11.06.2013
Diener keines Herren

Der Diener (1963)


Der Diener (1963): Dirk Bogarde "Ich bin der Gentleman eines Gentlemans und Sie sind kein verdammter Gentleman!", erklärt Hugo Barrett (Dirk Bogarde) in Joseph Loseys "The Servant". Der besitzergreifende Diener, den der verwöhnte Aristokratensohn Tony (James Fox) in die klaustrophobischen Handlungsräume und sein Privatleben holt, ist nur zu Beginn die Titelfigur der diffizilen Groteske über den Umbruch von Obrigkeitsdenken und Klassenhegemonie. Nur zu bereitwillig überträgt Barrett den Part an seinen Herren und übernimmt im Gegenzug die Privilegien, die in der elliptischen Beziehungsstudie zugleich psychotisch, despotisch und erotisch sind.

Eine Dekade bevor er sein doppelbödiges Meisterwerk drehte, war Losey auf Hollywoods Schwarzer Liste gelandet. Die folgende Nichtbeschäftigung quittierte er mit der Emigration nach Großbritannien. Seine kafkaeske Betrachtung überlebter Machtstrukturen und passiv-aggressiver Kontrolle gab den Auftakt zu drei Filmarbeiten mit Harold Pinter. Dessen Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman Robin Maughams, Neffe von W. Somerset, der bereits 1949 explizit machte, was Losey 1963 auf der Leinwand nur andeuten konnte: den beiderseitigen Korrumpierungseffekt und die Desintegration reaktionärer Machtstrukturen. Sie stehen in der zynischen Schlussszene vor dem Kollaps. Tony und seiner Gesellschaftsschicht scheint er so beängstigend widernatürlich wie das surreale Alptraum-Szenario, in das sich der Plot auswächst. Die subversive Pointe, die das angestammte Herrschaftsverhältnis ins Gegenteil verkehrt, warnt nicht vor renitenten Impulsen der neuen Ära, sondern den Nachwirkungen der alten.

Der Diener (1963): Dirk Bogarde (Mitte), James Fox (rechts) Auf den ersten Blick nonchalant und großzügig, verkörpert Tony tatsächlich altaristokratische Überheblichkeit. Seine Leutseligkeit wächst aus unbelehrbarem Herrendenken, das sich empört, sobald Barrett eine der räumlichen und sprachlichen Schranken zwischen Herr und Diener überschreitet. Expressive Kamerawinkel verwandeln das Anwesen im vornehmen Chelsea in ein psychosexuelles Labyrinth voller Fallen. Deren verlockendste ist Vera (Sarah Miles), Barretts vermeintliche Schwester, die als neues Zimmermädchen Tony mit naiver Verführungskraft seiner Verlobten entfremdet. Die aus reicher Familie stammende Susan (Wendy Craig) ist empörter über Tonys soziale Grenzverletzung als über seinen Fehltritt. Ihn begeht Tony im Grunde mit Barrett, der die Unselbständigkeit des jungen Aristokraten geschickt fördert und als Einflussbasis nutzt. "Wenn ich das so sagen darf, Sir, lässt das uns beide ziemlich im gleichen Boot sitzen", kommentiert er süffisant Tonys Seitensprung mit Vera, die er nun als seine Verlobte darstellt.

Der Diener (1963): Dirk Bogarde, James Fox Durch das Partnerteilen kontrolliert Barrett indirekt Tonys Liebesleben und schafft eine amouröse Synchronizität als eine Art Ersatz für eine physische Vereinigung. Was aufgrund der Zeitmoral unter dem männlichen Figurenpaar nicht vorbehaltlos möglich ist, klingt in den doppeldeutigen Dialogen an. Die homoerotische Beziehung bestimmt ein Spiel um die Oberhand im Haus. Allegorie des sturen, kindlich-grausamen Duells ist das Ballspiel auf der Treppe, die das soziale Gefälle abbildet. Die Hauptcharaktere verkörpern Angstklischees des Altadels: den tückischen Dienstboten und den lebensuntauglichen Snob. "The Servant" kritisiert Dienstherrschaft nicht nur als Dünkel, sondern indirekte Selbstentmachtung. Tony ist mit der Verrichtung von Alltagsdingen, seinem Wohnsitz und sogar der Einhaltung seiner eigenen Anordnungen überfordert. Den Vorstellungstermin, zu dem er Barrett bestellt hat, verschläft er und zeigt sich genauso inkonsequent bei dessen Rauswurf.

Ohne seinen Valet fühlt er sich in Rang, Heim und Affektion gleichermaßen alleingelassen und hilflos. Gewinner des fortgesetzten Psychospielchens, das 50 Jahre nach seiner Premiere bei Arthaus als großzügig mit Bonusmaterial ausgestattete Blu-ray erscheint, ist der Zuschauer. Obwohl die bissige Pointe auch sein überlegenes Lächeln abwürgt.  

Lida Bach / Wertung: * * * * * (5 von 5) 

 
Filmdaten 
 
Der Diener (1963) (The Servant) 
 
Der Diener (1963): Cover der Blu-ray

GB 1963
Regie: Joseph Losey;
Darsteller: Dirk Bogarde (Barrett), Sarah Miles (Vera), Wendy Craig (Susan), James Fox (Tony), Catherine Lacey (Lady Mounset), Richard Vernon (Lord Mounset), Patrick Magee, Harold Pinter u.a.;
Drehbuch: Harold Pinter nach dem Roman von Robin Maugham; Produzenten: Joseph Losey, Norman Priggen; Kamera: Douglas Slocombe; Musik: John Dankworth; Schnitt: Reginald Mills;

Länge: 111 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; westdeutscher Kinostart: 14. August 1964



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Homepage der Blu-ray-Release von Arthaus
<11.06.2013>


Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe