24.01.2011
Julian geht

Der Mann, der über Autos sprang


Der Mann, der über Autos sprang: Jessica Schwarz, Robert Stadlober, Anna Schudt Das 32. Filmfestival Max Ophüls Preis 2011 hatte gut angefangen. Gleich am ersten Wettbewerbstag lief mit "Der Mann, der über Autos sprang" ein hochinteressanter, wenngleich nicht ganz perfekter Film. Perfekt brauchen die Filme beim Saarbrücker Filmfestival auch nicht zu sein: Es sind Nachwuchsregisseure, die am Wettbewerb teilnehmen. Wichtiger ist, dass sie was zu erzählen haben. "Der Mann, der über Autos sprang" leistet dies. Regisseur Nick Baker Monteys hat sich für seinen Film, zu dem er auch das Drehbuch schrieb, eine skurril anmutende Geschichte über Selbstfindung ausgedacht, in der vier Menschen aus dem Alltag fliehen und sich der Heilkraft des Gehens überlassen.

Der Filmtitel, "Der Mann, der über Autos sprang", weckt eine unfreiwillige Assoziation. Und tatsächlich, im Saarbrücker Kino kurz vor der Erstaufführung am 18. Januar 2011 murmelte jemand im Publikum: Da war doch was? Da war wirklich was. Einen guten Monat zuvor, in der Dezember-Ausgabe von "Wetten dass...?", verunglückte ein Wettkandidat schwer beim Versuch, auf Stelzen über Autos zu springen. Die Filmfigur Julian (Robert Stadlober) dagegen hat bei seinem Sprung über ein Auto ohne Hilfsmittel ein besonderes Motiv: Für den jungen Mann ist der Sprung ein metaphysischer Akt. Er plant, dabei in der Luft stehenzubleiben. Am Ende des Films wird Julian, nach einem Scheitern Jahre zuvor, es ein zweites Mal versuchen.

Zunächst aber hat Julian etwas anderes vor. Er entfernt sich unerlaubt aus einer Nervenheilanstalt, in der er vier Jahre verbringen musste. Jetzt will er eine Mission erfüllen: von Berlin nach Tuttlingen in Schwaben zu Fuß zu gehen. Durch das Gehen möchte er einen herzkranken Mann heilen. Julian steht bei dem Mann in einer Schuld.

Kaum in der Freiheit, wird Julian von einem Auto angefahren. Fahrerin Ju (Jessica Schwarz) ahnt noch nicht, dass sie dem jungen Mann wiederbegegnen wird. Als dies geschieht, entschließt sie sich, Julian auf dem Weg nach Tuttlingen zu begleiten. Bald wird sich ihnen eine weitere Frau hinzugesellen, Ruth (Anna Schudt), die dafür eine Familie verlässt. Außerdem ist da noch der Polizist Jan (Martin Feifel), der Julian nach dessen Ausbruch aus der Klinik verfolgt. Auch Jan möchte aus dem Alltag ausbrechen. Er wird wie die anderen zum Langstrecken-Fußgänger – und beruhigt damit seinen ansonsten cholerischen Charakter.

Der Mann, der über Autos sprang: Robert Stadlober Die ersten Tage des Filmfestivals Max Ophüls Preis zu Beginn des Jahres 2011 ließen bereits erkennen, welche Themen junge Filmemacher heute bewegen. Man könnte dem Trend die Überschrift "Identitätskrise" geben. In manchem Film flüchten die Filmhelden vor ihrem Dasein und den anstehenden Problemen, in den Hedonismus – sie leben schnell, stets den eigenen Vorteil suchend und doch nur scheinbar glücklich. Hedonistisch veranlagt sind Nick Baker Monteys' drei Wanderer, die sich Julian zum Vorbild nehmen, zwar nicht – aber unter einer Identitätskrise leiden auch die Assistenzärztin Ju, die Hausfrau Ruth und der Polizist Jan. Alle nehmen sie Reißaus, und auch wenn Julian den Vater eines verstorbenen Freundes nicht von dessen Herzkrankheit heilen sollte – mit seiner entrückten Wesensart hat er drei Menschen kurieren können. Manchmal wirkt Julian wie ein Außerirdischer, er ist blondiert, ausgestattet mit einem Dalai-Lama-Habitus, er tritt sehr spirituell auf. Er kann Gedanken lesen und weiß Dinge, die andere nicht wissen. Der Zuschauer erfährt aber nicht, woher Julian seine Fähigkeiten hat. Der Regisseur und Autor des Films hätte sich dafür etwas einfallen lassen können.

Vorbehalte wecken auch die Namen von drei der Weggefährten, Julian, Ju und Jan. Banal wirkt Baker Monteys' Gedanke, ihnen, die zusammen eine Wegstrecke zurücklegen werden, ähnlich klingende Namen zu geben. Der Zuschauer braucht diesen Fingerzeig nicht, um zu begreifen, dass die drei, zumindest für einen kurzen Zeitraum, eine Art Einheit bilden.

Die Figur der Ju, von Jessica Schwarz gespielt, ist gut charakterisiert: als Nachwuchsärztin vor einem Karrieresprung, der ihr plötzlich Angst macht, weil Ju befürchtet, dass der Alltagstrott nie ein Ende nehmen wird. Sie steigt aus, obwohl sie als Ärztin nicht an das Übersinnliche glauben kann. Dennoch folgt sie Julian auf seinem merkwürdigen Weg. Diesen schlägt auch der Polizist Jan ein, der im Film als Temperamentsbündel leicht überzeichnet ist. Das trifft auch auf die Darstellung von Ruths Familienhölle zu.

Der Mann, der über Autos sprang: Robert Stadlober Trotz dieser Mängel ergibt sich ein rundes Bild, hat sich Nick Baker Monteys für seinen Film bemerkenswert viel einfallen lassen. "Der Mann, der über Autos sprang" ist ein fantastischer Film im doppelten Sinne. Einmal wegen des somnambul angehauchten Titelhelden, zum anderen als ein gelungenes Stück Leinwandkunst, das dem Zuschauer ein schönes Erlebnis bietet, ein Film, dessen Figuren mit sehr viel Liebe gezeichnet sind.

Beim Thema des Films, dem Gehen als heilendes Mittel, beruft sich der Regisseur und Autor Nick Baker Monteys auf den deutschen Filmregisseur Werner Herzog und auch den britischen Schriftsteller Bruce Chatwin. Herzog ging 1973 einen weiten Weg, von München nach Paris. Er glaubte fest daran, dadurch die damals 77-jährige Filmpublizistin Lotte Eisner, eine gute Freundin von ihm, von einer schweren Krankheit zu heilen. Eisner genas und lebte dann noch zehn Jahre. Vielleicht wird Nick Baker Monteys in Zukunft nicht nur wegen des Themas seines Films, sondern auch als hoffnungsvolle Regie-Begabung mit Werner Herzog verglichen werden.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Max Ophüls Preis

 
Filmdaten 
 
Der Mann, der über Autos sprang  
 
Deutschland 2010
Regie & Drehbuch: Nick Baker Monteys;
Darsteller: Robert Stadlober (Julian), Jessica Schwarz (Ju), Martin Feifel (Jan), Anna Schudt (Ruth), Mark Waschke (Sebastian), Robert Schupp (Matthias), Irene Rindje (Davids Mutter), Justus Carrière (Oberarzt), Simon Licht (Dr. Brakmann) u.a.;
Ausführender Produzent: Sigi Kamml; Co-Produzenten: Fred Breinersdorfer, Luigi Falorni; Redaktion: Brigitte Dithard (SWR), Andreas Schreitmüller (ARTE); Kamera: Eeva Fleig; Musik: Fabian Römer;

Länge: ca. 105 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Arsenal; deutscher Kinostart: 9. Juni 2011;

Auszeichnungen:
nominiert für den Max Ophüls Preis 2011, Drehbuchpreis (zu gleichen Teilen mit dem Film "Abgebrannt")




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Der Mann, der über Autos sprang
05.06.2011  

Homepage des Filmfestivals
Max Ophüls Preis
24.01.2011  



Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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