26.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente

Der Ost-Komplex


Der Stein muss weg. Darin sind sich alle Seiten einig. Nur darüber welcher Stein wird zu Beginn von Jochen Hicks Dokumentarfilm heftig gestritten. Dabei verliert man vom Kinosaal aus schnell den Überblick, wer sich jetzt gerade warum echauffiert und über welchen der beiden Gedenksteine. Letzte sind das "Denkmal der Sozialisten" und das "Denkmal der Opfer des Sozialismus", die für die Unvereinbarkeit der historischen Perspektiven auf die DDR-Vergangenheit stehen.

Der Ost-KomplexEine Antwort darauf, wer in der Berliner Stadtverwaltung die Idee hatte, die beiden Denkmäler einander direkt gegenüber aufzustellen, gibt Hicks Doku nicht. An Antworten scheint dem Regisseur generell nicht viel zu liegen. Lieber filmt er die streitenden Parteien mit spürbarer Schaulust. Die Zusammenstöße von Demonstranten unterschiedlicher Gruppierungen an den Denkmälern wiederholen sich alljährlich bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration. Da die Mehrheit allerdings jenseits der 60 ist, halten sich die Ausschreitungen in Grenzen. Also tun die Beteiligten vor der Kamera das, was niemand so gut kann wie alte Leute: Sie beschweren sich, früher sei alles besser gewesen. Früher meint unter dem Sozialismus, an den viele der Anwesenden mit Wehmut zurückdenken. Einige halten trotz ihres fortgeschrittenen Alters Plakate hoch: Lenin ist ein beliebtes Motiv, dicht gefolgt von verallgemeinernden Parolen. Die sogenannte Ostalgie kreist nicht nur um Rotkäppchen-Sekt und Spreewald-Gurken. Manche wünschen sich das ganze Regime zurück. Mit dieser Einstellung ist Mario Röllig oft konfrontiert. Der 46-Jährige saß monatelang in Haft wegen versuchter Republikflucht. Hick begleitet Röllig bei dessen freier Tätigkeit als Zeitzeuge und Vortragsreisender, den die traumatischen Erfahrungen auch nach 25 Jahren nicht loslassen.

Der Ost-Komplex Röllig ist eines der Opfer des Stalinismus, obwohl er mit Hinblick auf die hunderten Ermordeten verhältnismäßig glimpflich davon kam. 1987 kam er in der DDR mit 19 Jahren monatelang in Haft, weil er versuchte, zu seinem damaligen Liebhaber in den Westen zu fliehen. 1989 kamen Röllig und andere politische Gefangene im Rahmen eines finanziellen Deals mit der BRD frei. Der zentrale Charakter der Reportage spricht in Radio-Talkshows, vor CDU-Mitgliedern, die ihn für seine Homosexualität anfeinden, und vor Schulklassen. Dafür fliegt er sogar in die USA. Er kennt die Ewiggestrigen, die DDR-Kritik als Verrat betrachten und den Staats-Terror als adäquates Vorgehen gegen asoziale Subjekte. Hick befragt keinen von ihnen eingehend, eher gibt er ihnen ein Forum. Unter dem Motto "Es war nicht alles schlecht" werden in Deutschland selbst die grauenvollsten Verbrechen beiläufig abgetan. Das ist nichts Neues. Dass die Unterdrücker und Profiteure von einst in der Gegenwart nicht nur unbehelligt, sondern hochverehrt leben, ist in der Tat abstoßend. Viele der Täter wehren sich sogar erfolgreich gegen die Bezeichnung "Terrorstaat". Einer von ihnen ist Egon Krenz, der in einer Szene fleißig für seine Fans Bücher signiert. Ein effektvolles Statement gegen die weitestgehende Unbescholtenheit der Täter setzt die Doku nicht. Stattdessen arbeitet sie sich an immer gleichen Diskussionsrunden ab.

Die Mechanismen und Irrwege der Verniedlichung des DDR-Regimes, etwa in Form von DDR-Souvenir-Shops und Erfolgsfilmen wie "Sonnenallee" und "Good Bye, Lenin!" bleiben außen vor. Der relevante Stoff hätte einen kritischeren Blick auf den Umgang mit der jüngeren deutschen Vergangenheit anregen können. Doch an einem kritischen Blick fehlt es ihm selbst.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Jochen Hick / Galeria Alaska Prod.

 
Filmdaten 
 
Der Ost-Komplex  
 
Deutschland 2016
Regie, Drehbuch & Produzent: Jochen Hick;
Redaktion: Rolf Bergmann; Kamera: Jochen Hick, Nicolai Zörn; Schnitt: Thomas Keller;

Länge: 90 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<26.02.2016>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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