12.02.2010

Meditierst du noch oder fliegst du schon?

David Wants to Fly

David Wants to Fly David Lynch hat noch viel vor. In über zwanzig Ländern möchte er Grundsteine legen, um darauf neue TM-Zentren errichten zu lassen. TM steht für "Transzendentale Meditation" und meint die "Lehre" des Maharishi Mahesh Yogi. Die Beatles waren Fans von Maharishi, Donovan praktiziert nach eigenem Bekunden TM, und auch Clint Eastwood und Mia Farrow zählen zu den prominenten Anhängern des inzwischen verstorbenen Inders. David Sieveking will eigentlich nur seinem großen Idol Lynch folgen und "abgründige Filme" drehen. Deshalb fängt er mit TM an. Was als Dokumentation einer Suche nach Inspiration beginnt, wird zur faszinierenden Verfilmung einer Reise, auf deren verschiedenen Stationen der Zuschauer Einblicke in die Organisation einer sektenartigen Gruppierung erhält: Deren Geschäftsmodell besteht im Verkauf von Heils- und Glücksversprechen.

Iowa, mittlerer Westen der USA. Hier trifft David Sieveking erstmals auf David Lynch. Der rührt mächtig die Werbetrommeln für TM und preist die angeblich leicht erlernbare Technik als Quelle der Kreativität. Zuhause in Berlin entschließt sich David zu einem Selbstversuch: er meldet sich zu einem TM-Grundkurs an, blättert schlappe 2380 Euro hin und bekommt dafür bei einer Zeremonie mit weißem Taschentuch, frischen Blumen und süßen Früchten – die selbstredend nicht gefilmt werden darf – sein persönliches Mantra zugeteilt. Dieses Wort aus dem Sanskrit soll er beim Meditieren wiederholen. Davids macht sich brav ans Werk, aber schon bald konstatiert er: „Beim Meditieren fühle ich mich wunderbar mit der Welt vereint. Aber danach sitze ich trotzdem allein in meiner Bude.“

David Wants to Fly Allahabad, Indien. Auch ein Meister der Meditation muss irgendwann das Zeitliche segnen. Maharishis Anhänger versammeln sich, um dem geschmückten Leichnam die letzte Ehre zu erweisen und anschließend seine Asche in den Ganges zu streuen. Mit von der Partie ist wieder David Lynch. Noch freut er sich über David Sievekings Kommen. Als feststeht, dass ein Harvard-Absolvent aus dem Libanon neues TM-Oberhaupt werden soll, darf der Nachwuchsregisseur gar auf einer Veranstaltung der Rajas, der Führungselite von TM, dabei sein und filmen. Jedenfalls solange, bis ein Streit über die von Maharishi gewünschte Nachfolgeregelung ausbricht. Die für den Weltfrieden Meditierenden kriegen sich aufgrund von Machtfragen in die Wolle – eine hübsche Pointe!

Colorado, USA. Zunehmend verunsichert spricht Sieveking mit einem Verleger, der nach eigener Auskunft über 150 Millionen US-Dollar an Maharishi und die Seinen gespendet hat. Begeistert habe ihn die Idee, dass zehntausend „yogische Flieger“, an einem Ort versammelt, durch gemeinsame Meditation den Weltfrieden herbeiführen sollten. Als yogische Flieger werden die im Meditieren Fortgeschrittenen bezeichnet, die angeblich in der Versunkenheit der Meditation die Gravitationskräfte überlisten und abheben, eben fliegen können. Schade, dass der Regisseur nicht nachfragt, wie ein durchaus gebildeter Mann einer solch absurden Idee verfallen konnte. Im Film sieht man jedenfalls nur Männer im Schneidersitz über Turnmatten hüpfen. Spannend aber ist, was der Verleger sonst zu berichten hat, und am Spannendsten, was wirklich mit seinem Geld passiert ist – das für die zehntausend yogischen Flieger vorgesehene Zentrum jedenfalls hat im besten Fall die Bezeichnung Bauruine verdient.

David Wants to Fly Mit "David Wants to Fly" ist David Sieveking ein Dokumentarfilm gelungen, wie man ihn gerne öfter sehen würde. Seine Annährung an die TM-Organisation überzeugt nicht nur durch die vielen Schauplatzwechsel, sondern auch aufgrund der Dialoge mit den klug ausgewählten Gesprächspartnern. Neben überzeugten TM-Anhängern – außer David Lynch kommt beispielsweise auch der Schweizer TM-Chef zu Wort – hat Sieveking mit Zweiflern gesprochen und ehemaligen Vertrauten Maharishis. Indem bestimmte Fragen angerissen werden, die dann von anderen Episoden unterbrochen und erst gegen Ende beantwortet werden, entsteht eine Spannung, die durch den gesamten Film trägt. Viel Vergnügen wird dem Publikum auch der Einfallsreichtum des Regisseurs bereiten, wenn er sich etwa als „Pandit“ verkleidet, um sich Zugang zum Maharishi Center in Amerika zu verschaffen. Und was ist eigentlich aus dem „Turm der Unbesiegbarkeit“ geworden, den die TM-Organisation auf dem Teufelsberg in Berlin errichten wollte? Man verlässt diesen Film mit einem Schmunzeln und fragt sich, weshalb David Sieveking meinte, seiner Kreativität mit TM auf die Sprünge helfen zu müssen. Dass er auch so das Zeug hat, gute Filme zu machen, hat er gerade eindrucksvoll unter Beweis gestellt.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Neue Visionen


Filmdaten

David Wants to Fly

Deutschland / Österreich / Schweiz 2010
Regie & Drehbuch: David Sieveking; Produzenten: Martin Heisler, Carl-Ludwig Rettinger; Co-Produzenten: Johannes Rosenberger, Werner Schweizer; Redaktion: Claudia Gladziejewski, BR, Monika Lobkowicz, BR/Arte, Jochen Kölsch, BR/Arte, Urs Augstburger, SF, Franz Grabner, ORF; Co-Produktion: Lichtblick Film GmbH, Köln, Navigator Film, Wien, Dschoint Ventschr AG, Zürich; Kamera: Adrian Stähli; Musik: Karl Stirner;

Länge: 96 Minuten; ein Film in der Sektion Panorama der Berlinale 2010; deutscher Kinostart: 6. Mai 2010



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe