Juni 1996

Das Piano

Ada, die seit ihrer Kindheit stumm ist, reist im 19. Jahrhundert mit ihrer unehelichen Tochter Flora in das für sie unbekannte Neuseeland zu einer arrangierten Heirat mit Stewart. "Das Piano", zu Adas Gepäck gehörend und einziges Ausdrucksmittel ihrer verlorenen Stimme, wird nicht zu ihrem neuen zu Hause transportiert, sondern bleibt aufgrund Stewarts Einwände am verlassenen Strand zurück. Bei ihrer Ankunft lernt Ada nicht nur die ansässigen Maoris kennen, sondern auch Baines, Stewarts Nachbarn, der ebenfalls Einwanderer ist und mit den Maoris zusammen lebt. Baines, der Analphabet ist, bekommt die Gelegenheit ihr Klavierspiel zu hören. Einerseits ist er von den Klängen des Pianos, andererseits von der eigenwilligen Ada fasziniert. Er kauft Stewart das Piano gegen ein Stück Land ab und soll auf Stewarts Wunsch hin von Ada Klavierunterricht erhalten. Ada, die ihr Piano um jeden Preis zurückerhalten möchte, geht mit Baines einen gefährlichen Handel ein, der ihrer beiden Leben verändern wird. Baines verfällt immer mehr der schönen Ada und auch Ada kann sich der in ihr aufkeimenden Leidenschaft für Baines nicht entziehen...

Die Neuseeländerin Jane Campion, die nicht nur das Drehbuch geschrieben hat, sondern in dieser Liebesgeschichte auch Regie führt, vermag in ihrem Film zwei zentrale Themen sensibel zu verflechten. Es ist eine Auseinandersetzung mit ihren zwei verschiedenen Kulturen: der der Maoris und der weißen Siedler in Neuseeland. Dies wird mit der Dreiecksbeziehung zwischen Ada, Baines und Stewart intelligent verwoben, die jenseits der im 19. Jh. herrschenden Moralvorstellungen steht. Der Regisseurin gelingt es, realistisch zu zeigen, wie der Umgang der Geschlechter in dieser Zeit miteinander war (Adas und Stewarts Beziehung) und wie die Ketten der gesellschaftlichen Konventionen (Ada und Baines Affäre) gesprengt werden. Hierdurch wird die Sexualität auf "schmerzhafte" Weise in den Protagonisten wachgerufen. Die Umsetzung des Drehbuchs gelingt weitgehend durch die Abgestimmtheit zwischen dem Drehort, der Musik und der ausgefeilten Charaktere. Insbesondere die Rolle der Ada, glaubwürdig von Holly Hunter gespielt, begeistert den Zuschauer, nicht nur durch ihre Stummheit und ihre Beziehung zum Piano, sondern auch durch die sie umgebende geheimnisvolle Aura - der Widerspruch von Sensibilität und einem starken Willen. Hervorragend besetzt ist die Rolle der Tochter Flora, die wie ein Spiegelbild Adas wirkt und gleichzeitig Adas Komplizin ist. Die kleine Anna Paquin schafft es die Beziehung zu ihrer Mutter innig darzustellen. Nicht umsonst hat sie als jüngste Schauspielerin den OSCAR© für die beste Nebenrolle erhalten. Harvey Keitel setzt sich als Charakterdarsteller durch. Dasselbe gilt für Sam Neill, der es verstanden hat den biederen und ehrgeizigen und doch so verletzbaren Ehemann zu spielen. Die Präsenz der Maoris gibt dem Film Realitätsanspruch, schade nur, daß der kulturtraditionelle und soziohistorische Tiefgang fehlt. Die Auswahl des Drehortes, der Busch, schafft es dagegen, Stimmungen der Erzählung intensiv zu untermalen und verleiht dem Film Authentizität. Ebenso die Klaviermusik, die nicht als einfache Handlungsbegleitung gedacht ist. Sie ist die Stimme aus Adas emotionellem Seelenleben.

Insgesamt ist "Das Piano" eine atmosphärisch dichte und poetische Liebesgeschichte mit hohem Anspruch und eindringlicher Erotik. Die Geschichte verliert bis zum Schluß nicht an Spannung durch die Zuspitzung der letzten Szenen ("Finger-cut", Adas Selbstmordversuch) und kommt letztendlich zu einem Happyend.  

Dilek Akinci / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Das Piano
(The Piano)

AUS/F/NZL 1992
Regie & Drehbuch: Jane Campion;
Produktion: Jan Chapman/Ciby 2000, Jan Chapman Productions, Miramax; Kamera: Stuart Dryburgh; Schnitt: Veronica Jenet; Musik: Michael Nyman, John Harle (Songs), Holly Hunter (Songs); Kostüme: Janet Patterson;
Darsteller: Holly Hunter (Ada McGrath), Harvey Keitel (George Baines), Sam Neill (Alisdair Stewart), Anna Paquin (Flora McGrath), Kerry Walker (Tante Morag), Genevieve Lemon (Nessie), Tungia Baker (Hira), Ian Mune (Reverend), Peter Dennett (Seaman), Pete Smith (Hone) u.a.

Länge: 120 Minuten; FSK: ab 12 Jahren.



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Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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