29.08.2019

Der Verdingbub

Heute muss Max (Max Hubacher) zwischen Matsch und Kot im Schweinestall schlafen. Als sogenannter Verdingbub landete der zwölfjährige Waisenjunge auf dem abgelegenen "Schattenhof" der Familie Bösiger, wo er sein Schicksal mit der jungen Berteli (Lisa Brand) teilt. Der Alltag der beiden ist von Unterwerfung und Schufterei geprägt – nach der Dorfschule geht es zur Feldarbeit oder in die Küche, abends gibt es karges Essen und eine bescheidene Schlafkammer. Wie Max und Berteli wurden in der Schweiz bis etwa 1950 Waisen- und Scheidungskinder als Hilfskräfte auf Bauernhöfe verbracht, wo sie oft Elend und Misshandlungen hinnehmen mussten.

Mit "Der Verdingbub" bringt Regisseur Markus Imboden dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte ins Kino. Zwischen der malerischen Berglandschaft des Emmentals geht auf dem Hof der "Ersatzfamilie" ein zwischenmenschliches Drama vonstatten. Während der Bösiger (Stefan Kurt) seinen Frust im Schnaps ersäuft, sind die herzlose Bösigerin (Katja Riemann) und der schroffe Sohn (Maximilian Simonischek) kaum mehr zu einer Gefühlsregung fähig. Ohne Beschönigungen zeigt Imboden den niederdrückenden Alltag der beiden Verdingkinder, wobei allenfalls das Handorgelspiel von Max und der (letztlich fruchtlose) Einsatz der engagierten Dorflehrerin ein wenig Hoffnung bringen.

Für das Publikum avanciert die Reihung beklemmender Szenen zu einer niederschmetternden Veranstaltung. Dank der sehenswerten darstellerischen Leistungen und Imbodens Blick für Details des erstarrten Familienlebens bleibt "Der Verdingbub" durchgängig spannend, wenngleich der Verlauf der Handlung größtenteils vorhersehbar ist. In der Schweiz ist der aufrüttelnde Heimatfilm über einen beinahe vergessenen Irrweg der jüngeren Geschichte bereits mit großer Resonanz in den Lichtspielhäusern gelaufen – und auch hierzulande dürfte das Schicksal der Verdingkinder die Gemüter bewegen.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Der Verdingbub


Schweiz/Deutschland 2011
Regie: Markus Imboden;
Darsteller: Max Hubacher (Max), Lisa Brand (Berteli), Stefan Kurt (Bösiger), Katja Riemann (Bösigerin), Maximilian Simonischek (Jakob), Miriam Stein (Esther), Andreas Matti (Hasslinger), Heidy Forster (Grossmutter), Ursina Lardi (Mutter Dürrer), Ernst C. Sigrist (Polizist), Christoph Gaugler (Störmetzger), Peter Wyssbrod (Arzt), Hanspeter Müller (Gemeindepräsident), Martin Hug (Hugo Wagner), Rebekka Burckhardt (Erzieherin) u.a.;
Drehbuch: Plinio Bachmann, Jasmine Hoch; Produzenten: Tamara Mattle, Peter Reichenbach, Bettina Ricklefs, Claudia Schröder; Kamera: Peter von Haller; Musik: Benedikt Jeger; Schnitt: Ursula Höf;

Länge: 106,43 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 25. Oktober 2012



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Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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