15.08.2000

Ein deutscher Film Noir

Der Verlorene

Ein beeindruckender, einnehmender Film, der es fast unmöglich macht, ihn als etwas anderes als ein persönliches Statement von Peter Lorre und als ein Dokument seiner Zeit zu sehen. "Der Verlorene" ist die erste und einzige Regiearbeit des Schauspielers Lorre.

Lorres Biographie und Karriere ist aus verschiedenen Gründen interessant und bemerkenswert, nicht zuletzt wegen seines multikulturellen Backgrounds. Als Ladislav Löwenstein in Ungarn geboren, lebte er für einige Zeit in Wien und setzte in den späten 20ern seine Theaterkarriere in Berlin fort.
Schon seine erste Filmrolle als Kindermörder in Fritz Langs Meisterwerk "M - eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) war ein großer Erfolg und machte ihn auch im Ausland bekannt. Wie so oft in der Filmwelt war auch für Lorre der frühe Ruhm nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch, da er allen "nur" als der psychopathische Mörder in Erinnerung blieb. Als die Nazis an die Macht kamen, verließ Lorre Deutschland und folgte wenig später Brecht und Lang nach Hollywood. Er konnte sich in den Staaten einen Namen machen, spielte beispielsweise mit seinem Freund Humphrey Bogart in "Der Malteser Falke" (1941) und in "Casablanca" (1943). Dennoch blieb er ein typisches Beispiel für Typecasting: Meistens wurde er als der verrückte Bösewicht engagiert, und mit Ausnahme seiner Hauptrolle als asiatischer Detektiv in der "Mr Moto"-Reihe musste er sich oft mit Nebenrollen begnügen.
Es zog ihn zurück nach Deutschland, er wollte wieder anspruchsvolles Theater spielen und auch Regie führen.
1950 kehrt Lorre in das zertrümmerte Nachkriegsdeutschland zurück. - Wie muss das sein, wenn man das ehemalige Heimatland in Schutt und Asche wiederfindet?

Erst hier kommt er auf die Idee zu seinem Film, als ein Freund ihm von einer Zeitungsmeldung erzählt.
"Dieser Film ist nicht frei erfunden. Den Vorgängen liegen Tatsachenberichte aus den letzten Jahren zu Grunde." So wird die Meldung über einen "Dr. Carl R.", der Selbstmord beging, zur Grundlage von Lorres vielschichtigem Werk. Die Hauptfigur Dr. Karl Rothe betreibt während des 2. Weltkriegs für die Nazis wichtige Forschungen.
Als er erfahren muss, dass ihn seine Verlobte Inge Hermann mit seinem engen Mitarbeiter Hoesch betrogen und die Forschungsergebnisse an ihn verkauft hat, bringt er Inge im Affekt um. Rothe will für seine Tat büßen und bestraft werden, doch den Nazis liegt daran, den Mord zu vertuschen, damit Rothe weiter für sie arbeiten kann. - In einem Staat, in dem der Massenmord an der Tagesordnung ist, fällt ein Serienkiller mehr nicht weiter auf. Rothe begeht weitere Morde und ändert seine Identität. Unter einem anderen Namen arbeitet er als Arzt in einem Auffanglager für sogenannte "Displaced Persons" - Flüchtlinge, Ausgebombte und ehemalige KZ-Häftlinge sind dort untergebracht. Hier trifft er durch Zufall seinen Rivalen Hoesch wieder, der ebenfalls seine Identität gewechselt hat. Endlich sieht Rothe seine Gelegenheit gekommen, an Hoesch Rache zu nehmen...

Genaugenommen beginnt der Film schon da, wo er endet: Ein Zug fährt vorbei und hinterlässt eine große Rauchwolke. Auf der gleichen Bahnstrecke wird Dr. Rothe wenig später Selbstmord begehen. Doch vorher wird er auf Hoesch treffen und zusammen mit ihm einen Blick zurück werfen. Man muss dem Film anlasten, dass die Geschichte bei genauer Betrachtung der Frage nach Logik nicht immer stand hält. Trotzdem sind die einzelnen Elemente der Geschichte ausgesprochen beeindruckend, und der Film ist atmosphärisch in sich stimmig. Der Titel ist Programm. Deswegen überrascht es um so mehr, dass der Titel "Der Verlorene" erst spät gewählt wurde. Ein Arbeitstitel war "Der Totmacher".

Lorre spielt als Dr. Rothe die Rolle seines Lebens, kaum hatte er sonst die Chance, sich so facettenreich und menschlich zu zeigen. Musste man bei einigen seiner Hollywood-Filme befürchten, dass er in stereotypes "Overacting" verfiel, so spielt er hier angenehm zurückgenommen. Manchmal mit einer geradezu beängstigenden Ruhe und Gleichgültigkeit. Es ist nicht zu verleugnen, dass er die Tragik seines eigenen Lebens in die Rolle legte. Der Film ist gespickt mit ironischen Selbstbezügen. Schon allein die Tatsache, dass Lorre in seinem eigenen Film wieder einem Triebtäter und Serienmörder spielt, dürfte schwerlich ein Zufall sein.

Die kleine einsame Figur mit dem leeren Gesicht, eingehüllt in einen langen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen, über öde Felder wandelnd und durch leere Straßen ziehend, hinterlässt einen tiefen Eindruck. Kettenraucher Lorre hält sich in fast jeder Einstellung an einer Zigarette fest, notfalls noch unterstützt von einem Glas Alkohol.

Der Film ist düster gehalten - man kann ihn zum Genre des "Film Noir" zählen - und spielt mit Licht und Schatten. Die Schnitte sind ambitioniert. Man merkt, dass da jemand Ahnung vom Film hat. Die Leistung muss desto höher geschätzt werden, wenn man weiß, unter welch schwierigen Umständen die Dreharbeiten stattfanden. Nicht nur, dass Lorre eine schwere Phase seiner Morphiumabhängigkeit durchmachte und gerade eine Gelbsucht überstanden hatte - dazu kam noch, dass ein Hauptdarsteller erkrankte, das Budget knapp wurde und der Produzent mitten in den Dreharbeiten starb.
Da die Dreharbeiten für eine Weile unterbrochen wurden, nutzte Lorre die Zeit, um aus dem Drehbuch einen Roman zu schreiben. Der wurde als Fortsetzungsroman von der "Münchner Illustrierten" gedruckt, wovon man sich Werbung für den Film erhoffte. Erst 1996 wurde der Roman vom belleville-Verlag zusammen mit verschiedenen Aufsätzen über Lorres Arbeit veröffentlicht. Vieles wird durch den ausführlichen Roman klarer, was im Film undurchsichtig bleibt. Für Interessierte ist das Buch in jedem Fall empfehlenswert.

Lorre schaffte es zwar, sein fertiges Werk bei den Filmfestspielen in Venedig zu präsentieren, doch danach liefen die Vorstellungen in Deutschland mehr als miserabel. In so finsteren Zeiten gab es kein Publikum für "Problemfilme", beliebt waren leichte Unterhaltungsfilme. Auch die Kritiker waren ihm nicht gnädig gestimmt. Für Lorre waren die Reaktionen mehr als vernichtend.
Als ihn keine neuen Angebote erreichten, verließ er Deutschland nur ein Jahr später wieder - mit einer Kopie des "Verlorenen" im Handgepäck. In seinen letzten Filmen bis zu seinem Tod 1964 ist es unübersehbar, dass es mit ihm stetig bergab geht und er sich selbst aufgegeben hat.
Es ist traurig, dass unter den Umständen "Der Verlorene" seine einzige Regiearbeit blieb und sie bis heute in den USA nicht auf Video erschienen ist.

"Türen sind zu. Fenster sind zu. Alles hat aufgehört. Alles bleibt draußen. Auch die Furcht. Wir sind am Ende. Wir sind da."  

Jessica Ridders / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Der Verlorene


BRD 1951
Regie: Peter Lorre; Drehbuch: Peter Lorre, Benno Vigny, Axel Eggebrecht, nach einer Idee von Egon Jacobson; Produktion: Arnold Pressburger Filmproduktion; Kamera: Vaclav Vich; Musik: Willy Schmidt-Gentner; Schnitt: Carl-Otto Bartning;
Darsteller: Peter Lorre (Dr. Karl Rothe), Karl John (Hoesch / Nowak), Renate Mannhardt (Inge Hermann), Johanna Hofer (Frau Hermann), Eva-Ingeborg Scholz (Ursula Weber), Gisela Trowe (Dirne) u.a.

Länge: 98 Minuten; Erstausstrahlung: 07.09.1951 / 08.06.1964 ZDF



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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