30.03.2019

Der Tag wird kommen

Die französischen Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern machten das Publikum mit eigenwilligen und tragikomischen Filmen wie "Louise Hires a Contract Killer" (Frankreich 2008) oder "Mammuth" (Frankreich 2010) auf sich aufmerksam. Ihr neuster Streich, die Anarcho-Komödie "Der Tag wird kommen", feierte seine Weltpremiere in Cannes und erhielt dort den Spezialpreis der Jury. Auf eine Weise ist diese Entscheidung verständlich, denn als lautstarke Satire auf den Kapitalismus unterhält die Absage an Alles durchaus und regt sogar zum eigenständigen Denken an – andererseits verpuffen recht viele der zahlreichen Gags und hinterlassen bisweilen den Eindruck einer beliebigen Abfolge von Klamaukeinlagen.

Die Brüder Jean-Pierre (Albert Dupontel) und Ben (Benoît Poelvoorde) treffen nur gelegentlich im Kartoffel-Restaurant ihrer Eltern oder in der Gegend um ein tristes Einkaufszentrum aufeinander. Das verwundert kaum, denn während Jean-Pierre als erfolgloser Matratzenverkäufer mit Frau und Kind im Eigenheim lebt, flaniert Ben als Punker mit seinem Hund durch die Straßen und torpediert das Spießbürgertum mit einer chaotischen Privat-Revolution. Als Jean-Pierre seine Arbeitsstelle und die Ehefrau verliert, übernimmt er den Lebensstil seines Punker-Bruders. Als waschechte Chaosbrüder machen die beiden fortan bereits durch ihre Tätowierungen mobil: Auf Bens Stirn steht "Not", während Jean-Pierre an gleicher Stelle mit "Dead" nachzieht.

Der wesentliche Handlungsort des sprunghaft erzählten Gag-Feuerwerks ist nicht umsonst ein gesichtsloses Einkaufscenter am Stadtrand. Waren es in "Dawn of the Dead" (USA 1978) von George A. Romero noch Zombies, die durchs Kaufhaus wandelten, sind es in "Der Tag wird kommen" ganz normale Menschen, die wie die Duracel-Häschen aus der Werbung im Gleichschritt marschieren – am Ende laufen beide Bilder auf eine überspitzte Kritik an Konsum- und Geldgeilheit hinaus. In seiner Erzählweise übernimmt der Film die ebenfalls parodierte Scheißegal-Mentalität der Punk-Brüder. Ob eine Massenschlägerei, eine Gabelstapler-Spazierfahrt oder Gérard Depardieu als wahnwitziges "Orakel" – "Der Tag wird kommen" übertreibt gerne und verpasst keine Gelegenheit für eine Pointe. Am Ende bleibt dann neben dem gelegentlichen Nervfaktor folgende Kampfansage hängen: "Später will ich auch mal Spießer werden" – Pustekuchen!



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Der Tag wird kommen
(Le grand soir)

Frankreich/Belgien/Deutschland 2012
Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern;
Darsteller: Benoît Poelvoorde, Albert Dupontel, Brigitte Fontaine, Areski Belkacem, Bouli Lanners, Serge Larivière, Stéphanie Pillonca, Miss Ming, Chloé Mons, Yolande Moreau, Gérard Depardieu, Vincent Tavier u.a.;
Produzenten: Benoît Delépine, Jean-Pierre Guérin, Gustave Kervern; Kamera: Hugues Poulain; Schnitt: Stéphane Elmadjian;

Länge: 95,55 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 2. Mai 2013



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Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

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