24. August 2006

Der lange Kampf um sich selbst


Der freie Wille


Der freie WilleNeun Jahre war er "weggesperrt". Jetzt versucht sich ein mehrfacher Vergewaltiger am normalen Leben. Der Filmtitel ist in seiner bitteren Ironie so perfekt gewählt wie das Sujet im Film ausformuliert ist: Man kann seinen Trieben nicht entkommen. Jürgen Vogel in der Hauptrolle verfügt über die nötige Empathie für die Zwangshandlungen seiner Figur, die nicht als Opfer ihrer selbst gestaltet ist. Regisseur Matthias Glasner hat mit "Der freie Wille" seinen bislang besten, allerdings zu lang geratenen Film inszeniert.


Auf einen Sandsack drischt er ein. Er drischt ein, bis ihm die Fäuste brennen, bis er kraftlos zu Boden sinkt. Er weiß, dass er es jetzt richtig macht: Das Opfer seiner Gewaltausübung ist ein toter Körper. Er weiß es, denn: Theos Verstand sagt es ihm. Sein Körper, triebgesteuert, verlangt nach lebendigen ihm Unterlegenen, die zu vergewaltigen sind. Der Verstand ist in diesem Zweikampf obenauf. Das war nicht immer der Fall. Und wie lange ist es noch der Fall? Theo sinkt auch deswegen kraftlos, mutlos zu Boden. Den Kampf um sich selbst kann er nicht gewinnen. Sein Verstand ist mit den Trieben alleingelassen.

Der freie WilleBereits bei der Berlinale 2006, die Vogel als einer der Preisträger verlassen sollte, gab es die kontrovers geführte Debatte: Wie zumutbar sei es dem Kinopublikum, eine Vergewaltigung kompromisslos ununterbrochen zu verfolgen. Der US-Regisseur Spike Lee sagte einmal: Meistens gingen Menschen ins Kino, um der Realität zu entfliehen. Man solle aber hin, um die Realität kennenzulernen. Eine andere Frage wäre eher zu stellen: Ist es Effekt erheischend, absichtlich Aufsehen erregend von einem Filmemacher, sich diesem gewagten Thema zu widmen, liegt hierin ein Grund für Kritik vor. Aber das Thema hat angesichts der Problematik um Sucht, Suchtprävention und Umgang mit beidem sehr wohl im Kino seine Berechtigung. Wenn denn schon, dann konkret, keineswegs banalisierend, Diskretion wäre fehl am Platz, und so ist es hier, und sehr korrekt in der Umgangsform - am gewählten Beispiel. Regisseur Glasner sagt über die Intensität der Szene in den Dünen, es galt, "den Zuschauer mitempfinden zu lassen, was es heißt, ein Vergewaltiger zu sein".

In den Dünen an der Ostsee schlägt Theo in blinder Raserei eine junge Frau vom Fahrrad, vergewaltigt sie minutenlang, ohne Abwenden vom Entsetzlichen folgt die Kamera der Tat. Sie zeigt den Täter Theo aber auch im Anschluss an die Tat, wie er über sich selbst Entsetzen empfindet: Wieder hat er es getan, wieder konnte sein Bewusstsein es nicht verhindern, wieder kommt die Einsicht erst, wenn es zu spät ist - am gewählten Beispiel.

Der freie WilleNach neun Jahren im Maßregelvollzug gibt man Theo eine neue Chance. Die Chance, die sehr labil sein muss, will Theo dennoch nutzen. Mit Judo und anderen Körperbetätigungen, die ihn in erster Linie mit ihm ungefährlichen Männerkörpern konfrontieren, lenkt er sich ab. Wieder und wieder trifft er Frauen, und glänzend demonstrieren Glasner und sein Hauptdarsteller, was es für einen Vergewaltiger auf Bewährung bedeuten muss, den Blick auf das Reizende innerlich verzweifelt zu befrieden. Eine junge Frau (Sabine Timoteo) verliebt sich in ihn, gegen ihren (und erst recht gegen seinen) Willen, nicht, weil sie Theos Vergangenheit kennt, sondern weil ihr Vater eine inzestuös angehauchte, auf jeden Fall von abgöttischer Liebe bestimmte Beziehung aufgebaut hatte. Seitdem hasst Nellie Männer. Es ist eine Nebenhandlung, die sich in ihrer Unausgegorenheit störend über die eigentliche Thematik des isolierten, weiterhin latent gefährlichen Menschen legt, der so gerne ein normales Leben führen würde. Im von Glasner und Vogel gewählten Beispiel.

Dies ist das Hauptproblem des Films: Glasner und Vogel erzählen von einem Antihelden, der gerne kein Vergewaltiger wäre. Es ist ihnen zwar gelungen, ihn aufgrund seiner Taten nicht zu verharmlosen, nicht allzu sympathisch erscheinen zu lassen bei allem Mitempfinden vor allem des Zuschauers, Theo möge sich befreien, seinem eigenen freien Willen folgen dürfen. Mit der Wahl der um sich kämpfenden Figur lauert aber die allgemeine Gefahr der Verklärung von Vergewaltigern: Nicht jeder so wie Theo kämpft. An Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der anderen" wurde ähnlich kritisiert, ausgerechnet von einem durch ein Damaskus-Erlebnis umfallenden, zuvor prinzipientreuen Stasi-Mann zu erzählen; solch eine Figur sei nicht realistisch. Realistisch mag es sein, dass ein Mensch gegen sein eigenes Gefahrenpotenzial ankämpft; dieses Beispiel gewählt zu haben lässt die vielen weit negativeren Fälle durch Nichtdarstellung, wenngleich unabsichtlich, außer Acht.

 
Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle der Fotos: Kinowelt


Filmdaten

Der freie Wille
(Deutschland 2006)

Regie: Matthias Glasner;
Darsteller: Jürgen Vogel (Theo Stoer), Sabine Timoteo (Nettie Engelbrecht), Manfred Zapatka (Claus Engelbrecht), André Hennicke (Sascha), Judith Engel (Anja Schattschneider), Frank Wickermann (Michael), Anna Brass (Frau in den Dünen), Anna de Carlo (Kellnerin), Anne-Kathrin Golinsky (Kaufhausverkäuferin) u.a.; Drehbuch: Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen Vogel; Produktion: schwarzweiß filmproduktion, Colonia Media Filmproduktion / Label 131; Ko-Produktion: WDR, ARTE; Produzenten: Frank Döhmann, Matthias Glasner, Christian Granderath, Jürgen Vogel; Ko-Produzenten: Andrea Hanke, Andreas Schreitmüller; Produktion und Verleih gefördert durch: Filmstiftung NRW, FFA, Medienboard Berlin-Brandenburg; Kamera: Matthias Glasner; Länge: 163 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von Kinowelt; Film-Homepage: http://www.derfreiewille.de




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Der freie Wille
<24.08.2006>  



Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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