16.12.2012
Auch Zwerge haben mal klein angefangen

Der Hobbit:
Eine unerwartete Reise


Der Hobbit: Eine unerwartete Reise: Martin Freeman als Bilbo Im Titelzusatz von Peter Jacksons Verfilmung von J. R. R. Tolkiens "Der Hobbit: Eine unerwartete Reise" lag von jeher eine Spur Ironie. Der erste Teil der als epische Trilogie nach dem Vorbild "Der Herr der Ringe" angelegten Fantasy-Saga, die 60 Jahre zuvor spielt, wird in mehrerer Hinsicht von Erwartung begleitet. Zum einen der Erwartung des seit der Vollendung der "Ringe"-Trilogie 2003 angekündigten Kinostarts, zum anderen der cineastischen Erwartung gegenüber dem Nachfolger des mit elf Oscars überhäuften "Die Rückkehr des Königs". Vielleicht scheint es deshalb fast unvermeidlich, dass der filmische Aufbruch des Titelcharakters ins Abenteuer enttäuscht.

Wie das hinter jeder Szene lauernde Leitbild "Der Herr der Ringe" überwältigt Jacksons erneuter Ausflug nach Mittelerde – doch nicht vor Staunen, sondern Ernüchterung. Sie unterwandert die burleske Komik der ausgedehnten Anfangssequenz, in der Bilbo Baggins (Martin Freeman) sein beschauliches Hobbit-Heim von 13 Zwergen okkupiert sieht. "Ich bin nicht derselbe Hobbit, der ich einmal war", gesteht der alte Bilbo Baggins (Ian Holm) in Gedanken. Auch ohne dass Bilbo es in seinen Memoiren festhält ist das nur allzu offensichtlich. Das aus der "Ringe"-Trilogie als entrückt und dennoch greifbar erinnerte Romanreich erstickt grobe TV-Optik. Ob trotz oder wegen des Einsatzes mit 48 FPS aufnehmender Digitalkameras liegt dieses neue, pastorale Mittelerde ästhetisch zwischen "Dungeons und Dragons“ und "Xena, die Kriegerprinzessin". Entsprechend kontraproduktiv wirken die penetranten 3D-Effekte, nach denen Jackson die Inszenierung stärker ausrichtet als die Geschichte. Letzte charakterisiert ihre märchenhafte Struktur und dramaturgische Konzentration auf intime Entscheidungsfragen.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise: Ian McKellen als Gandalf Eine solche steckt hinter Bilbos Überlieferung seiner Abenteuer an den jungen Frodo (Elijah Wood), dem er schreibt: "Zwar kann ich ehrlich behaupten, dir die Wahrheit gesagt zu haben, habe ich dennoch nicht alles erzählt." Nämlich nicht, wie ihn der Zauberer Gandalf (Ian McKellen) auf eine Reise lockte, die ihn ins Elbenreich Rivendell, in die Tunnellabyrinthe der Orks und beinah in den Kochtopf gefräßiger Trolle brachte. Das Ziel der 15 Helden ist der Einsame Berg, den Zwergen-Prinz Thorin (Richard Armitage) mit dem Schatz seiner Ahnen den Klauen des Drachen Smaug entreißen will. Unter Zwergen entdeckt der geruhsame Bilbo seine alte Findigkeit und verborgene Tapferkeit. Beide helfen ihn beim tückischen Ratespiel mit einem gewissen Gollum (Andy Serkis), dessen fanatisch gehüteter Schatz Bilbo erst in die Hände und dann über den Finger fällt: ein goldener Ring. Flüchtig, doch bedeutsam wie sein Erscheinen sind in Tolkiens "The Hobbit" die übergreifenden Romanmotive Kameradschaft, Machtbesessenheit und Selbstüberwindung.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise: Cate Blanchett als Galadriel Co-Drehbuchautorin und Produzentin Fran Walsh jedoch sieht sie "erst am Ende geweckt". Bis dahin ist es ein langer Weg, der nach rund 160 Minuten erst zu einem Drittel bewältigt ist. Die Neugier auf seine Fortsetzung ist begrenzt. Hinter jeder Biegung wartet eine weitere Kampfepisode, bei der finstere Orks, hässliche Trolle und geifernde Warge dutzendweise sterben, niemals aber ein knuddeliger Igel oder ein putziges Schlittenzieher-Kaninchen. "Wir sehen 'The Hobbit' eher als goldverbrämtes Märchen", bekundet Walsh. Doch während im Märchen Schrecken und Grausamkeit unverzichtbare Kehrseite des Zauberhaften sind, wirken im Film alle Gefahren bezwingbar. Die gedankenvolle Vorlage gerät zur turbulenten Achterbahnfahrt vorbei an kämpfenden Felsriesen und infernalischen Höhlenschluchten, nach der Gandalf einmal bemerkt: "Es hätte noch schlimmer sein können." Was die Kinoadaption angeht, kaum. Das sehen Gandalfs Mitstreiter ähnlich: "Du machst wohl Witze!"

Das tut "Der Hobbit", leider reichlich possenhaft. Dass die unerwartet prosaische unerwartete Reise trotzdem als Meisterwerk gilt, deutet wohl eher auf die reduzierten Ansprüche an das Gegenwartskino. Beim Untergang der Sonne der Filmkunst werfen selbst Zwerge lange Schatten.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 

 
Filmdaten 
 
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey) 
 
USA 2012
Regie: Peter Jackson;
Darsteller: Ian McKellen (Gandalf), Martin Freeman (Bilbo), Richard Armitage ( Thorin), Ken Stott (Balin), Graham McTavish (Dwalin), William Kircher (Bifur / Tom Troll), James Nesbitt (Bofur), Stephen Hunter (Bombur), Dean O'Gorman (Fili), Aidan Turner (Kili), John Callen (Oin), Peter Hambleton (Gloin / William Troll), Jed Brophy (Nori), Mark Hadlow (Dori / Bert Troll), Adam Brown (Ori), Ian Holm (alter Bilbo), Elijah Wood (Frodo), Hugo Weaving (Elrond), Cate Blanchett (Galadriel), Christopher Lee (Saruman), Andy Serkis (Gollum), Sylvester McCoy (Radagast), Barry Humphries (Goblin) u.a.;
Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro; Produzenten: Carolynne Cunningham, Peter Jackson, Fran Walsh, Zane Weiner; Kamera: Andrew Lesnie; Musik: Howard Shore; Schnitt: Jabez Olssen;

Länge: 169,25 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros. Ent.; deutscher Kinostart: 13. Dezember 2012



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<16.12.2012>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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