02.03.2009
Eine Frau mit schlimmem Geheimnis als Objekt der Begierde

Der Vorleser


Der Vorleser: Kate Winslet, David Kross "Was hätten Sie denn getan?" fragt sie den Richter. Hätte er auf Arbeit verzichtet? Hätte er seine Aufsichtspflichten vernachlässigt? Hätte er sich gegen Vorgesetzte aufgelehnt oder sogar sein Leben für andere aufs Spiel gesetzt? Der Richter bleibt stumm. Ebenso ihr ehemaliger Geliebter, der ihr die lebenslange Haft ersparen könnte. Die Aufarbeitung einer Generation ist bewegend, weil eine Täterin in all ihren menschlichen Facetten dargestellt wird. Sie ist auch die einzige, die der Regisseur Stephen Daldry gekonnt darzustellen vermag. Andere Kontroversen von Bernhard Schlinks Roman erweckt Daldry nur dürftig zum Leben.

Was ist geblieben von den 218 Seiten des "Vorlesers" von Bernhard Schlink, die weltweit Leser, Oprah Winfrey eingeschlossen, tief berührte? Schlink fasst auf wenigen Seiten zusammen, was zwei Generationen von Deutschen in vielerlei Hinsicht beschäftigte. Obwohl der Drehbuchautor David Hare bezeugt, keinen typischen Holocaust-Film fabriziert zu haben, grenzt er den "Vorleser" nur wenig vom altbekannten Genre ab. Der Film wird den im Roman angesprochenen Problemen nicht gerecht. Es fehlt eine klare Darstellung der Sozialisation der Generation der 1950er, die zwischen anerzogenen moralischen Werten und emotionalen Bedürfnissen hin und her gerissen ist. Die Liebesbeziehung eines Teenagers mit einer Frau mittleren Alters wirkt auf der Leinwand dadurch generationsunabhängig. Analphabetismus taucht in dezenten Hinweisen verstreut auf. Die Adaption des Films profitiert von Kate Winslets Auftritt, der die männlichen Hauptdarsteller in den Schatten stellt.

Der Vorleser: Ralph Fiennes Ruppig wirkt sie, eher abschreckend als ein Objekt der Begierde. Dennoch zieht Kate Winslet als Hanna Schmitz den 15-jährigen Michael Berg an, der von David Kross gespielt wird. Ist es ihre Einfachheit, die Einsamkeit oder gar die Sehnsucht nach den Erlebnissen eines jungen Menschen, die sie nie hatte? Ihr einfaches, pflichtbewusstes Wesen meistert die prekäre Liebesbeziehung nicht. Sie behandelt Michael wie einen Liebhaber, der es vermag, sie wie ein erwachsener Mann zu kränken. Erst später bemerkt sie seine Unreife, den Altersunterschied. Gerade diese Zusammensetzung der Gefühle, Hoffnungen und der Einfachheit spielt Kate Winslet mit einer atemberaubenden Überzeugung. Eine einfache Frau, der ihre tiefen Bedürfnisse ihr mit der Zeit über den Kopf wachsen.

David Kross verleiht der Romanfigur Michael Berg hingegen eine gehörige Portion Naivität, die durch den anschließenden überzogenen emotionalen Fall zu hilflos erscheint. Mit einem breiten Grinsen lernt er den Frauenkörper kennen und dürstet stets nach Erfahrungen. Seiner Ungezwungenheit machen bald leicht geschlossene, nachdenkliche Blicke und immer tiefer werdende Augenringe Platz. Die Dilemmata des jungen und älteren Michael Berg fallen allerdings schwach aus. Die ewig flehenden Augen von Ralph Fiennes als erwachsener Michael ziehen die innere Zerrissenheit zu sehr ins eine Extrem. Man bemerkt nur wenig von seiner Zuneigung für Hanna. Eine wirklich ausgeprägte Auseinandersetzung mit den Tätern und ihren Motiven findet nicht statt. Vielmehr lässt Kross seinen Helden in einem Fatalismus versinken, der ihn von seinen Altersgenossen entfernt. Der erwachsene Michael will Ordnung in sein Leben bringen, damit die Gefühlsunordnung überdeckt wird. Seine Wohnung sieht wie das Vorzeigebild eines Hochglanzheftes aus. In seinem Blick entdeckt man Verwirrung auf Schritt und Tritt. Sein fortwährendes Leiden gibt nicht viel von den komplexen Reflexionen der Romanfigur wieder.

Der Vorleser: David Kross, Bruno Ganz Buchadaptionen sind ein heißes Eisen, das nur mit Vorsicht zu handhaben ist. Ein Regisseur sollte zunächst eine klare Entscheidung treffen, ob er eine getreue Wiedergabe des Literaturinhalts will. So sklavisch sich Heinrich Breloer an die Buchvorlage "Buddenbrooks" von Thomas Mann gehalten hat, so wenig tut es ihm Daldry - zu Recht - nach. Die fehlenden Bruchstücke des Romans geben ihm Zeit, sich wunderbaren Bildern und stillen Szenen zu widmen. Andererseits darf die Wahl der Darstellung der Buchproblematik nicht in einer unvollkommenen filmischen Abhandlung enden. Bei einem ausgezeichneten Roman, wie "Der Vorleser", muss man sich der Herausforderung bewusst sein, die aus ganz konkreten Erwartungen der Zuschauer erwachsen. Wer sich also eine getreue Verfilmung des Romaninhalts verspricht, wird zwangsläufig enttäuscht. Wer sehen will, welche schauspielerischen Leistungen oscarreif sind, wird um Kate Winslet als Hanna Schmitz nicht herum kommen.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Senator

 
Filmdaten 
 
Der Vorleser (The Reader) 
 
USA 2008
Regie: Stephen Daldry;
Darsteller: Kate Winslet (Hanna Schmitz), David Kross (junger Michael Berg), Ralph Fiennes (älterer Michael Berg), Jeanette Hain (Brigitte), Susanne Lothar (Carla Berg), Matthias Habich (Peter Berg), Florian Bartholomäi (Thomas Berg), Burghart Klaußner (Richter), Bruno Ganz (Professor Rohl), Hannah Herzsprung (Julia), Karoline Herfurth (Marthe), Lena Olin (Rose Mather / Ilana Mather), Alexandra Maria Lara (junge Ilana Mather), Jürgen Tarrach, Sylvester Groth, Fabian Busch, Fritz Roth u.a.; Drehbuch: David Hare nach dem Roman von Bernhard Schlink; Produktion: Donna Gigliotti, Anthony Minghella, Redmond Morris, Sydney Pollack; Ausführende Produktion: Bob Weinstein, Harvey Weinstein; Co-Produktion: Charlie Woebcken; Kamera: Roger Deakins, Chris Menges; Musik: Nico Muhly; Länge: 122 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Senator; deutscher Kinostart: 26.02.2009



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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