27.08.2010
Wer oder was steckt hinter dem Irrsinn des Lebens?

Das Leben ist zu lang


In der neuen Komödie von Dani Levy ("Alles auf Zucker") leidet man mit dem jüdischen Filmregisseur Alfi Seliger und seinem konfusen Leben. Man stelle sich den Typ "Stadtneurotiker" von Woody Allen vor – allerdings noch erfolgloser.

Das Leben ist zu lang Alfi Seliger (Markus Hering) plagen nicht nur künstlerische Selbstzweifel, auch seinen Kindern Romy (Hannah Levy) und Alain (David Schlichter) ist er zu peinlich, seine Ehefrau Helena (Meret Becker) hält sich lieber an einem anderen fest, und seine Bank geht insolvent (Kurt Krömer als Bankangestellter weint schuldbewusst sein Kassengestell voll). Dabei ist Alfi Seligers aktuelles Filmprojekt eh schon ein heißes Eisen und verspricht Satirisches zum Thema "Karikaturenstreit" (Arbeitstitel: "Mo-ha-ha-mmed"). Auf Partys der Filmszene hängt er sich an vermeintliche Unterstützer. Die erinnern sich zwar an manchen früheren Film von ihm, aber sein Name wird doch ständig vertauscht. Die einzige Hilfe "droht" von der ehrgeizigen Frau eines Filmproduzenten (Hans Hollmann). Natasha wird dabei von Veronica Ferres mit starkem russischem Akzent gespielt. Sie treibt diesen bei einer vorgespielten Szene im Restaurant zur Spitze, die an die berühmte Vorlage aus "Harry und Sally" erinnert. Überhaupt wird viel zitiert und auch geklaut – so offen, dass man Dani Levy Absicht unterstellen kann. "Der Stadtneurotiker" ("Annie Hall", USA 1977) von und mit Woody Allen ist ein besonders gern von Levy zitierter Film, selbst der Name Alfi Seliger erinnert an Allens dortigen Rollennamen Alvy Singer. Wie im großen Vorbild "Der Stadtneurotiker" wird zunehmend an der Inszenierung des Lebens gezweifelt, und Alfi wittert sich im wahrsten Sinne des Gedankens im falschen Film, aus dem er gerne ausbrechen möchte. Als ihn auch noch seine Frau mitsamt den Kindern verlassen will, lässt selbst sein Psychiater (Udo Kier) ihn fallen und hat nur noch einen Rat: Selbstmord.

Das Leben ist zu lang: Filmplakat Natürlich misslingt ihm auch dieser gründlich, aber sein Wiedererwachen aus dem Koma wird auch der Beginn des totalen Aufbrechens aus den vorgegebenen Handlungsstrukturen des Films. Das eröffnet natürlich eine Menge absurder Situationskomik und befreit ihn nun von jeglichen Konventionen – u.a. küsst er leidenschaftlich seine Mutter, nur um endlich einen Filmschnitt zu erreichen. Er fordert damit sogar seinen Regisseur heraus, und damit sein Alter Ego: Dani Levy – aber der sitzt natürlich immer am längeren Hebel, da kann Alfi noch so versuchen, sich die Marionettenschnüre abzuschneiden. Auch die schon inflationäre Ansammlung von Gaststars (zum Beispiel Elke Sommer und Gottfried John; alle zu nennen sprengt hier den Rahmen) macht da sogar Sinn, weil der Zuschauer gar nicht mehr die Grenzen zwischen realem Leben und Film trennen soll. So fragt in einer Szene die Hauptfigur ihren Arzt (Heino Ferch), warum er erst gesagt hätte, er würde oft mit Heino Ferch verwechselt – wenn er doch Heino Ferch ist.

Durch solche Elemente wirkt der Film zunehmend sperrig und verwirrend, deshalb wird ihm, trotz der zahlreichen Filmstars, kein allzu großer Erfolg bei Publikum und Kritik beschieden sein. Der Zuschauer verliert zunehmend den emotionalen Zugang zu Alfi Seliger, der, obgleich trefflich von Markus Hering verkörpert, dem Zuschauer die (Film)Illusion des tatsächlich Miterlebten raubt. Alles eben nur Kintopp.

Immerhin sehen wir wieder eine komische, deutsche Komödie, und dass der Film stellenweise auch an "A Serious Man" der Coen-Brüder denken lässt, ist kein Wunder, es gibt ja auch hier jüdischen Humor. Der Hader mit dem Unbill des Lebens und dem Umgang damit in sarkastischem Humor entlädt sich hier aber weniger gegen Gott an sich, sondern seinem Schöpfer des Films, also dem Regisseur. Aber so geht es sicher vielen öfters, wenn man das Leben hinterfragt, und denkt, wer sich eigentlich diesen Irrsinn ausgedacht hat?  

Jürgen Grötzinger / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: X-Verleih / Nik Konietzny (Foto 1)

 
Filmdaten 
 
Das Leben ist zu lang   
 
Deutschland 2010
Regie & Drehbuch: Dani Levy;
Darsteller: Markus Hering (Alfi Seliger), Meret Becker (Helena Seliger), Veronica Ferres (Natasha), Hannah Levy (Romy Seliger), David Schlichter (Alain Seliger), Yvonne Catterfeld (Caro Will), Gottfried John (Georg Maria Stahl), Hans Hollmann (Holger Miesbach-Boronowski), Justus von Dohnányi (Johannes), Heino Ferch (Prof. Mohr), Elke Sommer (Alfis Mutter), Udo Kier (Tabatabai), Kurt Krömer (Anlageberater), Steffen Groth (Bernard / Leonard von Kitzbühl), Emilio De Marchi, Michael Herbig, Matthias Koeberlin u.a.; Produzentin: Manuela Stehr; Ausführender Produzent: Ulli Neumann; Kamera: Carl-Friedrich Koschnick; Musik: Niki Reiser; Länge: 86 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 26. August 2010



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<27.08.2010>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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