15.12.2009
Sag mir, wo die Täter sind

Das weiße Band
- Eine deutsche Kindergeschichte


Das weiße Band: Der Pfarrer (Burghart Klaussner) ermahnt seinen Sohn (Leonard Proxauf) zu Aufrichtigkeit Der Terror fängt zu Hause an, und er tut über die Maßen weh. Wir sehen nur die geschlossene Tür, warten beklommen. Aber nein, die Tür öffnet sich noch einmal. Der Junge muss das Werkzeug der Züchtigung, die Rute, eigenhändig an den Vater abliefern. Dann wieder die geschlossene Tür und vier Schreie, immer kreischender, eindringlicher, von nicht auszuhaltenden Schmerzen kündend. Wir wissen, das war nur der Anfang. Sechs weitere Schläge werden folgen, denn zehn hat der Vater tags zuvor tonlos als Strafe angekündigt: Die Kinder waren nicht pünktlich nach Hause gekommen.

Regisseur Michael Haneke muss den Akt des Schlagens nicht zeigen, um die nackte Gewalt sichtbar zu machen. Er kann sich ganz darauf verlassen, dass der Zuschauer mit inneren Bildern ergänzt, was auf der Leinwand immer wieder nicht stattfindet. Unverhältnismäßige Strafen für kleinste Vergehen kennzeichnen die religiös verbrämte Ordnung eines Dorfes in Norddeutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die unnahbaren Väter, ausgestattet mit absoluter Macht, regieren willkürlich über ihre Familien wie der Herr Baron über seine Feudalarbeiter.

Doch vor dem Hintergrund dieser alltäglichen Gewaltexzesse ereignen sich plötzlich weitaus drastischere Vorfälle, die das festgefügte System aus Kontrollieren und Strafen ins Wanken bringen: Der Arzt erleidet einen Unfall, der kein Zufall war. Gesehen hat jedoch niemand etwas. Eine Arbeiterin verunglückt im Sägewerk. Das jüngste Kind des Barons wird mit schweren Misshandlungen gefesselt aufgefunden. Zeugen? Keine. Ein behinderter Junge wird derart malträtiert, dass er zu erblinden droht. Und nie ist der Urheber auffindbar, nie lässt sich ein Schuldiger zur Rechenschaft ziehen. Stattdessen tauchen sie immer wieder an den Orten des Geschehens auf, stets in der Gruppe, adrett gekleidet, mit ernsthaften Gesichtern und der höflich vorgetragenen Frage, ob man nicht helfen könne: die Kinder.

Das weiße Band: Die Tochter des Arztes wundert sich über das plötzliche Interesse der Kinder Aber sind wirklich sie die Täter, die ungestraft davonkommen? Auch wenn die Frage danach vordergründig die Handlung vorantreibt und für kalte Spannung sorgt – eine Kriminalgeschichte, die sich mit wohlig über den Rücken laufenden Schauern konsumieren lässt, ist "Das weiße Band" nicht. Haneke zeichnet vielmehr mit äußerster Präzision das Psychogramm einer patriarchalischen Gesellschaft, in der tief verwurzelte Unredlichkeit das Monströse gebiert. Der Arzt, der seine Haushälterin und Geliebte auf demütigendste Weise loszuwerden versucht – vorgeblich, weil sie es niemals mit der verstorbenen Gattin aufnehmen könne – vergeht sich im Schutz der Nacht und der eigenen vier Wände an seiner Tochter. Keine Sanktion in Sicht.

Kann der Zuschauer den Reitunfall des Arztes also mit Genugtuung sehen? Erleichtert aufatmen, dass – wer auch immer – den Perversionen eines unantastbaren Mitglieds dieser Gesellschaft Einhalt gebietet? Haneke wäre nicht Haneke, wenn er es sich so einfach machte. Von der sexualisierten Gewalt des Arztes gegenüber der Tochter erfahren wir erst spät, die Episode ist zeitlich so weit hinter den Unfall verschoben, dass sich voyeuristische Schadenfreude nicht einstellen kann. Klar wird: Hier kann einer nur zeitweise aufgehalten, nicht aber ausgebremst werden. Wenn diese Gewalt gezeigt wird, sehen wir sie wieder, obwohl nichts zu sehen ist: Wir folgen der Perspektive des kleinen Bruders, der nachts verängstigt durch das Haus geistert. Es sind wiederum Schreie, Schmerzensschreie, die ihn zur missbrauchten Schwester führen. Das Kind, das sich nicht selbst schützen kann, versucht, das kleinere Kind zu schützen – der Vater habe ihr bloß die Ohrläppchen durchstochen, damit sie Ohrringe tragen könne. "Das tut schon ein bisschen weh", erklärt sie.

Das weiße Band: Seltsame Unfälle passieren im Dorf Hier, in der Beziehung der Geschwister, in der Schonung versucht wird, oder auch in der liebevollen Zuneigung des Dorflehrers zu einer jüngeren Frau, um die er wirbt, liegt so etwas wie utopisches Potenzial. Es ist jedoch zu wenig, um in dieser dörflichen Scheinidylle ein ernsthaftes Gegengewicht zu bilden. In Hanekes Mikrokosmos keimt und gedeiht die Gewalt im privatesten Rahmen, im Schoß der Familie. Sie ist mal religiös begründet, mal egoistisch motiviert, doch stets von einem absoluten Machtanspruch untermauert – ausweichen kann man ihr nicht. Womöglich sind es die Schwächsten, die diese Gewalt erleiden, die mit überdimensioniertem Terror darauf antworten.

Die Frage nach den Urhebern der mysteriösen Vorfälle, den Schöpfern der Terrorakte, bleibt unbeantwortet. Stattdessen endet der Film mit der Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo. Die Beschreibung struktureller Gewalt im familiären Raum wird zur Chiffre für die Entstehung der überindividuellen Gewalt: der des Krieges. Eine derartige These ist nicht neu, nicht überraschend. So unerbittlich klar, so beeindruckend exemplarisch, so konsequent die Mechanismen des Unterhaltungskinos meidend und damit die Erwartungshaltung des Zuschauers unterlaufend, ist sie bislang jedoch nicht erzählt worden.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: X Verleih

 
Filmdaten 
 
Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte  
 
Österreich / Deutschland / Frankreich / Italien 2009
Titel für den englischsprachigen Markt: The White Ribbon
Regie & Drehbuch: Michael Haneke;
Darsteller: Christian Friedel (der Schullehrer), Leonie Benesch (Eva), Ulrich Tukur (der Baron), Ursina Lardi (die Baronin), Burghart Klaußner (der Pfarrer), Steffi Kühnert (die Frau des Pfarrers), Maria-Victoria Dragus (Klara), Leonard Proxauf (Martin), Levin Henning (Adolf), Johanna Busse (Margarete), Thibault Sérié (Gustav), Susanne Lothar, Josef Bierbichler, Gabriela Maria Schmeide, Ernst Jacobi, Birgit Minichmayr, Klaus Manchen u.a. Produktion: Stefan Arndt, Veit Heiduschka, Michael Katz, Margaret Ménégoz, Andrea Occhipinti; Kamera: Christian Berger; Länge: 144 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 15. Oktober 2009

Auszeichnungen:

drei Europäische Filmpreise:
Michael Haneke als Bester Europäischer Regisseur
Michael Haneke als Bestes Europäisches Drehbuch
"Das weiße Band" als Bester Europäischer Film des Jahres

Filmfestival Cannes 2009:
Goldene Palme
FIPRESCI-Preis

67. Golden Globes 2010:
Bester nicht englischsprachiger Film

Deutscher Filmpreis 2010:
10 Lolas, darunter für den Besten Film und das Beste Drehbuch



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<15.12.2009>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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