraine Gary (Ellen Brody), Murray Hamilton (Bürgermeister Vaughn) u.a.

USA 1975, Länge: 124 Min.



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