15.05.2011
Die Geschichte vom malenden Blinden

Der mit den Fingern sieht


Der mit den Fingern sieht Der deutsch-türkische Regisseur Savas Ceviz porträtiert in seinem Dokumentarfilm den türkischen Maler Esref Armagan. Ein Maler benötigt das Gefühl für Farben, für Licht und Schatten sowie für die drei Dimensionen. Über das alles verfügt Armagan. Er ist ein perfekter Maler, er steht Kollegen in nichts nach. Aber er unterscheidet sich von allen anderen: Esref Armagan ist blind, von Geburt an. Das Aussehen der Gegenstände, die er malt, erfühlt er. Mit den Fingern. Auch mit Fingern trägt er dann die Farben auf dem Papier auf.
Savas Ceviz' Film hält sich mit Kommentaren zurück. Stattdessen hört man als Zuschauer gebannt Armagan zu, der seine erstaunliche Karriere als Künstler selbst schildert. Der Film schaut ihm beim Malen über die Schulter und zeigt ihn im Alltagsleben.

Ist der Mann wirklich blind? Diese Frage stellt man sich, wenn man den Dokumentarfilm "Der mit den Fingern sieht" zu sehen bekommt. Man erlebt einen Mann, einen Künstler, der, obwohl er nicht sehen kann, leicht naiv, aber perfekt malt, der beeindruckende Bildkompositionen erzeugt, der Gegenstände dreidimensional darstellt: eine Sonnenblume, einen Vogel, einen Wasserfall. Sogar ein Bill-Clinton-Porträt hat er mal angefertigt, dem man eine Ähnlichkeit mit dem ehemaligen US-Präsidenten nicht absprechen kann. Die Bilder des ungewöhnlichen Malers verkaufen sich offensichtlich gut – ein Schwachpunkt des Films: die ökonomische Frage bleibt außen vor. Weltweit gibt es Ausstellungen der Werke Armagans, im Museum of Metropolitan Art in New York hängt eine Zeichnung von ihm, auch in China kennt man ihn.

Der mit den Fingern sieht Der Film zeigt einen Mann, dessen Augen immer hinter einer dunklen Brille verborgen sind. Ist der Mann ein Betrüger? Immerhin sagt Armagan selbst: Ohne seine Blindheit wäre er als Maler nichts Besonderes. Der Film versucht, die Vorbehalte, Zweifel und Kritik zu entkräften, indem er zahlreiche Wissenschaftler zitiert. Man untersuchte im Computertomographen die Hirnströme des Künstlers und fand heraus: Während Armagan mit den Fingern etwas ertastet, reagiert das Areal im Gehirn, das bei sehenden Menschen während des Betrachtens eines Objekts angesprochen wird. Armagan sieht. Auf seine Weise.

Trotzdem bleiben Fragen. Auch deshalb, weil das Porträt des türkischen Künstlers allzu eindimensional geriet. Viele Aspekte des ungewöhnlichen Künstlerlebens werden überhaupt nicht oder nur am Rande erwähnt. Man vermisst hier eine Kardinaltugend des Dokumentaristen, nämlich die Distanz zum Thema. Savas Ceviz zeigt zu viel Bewunderung für den Helden seines Films.

Abgesehen von diesen Schwächen, gelang Ceviz ein sehenswerter Film über einen freundlichen 57-jährigen Herrn, der auf ungewöhnliche Weise schöne, farbenprächtige Bilder malt. Ein lohnendes Erlebnis für den Zuschauer, weil man danach auf die Welt mit anderen Augen blickt. Ein Film, der das Bewusstsein für das Sehen schärft. Regisseur Savas Ceviz sagt, dass ihn der lebensbejahende Charakter des Esref Armagan, dessen "Herangehensweise an das Leben, voller Lebenslust und Mut machend, gespickt mit einer Portion Weisheit" beeindruckt habe. Ceviz, der bisher mit Kurzfilmen auf sich aufmerksam machte, drehte einen Dokumentarfilm, der mit viel Empathie einen Einblick in das Leben eines Menschen ermöglicht, der sich nie hat unterkriegen lassen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos:  MusOna / Barbarella Entertainment

 
Filmdaten 
 
Der mit den Fingern sieht  
 
Deutschland 2010
Regie, Drehbuch & Produzent: Savas Ceviz;
Produktion: MusOna Filmproduktion; Kamera: Marco Uggiano; Musik: Pierre Oser; Schnitt: Stefan Lengauer, Savas Ceviz, Julio Poranzke;

Original mit deutschen Untertiteln; Länge: 94,58 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung;
ein Film im Verleih von MusOna Filmverleih; deutscher Kinostart: 12. Mai 2011



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Der Film bei imdb.com
<15.05.2011>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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