03.07.2013
Der Reich und die (Selbst)Herrlichkeit

Der Fall Wilhelm Reich


Der Fall Wilhelm Reich: Klaus Maria Brandauer, Julia Jentsch Orgonen? Klar gibt es die! Das sind die mürrischen Außerirdischen aus "Star Trek", denen Zornesfalten quasi in den Stirnknochen eingefurcht sind. Nein? Okay, dann gibt es sie trotzdem, bloß weniger, nämlich die 3118 Einwohner der französischen Gemeinde Orgon an der Cote d'Azur. Nicht? Aber ein Orgon existiert definitiv und zwar der fiese Fischgott, dem die Stadtbewohner in H. P. Lovecrafts "Schatten über Innsmouth" (und womöglich auch die Bewohner von Orgon) huldigen. Auch falsch? Aber was sind dann Orgonen, denen die Orgon-Theraphie, der Orgon-Akkumulator und "Der Fall Wilhelm Reich" in den hiesigen Kinos zu verdanken sind?

Orgonen sind die neuen deutschen Filmstars oder wenigstens die heimlichen Hauptfiguren auf Antonin Svobodas cineastischem Heroldsbild ihres geistigen Vaters Wilhelm Reich. Der österreichische Psychiater und Sexualforscher (Klaus Maria Brandauer), der 1939 in die USA emigrierte, machte in seinen Publikationen über die angebliche Energieform kosmischen Ursprungs aus dem Fantasie- ein Schlagwort. Neben der Orgonomie konstruierte der selbsterklärte Wunderheiler drollige Holzkästen, Pardon: Orgon-Akkumulatoren. Die wirken etwa so gemütlich wie ein Dixi-Klo, nur dass eine Sitzung in einer solchen Kiste deutlich länger dauert. "Zwei bis drei Stunden" instruiert Reich seine erwachsene Tochter Eva (Julia Jentsch) darin zu tun "was allen Menschen am Schwersten fällt: nichts." Von nichts kommt dann auch nichts, jedenfalls nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Die jedoch spielt einen undankbaren Nebenpart bei Svoboda, der Physik zur Spießer-Doktrin erklärt. "Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?", fragte der Regisseur 2009 in einer Fernsehdokumentation über seinen Protagonisten und den Eindruck seiner Orgasmus-Lehren auf die 68er-Generation.

Der Fall Wilhelm Reich: David Rasche Die Antwort, die damals die Reportage vorgab, wiederholt das Biopic nun vor dem Kinopublikum. Ihm präsentiert das schmeichlerische Charakterporträt die Orgonen, die nach Einsteins und Freuds Fachurteil lediglich in Reichs Einbildung Wunder wirken, als Fakt. Wer zweifelt, leugnet die vielleicht größte Entdeckung jener Ära, die so kleinmütig und prüde war, dass sie dem Vermarkter von Orgonen-Theraphie und Orgasmus-Power den Handel mit seinen Holzheilern untersagte. Doch Reich bleibt unbeirrbar, aus reinem Altruismus versteht sich, nicht etwa aus Geschäftssinn. Letzten beweist dafür der Film- und Drehbuchautor, der es hinzubiegen weiß, dass "Der Fall Wilhelm Reich" als der eines verkannten Vordenkers erscheint. "Ich hoffe nur, dass Ihre Arbeit nicht als Wahnvorstellungen eines Scharlatans abgetan wird", sagt Reichs allglatter Kritiker Hills (David Rasche). Wie alle Gegner des wegen unseriöser Heilmethoden schließlich inhaftierten Reichs vertritt er ein reaktionäres Feindbild, was den Hauptcharakter wiederum zum fortschrittlichen Rebellen stilisiert.

Der Fall Wilhelm Reich: Klaus Maria Brandauer Im Psychologengespräch während seiner Haft entfährt Reich, was auch der Zuschauer ausrufen soll: "Wer ist verrückt hier? Wilhelm Reich oder die Gesellschaft?" Beide, schlussfolgert man angesichts der behäbigen Verquickung von Verschwörungskrimi und Heldenverklärung. Gefängnisartige Kliniktrakte, in denen der skrupellose Dr. Cameron (Gary Lewis) Menschen mittels Gehirnwäsche zu willenlosen Kriegern machen will, kontrastieren mit Reichs idyllischem Landsitz Orgonon. Hier forscht der fürsorgliche Vater, Ehemann und Opa, bespitzelt von Laborassistentin Aurora (Birgit Minichmayr), an seinen selbstgebastelten Zauberkästen. Einer heilt die Frau des benachbarten Blaubeer-Farmers von Kinderlosigkeit. Damit neben unbrauchbaren Gebärmüttern der ausgedörrte Boden fruchtbar werde, baut Reich den Cloudbuster, den Kate Bushs gleichnamiger Song besingt.

Damit der Filmkritiker ob der obskuren filmischen und physiologischen Materie nichts Falsches schreibt, interpretiert ein "Kleines Glossar zu Wilhelm Reich" im Presseheft Orgon als "von Wilhelm Reich geprägter Begriff, den man allgemein als Lebensenergie bezeichnen könnte." Orgonen sind so was wie Ektoplasma, nur für Menschen statt Geister, und statt schleimig-grün kommen sie stylish bläulich-leuchtend. Nur von der Lebensenergie spürt man wenig im Kinosaal. Dort erklingt nach weniger als der Hälfte der 110 Minuten Laufzeit das erste Schnarchen. "Der Fall Wilhelm Reich", der Svoboda gemäß des Originaltitels ein "seltsamer" dünkt, ist filmisch schlicht ein hoffnungsloser.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Eva Kees / Movienet Film

 
Filmdaten 
 
Der Fall Wilhelm Reich (The Strange Case of Wilhelm Reich) 
 
Österreich 2012
Regie: Antonin Svoboda;
Darsteller: Klaus Maria Brandauer (Wilhelm Reich), Julia Jentsch (Eva Reich), Jeanette Hain (Ilse Reich), Jamie Sives (Hamilton), Birgit Minichmayr (Aurora), Kenny Doughty (Paul), Gary Lewis (Dr. Cameron), David Rasche (Hills), Shaun Aylward (Peter), Markus Schleinzer (Agent Klein) u.a.;
Drehbuch: Rebecca Blasband, Antonin Svoboda; Produktion: Alexander Glehr, Martin Gschlacht, Franz Novotny, Antonin Svoboda; Kamera: Martin Gschlacht; Musik: Bernd Jungmair, Stefan Jungmair; Schnitt: Oliver Neumann;

Länge: 115,27 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Movienet Film; deutscher Kinostart: 5. September 2013



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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