15.05.2017

"Von nun an sollt ihr Menschen fischen."

Der große Navigator

Die Stuttgarter Regisseurinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler begleiten in ihrem Dokumentarfilm "Der große Navigator" einen schwäbischen Missionar bei seiner Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Dokumentarfilm über einen in Ostdeutschland tätigen Missionar? darf man sich an dieser Stelle zu Recht fragen. Doch der Film funktioniert ganz hervorragend und geht die Thematik des christlichen Glaubens mit einer ordentlichen Prise Humor an – ohne den arg aus der Zeit gefallenen Protagonisten lächerlich zu machen.

"Der große Navigator" beginnt mit der Autofahrt, die den überzeugten Missionar Jakob Walter vom Schwarzwald in seine neue Heimat Neubrandenburg führt. Auf der Suche nach einem "real existierenden Realismus" begleiten sie ihn bei alltäglichen Tätigkeiten jeder Art und zeigen ihn in der missionarischen Interaktion mit Menschen auf der Straße, die er gerne in Gespräche über Glauben und Gott verwickelt; dass er dabei in der Regel auf wenig Gegeninteresse stößt, versteht sich beinahe von selbst. Neben der Dokumentation der Walterschen Missionsarbeit interviewen die Regisseurinnen in regelmäßigen Abständen Passanten: "Glauben sie an Gott?" lautet die immer wieder gestellte Frage, die immer wieder andere Antworten zu Tage fördert. Als Gegenpol zu Jakob Walter etabliert sich im Verlauf des Films der Jugendliche Matze, ein Punk, der sich selbst als "Antichrist" bezeichnet. Baier und Köhler treffen ihn zufällig bei Dreharbeiten auf einem Marktplatz. So gewinnt der Film einen starken Protagonisten, der mehrfach im Film auftaucht und viele seiner jugendlichen Existenzsorgen preisgibt.

"Der große Navigator" ist aber nicht nur ein Film über seinen Protagonisten im Speziellen und den Glauben im Allgemeinen, sondern auch eine Bestandsaufnahme ostdeutscher Befindlichkeiten. Und vielleicht ist es dieser zweifache Zugang, der ihn so interessant werden lässt: Wenn die Filmemacherinnen zum Beispiel einen Gemüsehändler fragen, ob er an Gott glaube, dann ist dieser Gemüsehändler gleichzeitig auch ein ostdeutscher Bundesbürger – und gibt somit nicht nur sein Glaubensbild preis, sondern (und das wird vor allem in der Masse der Befragten deutlich) auch etwas über das Selbstbild, die Mentalität der Ostdeutschen. Denn von einer Überwindung des Unterschiedes zwischen Ost und West zu sprechen, ist nach wie vor recht naiv, was ja bekanntlich gerne vergessen beziehungsweise verleugnet oder vertuscht wird. Wiltrud Baier und Sigrun Köhler legen mit "Der große Navigator" einen inhaltlich ambitionierten, handwerklich einwandfreien Dokumentarfilm vor, der zwei nicht gerade unproblematisch zu verfilmende Themen auf humorvolle, ehrliche Weise verschränkt.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Der große Navigator


Deutschland 2007
Regie, Konzept, Kamera, Produktion und Schnitt: Wiltrud Baier, Sigrun Köhler;
Mitwirkende: Jakob Walter, Matthias Gay, Katrin Krabbe u.a.;

Länge: 83 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 6. Dezember 2007



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"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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