22.08.2015

Das Märchen der Märchen


Der kühne Titel von Matteo Garrones Fantasy-Potpourri stammt nicht vom Autor des opulenten Leinwand-Märchens, sondern dem der mittelalterlichen Vorlage. Giambattista Basile gab seinem "Pentamerone" zu Recht den Beinamen "Lo cunto de li cunti". Die im 17. Jahrhundert erschienene Sammlung mündlicher Erzählungen ist die erste ihrer Art und beeinflusste Charles Perrault und die Gebrüder Grimm. Basile gab seinen Geschichten mittels einer Rahmenhandlung eine übergreifende Struktur, die Garrones Verfilmung entschieden fehlt.

Das aus den 50 Erzählungen ausgewählte Trio ist nur aufs Flüchtigste miteinander verknüpft. Ab und zu sieht man Charaktere anderer Episoden als Zuschauer am Rande stehen. Mehr Interaktion zwischen den Protagonisten der verschiedenen Handlungsstränge gibt es nicht. Das wäre nicht weiter dramatisch, gäbe es eine thematische Verbindung. Doch die einzelnen Märchen tun sich schon schwer genug, für sich einen inhaltlichen Bogen zu spannen. Kameramann Peter Suschitzky schafft barocke Traumbilder, die von der schwelgerischen Musik Alexandre Desplats getragenen und von hervorragenden Darstellern bevölkert werden. Hinter all der satten Schönheit jedoch gähnt das Nichts. Ironischerweise treibt die Charaktere gerade das Gefühl einer diffusen Leere zu allerhand närrischen, bisweilen fatalen Einfällen. Salma Hayek will in der ersten Geschichte als Königin von Longtrellis ein Kind um jeden Preis. Der ist ein Leben, verkündet ein rätselhafter Fremder, nämlich das ihres Gemahls (John C. Reilly). Dieser verschafft ihr als Fruchtbarkeitsmittel das Herz eines Seeungeheuers, das die Königin in einer stilisierten Szene verschlingt. Umgehend bekommt nicht nur sie einen Sohn (Christian Lees). Auch die Magd, die die magische Speise zubereiten musste, bekommt einen Jungen (Jonah Lees), der dem Prinzen aufs Haar gleicht.

Im Gegensatz zu Hayeks Übermutter interessiert sich in der zweiten Geschichte der König von Highhills (Toby Jones) kaum für seine jugendliche Tochter (Jessie Cave). Seine Liebe gilt einem Floh, den er zu einem kafkaesken Ungetüm heran füttert. Da Flöhen offenbar kein langes Leben vergönnt ist, betrauert der König bald sein skurriles Haustier. Zum etwas eigentümlichen Gedenken veranlasst er um dessen Haut ein Ratespiel, dessen Gewinner die Prinzessin als Frau heim führen darf. Und auch Menschenfresser dürfen mitmachen... Der König von Strongcliff (Vincent Cassel) wiederum vernascht lieber die holde Weiblichkeit. Der unersättliche Lüstling verfällt der Stimme der Färberin Imma (Shirley Henderson), ohne sie gesehen zu haben. Er ahnt nicht, dass das Objekt seiner Begierde keineswegs jung und schön ist. Immas ebenfalls hässliche Schwester Dora (Hayley Carmichael) will sich den adeligen Verehrer nicht entgehen lassen, aber sie kann nun mal nicht aus ihrer Haut – oder doch? Eines steht fest, sofern sie nicht mit Hexenwerk zugeht, ist kosmetische Chirurgie im Mittelalter eine blutrünstige Angelegenheit. Letztes gilt auch für so manche der Ereignisse, an denen sich das Publikum ergötzen soll. Wirklich Spaß macht das Zuschauen allerdings trotz der visuellen Pracht der Märchenwelt nicht.

Zu offenkundig ist die Grausamkeit, mit der Garrone die Protagonisten betrachtet. Gewiss sind Märchen, ob für Kinder gedacht oder Erwachsene, aus heutiger Sicht oft brutal. Doch die verworrene Story versteht es weder, der Erbarmungslosigkeit der Welt menschliche Wärme entgegenzusetzen, noch hinterfragt sie den Egotismus der Figuren. Viel mehr überwiegt in der Inszenierung eine kaltes, gelangweiltes Desinteresse, die sich unweigerlich schließlich auf den Zuschauer überträgt. "Das Märchen der Märchen" ist sicher einen Blick wert – wenn man ihn auf die Buchseiten der literarischen Vorlage richtet.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Concorde Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Das Märchen der Märchen (Il racconto dei racconti / Tale of Tales) 
 
Italien / Frankreich / GB 2015
Regie: Matteo Garrone;
Darsteller: Salma Hayek (Königin von Longtrellis), Vincent Cassel (König von Strongcliff), Toby Jones (König von Highhills), John C. Reilly (König von Longtrellis), Shirley Henderson (Imma), Hayley Carmichael (Dora), Bebe Cave (Violet), Stacy Martin, Christian Lees, Jonah Lees, Guillaume Delaunay, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini u.a.;
Drehbuch: Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Matteo Garrone, Massimo Gaudioso nach dem Buch von Giambattista Basile: "Lo cunto de li cunti overo lo trattenemiento de peccerille"; Produzenten: Matteo Garrone, Anne Labadie, Jean Labadie, Jeremy Thomas; Kamera: Peter Suschitzky; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Marco Spoletini;

Länge: 134,07 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Concorde Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 27. August 2015



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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