16.02.2008
Wie ich den Krieg gewann

Der Krieg des Charlie Wilson


Der Krieg des Charlie Wilson: Tom Hanks, Julia Roberts 1980 beschließt der texanische Kongressabgeordnete Charlie Wilson (Tom Hanks), kurzerhand in die Weltpolitik einzugreifen: Die Übermacht der Sowjets in Afghanistan müsse seiner Ansicht nach bekämpft werden. Wilson mobilisiert Gelder für den Einkauf von Waffen. Es gelingt das Undenkbare: Die Rote Armee zieht 1989 nach schweren Verlusten ab.
Das amerikanische Kino liebt Heldenverehrungen. Charlie Wilson gab und gibt es wirklich. Sein Eingreifen in den Krieg, der das Ende der Sowjetunion einleitete, musste irgendwann den Weg auf die Leinwand finden. Der Kinostart geschieht während eines anderen Afghanistan-Kriegs, doch kaum ein Querverweis, nur eine Kritik am Vorgehen der USA ist im Film zu finden. Es wirkt, als ob Regisseur Mike Nichols auf halber Strecke die Intention abhanden gekommen wäre.

Zum Zeitpunkt des Kinostarts von “Der Krieg des Charlie Wilson“ verlangt die NATO eine Truppenverstärkung in Afghanistan. Die Deutschen beispielsweise, die Europäer allgemein, sie sollen mehr tun. Ab in den Kampfeinsatz gegen die Taliban. Gegen die Nutznießer der afghanischen Befreiung von der sowjetischen Besatzungsmacht, ausgerechnet. Den USA beispringen, die es alleine nicht mehr schaffen, die einst die Afghanen gegen die Rote Armee unterstützten, ausgerechnet. Was war im Vergleich zum heutigen Afghanistan-Krieg der die ganzen 80er Jahre dauernde Krieg für die Amerikaner doch vergleichsweise einfach: Waffen wurden ins Land geschmuggelt, die Afghanen besorgten den Rest. Sie kämpften gegen die Sowjets, erfolgreich.

Der Krieg des Charlie Wilson: Om Puri, Tom HanksIn den Vereinigten Staaten ist es kein Geheimnis, hierzulande noch unbekannt: Ein Kongressabgeordneter namens Charlie Wilson hatte die Macht, das Budget für die Unterstützung Afghanistans von fünf Millionen auf schließlich eine Milliarde Dollar zu erhöhen, und er nutzte sie. Das war nicht alles: Ungewohnte Koalitionen entwickelte er, Israel, Pakistan, Saudi-Arabien und andere brachte er an einen Tisch. Wilson war es, der den Transport der Waffen nach Afghanistan organisierte. Den Amerikanern ist Wilson spätestens, seitdem der Journalist George Crile 1988 eine Dokumentation über ihn produzierte, wohlvertraut. Auf Criles daraus hervorgegangenem Tatsachenroman basiert das von Aaron Sorkin verfasste Drehbuch zum Film. Regie-Veteran Mike Nichols (“Die Reifeprüfung“, “Hautnah“) inszenierte.

Und Nichols inszenierte Charlie Wilson zum einen als Gutmenschen, der selbstlos einen Krieg manipuliert, weil er vom Leid der Bevölkerung entsetzt ist. Zum anderen als Lebemann, der nur schöne, junge Frauen für sich arbeiten lässt, der vom Alkohol und wohl auch von anderen Drogen nicht lassen kann und der in einem mit Stripperinnen gefüllten Whirlpool erstmals vom Einmarsch der Sowjets in Afghanistan erfährt. Wilsons ultrarechte Unterstützerin (Julia Roberts) ist auch seine Geliebte; bei Frauen lässt Wilson nichts anbrennen. Mit ihrer Hilfe und der eines heruntergekommenen CIA-Agenten (Philip Seymour Hoffman) gelingt es, russische Waffen aus israelischen Beständen an den Hindukusch zu bringen. Die Camouflage hat den Sinn, die Vereinigten Staaten offiziell aus dem Krieg herauszuhalten.

Der Krieg des Charlie Wilson: Philip Seymour HoffmanBei dem Krieg gelang das. Beim aktuellen Afghanistan-Krieg nicht. Der Zuschauer weiß es. Doch Regisseur Nichols setzt im Film nicht auf die ironische Note, dass die USA sich in den 80er Jahren für jene Menschen einsetzten, die ab 2001 gegen sie kämpften. Es gibt einen Hinweis darauf, und das ist reichlich wenig: Am Ende des Films möchte der Kongressabgeordnete Wilson auch in den Wiederaufbau des Landes investieren – einen Bruchteil dessen, was die USA für die Waffen ausgaben. Das Geld wird ihm nicht mehr gewährt. Es hätte die Taliban verhindern können. Und damit die Unterstützung von Osama Bin Laden. Denn wie häufig wird nicht heutzutage darauf hingewiesen: Wenn man Geld in die Ausbildung und den individuellen Erfolg der Menschen steckt, laufen diese nicht Fundamentalisten hinterher. Aber die Kritik an der auf Kriege setzende Außenpolitik der USA akzentuiert der Film nur marginal. Im Gegenteil: “Der Krieg des Charlie Wilson“ beweihräuchert seine Titelfigur zu sehr. Wilson wird als Held dargestellt, allerdings als ein Held mit Schwächen. Aber Schwächen sind ja menschlich, und so soll uns Charlie Wilson nähergebracht werden.

Die Intention des Films ist erkennbar. Hier soll auf die politischen Folgen der amerikanischen Aufrüstung der späteren Taliban hingewiesen werden. Aber diese Botschaft ist nur unzureichend umgesetzt worden. So wie der Film auch sonst in weiten Teilen enttäuscht: Schon lange nicht mehr hat man so eindimensionale Charaktere auf der Leinwand gesehen wie Tom Hanks als Hedonist mit gutem Herzen und Julia Roberts als Kommunistenfresserin, eine Figur, die wie aus “Dallas“ entsprungen wirkt. Dem Film schadet wohl, dass der Drehbuchautor Aaron Sorkin vom Fernsehen kommt (“The West Wing“), in dem andere dramaturgische Regeln gelten. Der Film ist sehr dialoglastig. Sorkin und Nichols lassen Charlie Wilson und Roberts‘ Joanne Herring unentwegt reden, mit einer Kameraführung wie bei einer Fernsehserie. Es passt, dass zu Beginn des Films Wilson mit einem Soap-Opera-Produzenten im Whirlpool sitzt, der ihn um Geld bittet. Aber Charlie Wilson investiert nur in Kriege. Und Aaron Sorkin und Mike Nichols nur in Heldenverehrung.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universal

 
Filmdaten 
 
Der Krieg des Charlie Wilson (Charlie Wilson's War) 
 
USA 2007
Regie: Mike Nichols;
Darsteller: Tom Hanks (Charlie Wilson), Julia Roberts (Joanne Herring), Philip Seymour Hoffman (Gust Avrakotos), Amy Adams (Bonnie Bach), Brian Markinson (Paul Brown), Jud Tylor (Crystal Lee), Hilary Angelo (Kelly), Cyua Batten (Stacey), Ned Beatty (Doc Long), Om Puri (Präsident Zia ul-Haq) u.a.; Drehbuch: Aaron Sorkin basierend auf dem Buch von George Crile; Produktion: Tom Hanks, Gary Goetzman; Ausführende Produzenten: Celia Costas, Ryan Kavanaugh, Jeff Skoll; Ko-Produktion: Mike Haley; Kamera: Stephen Goldblatt; Musik: James Newton Howard; Länge: 102 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 7. Februar 2008



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<16.02.2008>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe