28.06.2010
Konservatives aus dem Comicregal

Der kleine Nick


Der kleine Nick "Ich weiß, warum ich nicht weiß, was ich später machen will", denkt "Der kleine Nick". Alles in seinem Leben sei prima. Am besten, es ändere sich nie etwas. Viel kann vom revolutionären Geist der Grande Nation nicht übrig geblieben sein, wenn so der Hauptcharakter eines der erfolgreichsten französischen Filme des letzten Jahres spricht. Laurent Tirards Kinofassung von "Le petit Nicolas", dem gleichnamigen Comic aus der Feder des "Asterix"-Erfinders René Goscinny spielt nach langer Startverschiebung nun auch hierzulande auf der Leinwand seine Streiche. Empörung wecken letzte bestenfalls, weil sie entweder mit reaktionärer Moral versehen oder jämmerlich harmlos sind. "Der kleine Nick" erzielt auf der Leinwand nicht einmal kleine Lacher.

Der kleine Nick"Der kleine Nick" gibt vor, ein Kinderfilm zu sein. Tatsächlich ist Tirards Komödie eine einlullende Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene, denen Wirtschaftskrise und soziale Nöte den Schlaf rauben. In den sechziger Jahren soll die Filmhandlung spielen. Das Szenenbild, welches der Regisseur um seine Figuren errichtet, übertrifft jedoch selbst die schlimmste Wirtschaftswunder-Nettigkeit an Sauberkeit und erinnert in der Ausstattung mehr an die Fünfziger. Im Jahrzehnt von Woodstock, Hippie-Kultur und sexueller Revolution war die Welt wohl nicht mehr brav genug für den kleinen Nick. Goscinny kann dies eigentlich herzlich egal sein, denn so drollig wie in dem von ihm verfassten Drehbuch war die Welt in Wahrheit nie. "Der kleine Nick" lebt mit seinen Eltern den konservativen Traum einer Musterfamilie. Papa (Kad Merad) wäre Fußballer oder etwas anderes Tolles geworden, hätte er nicht geheiratet. Mama (Valérie Lemercier) wollte bestimmt "schon immer Mama sein" und wird hoffentlich nie etwas anderes machen, verrät "Der kleine Nick".
Stutzig wird der Junge, als Papa auffällig nett zu Mama ist, statt sich von ihr bedienen zu lassen. Gehört sich das für den Herrn im Haus? Ein Klassenkamerad überzeugt Nick, dass ein Brüderchen unterwegs sei und der dann überflüssig gewordene Erstgeborene im Wald ausgesetzt würde, sobald das Baby auf der Welt ist. Um das zu verhindern, planen Nick und seine Schulkameraden, das Kind entführen zu lassen.

Der kleine Nick Mädchen tanzen in niedlichen Kleidchen Ringelrein, während ihre Mütter beim Kaffeeklatsch sitzen. Zur Schule gehen sie nicht. Wozu auch, sind doch Mädchen in der Komödie so doof, dass sie beim Kartenspiel schummeln müssen. Nicks Mama versucht vergeblich, den Führerschein zu machen. Frau am Steuer, Ungeheuer. "Ich bin eine Spießerin, die nur kochen kann!", lässt Tirard sie ausrufen. Traurig, aber wahr. Mamas Versuch, beim Abendessen mit Papas Vorgesetztem gebildet zu erscheinen, endet dementsprechend in einem Desaster. Das kommt davon, wenn Frau ihre häuslichen Tugenden vergisst. Ebenso schematisch sind Nicks Klassenkameraden gezeichnet: der ununterbrochen essende Dicke, der bebrillte Streber, der stets versagende Klassendepp. Söhne von Polizisten trillern mit deren Pfeifen, Söhne zwielichtiger Typen gucken finster wie Papa. Mädchen werden Mama, bestenfalls Grundschullehrerin (Sandrine Kiberlain). Blumenverkäuferin ist schon zu emanzipiert. Zur Strafe fällt eine solche auf die Kakteen im Blumengeschäft. Ein frisch aus der Strafanstalt Entlassener, den die Kinder heuern wollen, wird als Pointe vor dem Gefängnis erschossen. Die Kleinstadt soll sauber bleiben. Arme, Farbige und "Liberale" wurden vermutlich von einem Lynchmob vertrieben. Tierquälerei, Speiseröhrenverätzung und Gewalt in der Schule finden die Filmemacher dafür sehr witzig: Eine Katze wird in die Waschmaschine gesteckt, Kinder trinken Reiniger und schlagen den Klassenbesten zusammen. Die Intelligenz ist bekanntlich Erzfeind der Bigotterie.

Entsprechend ihrer militant konservativen Gesinnung tragen die Bürger Uniform: Frauen pastellfarbene Kostüme, Männer Anzug. Im lupenreinen Film-Idyll würde selbst Doris Day als unangepasste Rebellin erscheinen. Kinder werden den verklemmten Familienfilm kaum spannend finden. "Der kleine Nick" ist nicht altmodisch geworden, er war es wohl schon immer. Statt kindliche Unschuld zeigt er altväterlichen Konservativismus. Blickt man unter die blank polierte Oberfläche, stimmt das Werk traurig. Dass Kinder so reaktionär sein können wie "Le petit Nicolas" will man kaum glauben. Andererseits gibt es da den anderen Nicolas (Sarkozy). Der war auch mal Kind. Gut, dass "Der kleine Nick" nicht weiß, was er werden will.  

Lida Bach  / Wertung:  * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Wild Bunch / Central Film

 
Filmdaten 
 
Der kleine Nick (Le petit Nicolas) 
 
Titel für den englischsprachigen Markt: Little Nicholas
Frankreich 2009
Regie: Laurent Tirard;
Darsteller: Maxime Godart (Nicolas), Valérie Lemercier (Mutter von Nicolas), Kad Merad (Vater von Nicolas), Sandrine Kiberlain (Lehrerin), Michel Duchaussoy (der Direktor), Daniel Prévost (Moucheboume), Michel Galabru (Minister), Anémone (Mademoiselle Navarin), François Damiens (Blédur), Louise Bourgoin (Blumenhändlerin), Vincent Claude (Alceste), François-Xavier Demaison u.a.;
Drehbuch: Alain Chabat, René Goscinny (+ 1977), Sempé, Laurent Tirard, Grégoire Vigneron; Co-Produktion: Genevieve Lemal; Kamera: Denis Rouden; Musik: Klaus Badelt; Länge: 91 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Wild Bunch / Central Film



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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