25.09.2011
Es ist alles Eins

Das Ende ist mein Anfang


Ohne die Sonne gibt es keinen Mond. Ohne das Licht kein Dunkel. Ohne das Böse nicht das Gute. Deswegen gehört auch der Krebs zu Tiziano Terzani. Und deshalb muss er ihn auch nicht bekämpfen. Kurz vor seinem Tod ruft er seinen Sohn Folco zu sich, um ihm mitzugeben, was er aus dem Leben gelernt hat. Und um ihm zu sagen, dass man sich ein Leben suchen soll, das zu einem passt. So wie Tiziano es getan hatte.

Tiziano Terzani hat viel Erfahrungen gemacht und vermisst nichts Unerlebtes: Der italienische Journalist und Kriegskorrespondent (1938 – 2004) hat gelernt, dem Tod an verschiedenen Schauplätzen der Welt in die Augen zu schauen, um daran abzustumpfen und nur noch Leichen zu zählen. Ein Mal durfte er es erleben, dass die Gerechtigkeit siegte: als die besiegten Amerikaner aus Vietnam abzogen. Als glühender Anhänger des neu entstehenden Kommunismus, der eine Gesellschaft ohne Profitgier und Materialismus aufbauen wollte, studierte er Sinologie und zog später nach China – bis er eines Tages aus diesem Tagtraum aufwachte, und sah, dass das Experiment gescheitert war. Gesegnet mit einer "wunderbaren Frau", wie er sie durchgehend bezeichnet, und zwei Kindern, lebte die Familie in Tokyo, Singapur, Hongkong, Bangkok und Neu Delhi. Bis er eines Tages – wie er sagte – das Geschenk der Krebsdiagnose erhielt. Denn der Krebs ermöglichte es ihm, sich von der Welt zurückzuziehen. Das war sein neuer Anfang.

Als Folco Terzani ins Elternhaus ins toskanische Orsigna kommt, trifft er den von der Krankheit zwar körperlich gezeichneten, aber innerlich vor Leben und Begeisterung sprühenden Vater an. Den Schuppen hat sich der äußerlich wie ein Buddhist wirkende 66-Jährige – langer weißer Bart, simple weiße Baumwollkleidung – wie eine entsagende tibetische Behausung eingerichtet. Dem Körper keine große Beachtung mehr schenkend, aber umso mehr dem Geist, hat Tiziano begriffen, dass alles zusammengehört, dass die Welt eine Einheit ist. Jede Blume und jedes Gras, jeder Marienkäfer, der die Flügel ausbreitet und über eine steile Bergschlucht fliegt. Mensch, Tier, Natur - es ist alles Eins. Die Natur steht allen Veränderungen und dem Seelenschmerz völlig gleichgültig gegenüber – "warum sollten wir nicht von ihr lernen?" sagt Tiziano.

Der Sohn will wissen, was der Weisheit letzter Schluss ist. Kann man sich auf den Tod vorbereiten? Gibt es die Erleuchtung? Gibt es einen universellen Plan, der sinnstiftend sein kann? Hat das alles überhaupt einen Sinn? Der Vater antwortet mit Weisheit und Überlegtheit. Ja, es gibt Augenblicke der Erleuchtung, die dazu führen, dass sich die Dinge und Zusammenhänge verändern. Diese Momente zeigen einem, dass selbst der eigene Name unwichtig ist (man wird zum "Anam" – ein indisches Wort für "der Namenlose") und die eigene Identität verschmilzt mit dem Ganzen. Nur Gewaltlosigkeit kann die Welt retten, nur Liebe kann Gewalt überwinden. Und es gibt ein kosmisches Wesen, das alles zusammenhält.

In der atemberaubenden Idylle der toskanischen Bergnatur sitzen sich Vater und Sohn gegenüber und sprechen. So geht das den ganzen Film lang. Ab und an möchte man als Zuschauer in einem Rückblick den Friedensruf der vietnamesischen Truppen bei der Einnahme Saigons hören oder den früheren Kriegskorrespondenten und Mao-Tse-Tung-Anhänger in Aktion. Oder selbst den Himalaja-Eremiten – Tiziano verbrachte drei Jahre in einer Hütte im asiatischen Hochgebirge. Das Bonus-Material auf der DVD macht dies glücklicherweise wieder wett. Bilder, Filmaufnahmen und Interviews mit Terzani selbst runden inhaltlich den Film ab. Was aber auch bedeutet, dass sie dem eigentlichen Film abgehen.

Bruno Ganz geht in seiner Rolle auf – so wie wir das von ihm gewohnt sind. Nicht nur äußerlich passt er sich Tiziano an, er kann von innen auch dessen Leidenschaft, seine gewisse Rastlosigkeit und die Suche, aber auch das Finden von universeller Wahrheit darstellen. Eigenwillig und fordernd als Ehemann und Vater, aber auch gebend und bewundernd. Da Folco von einem italienischen Schauspieler dargestellt wurde, stört die deutsche Synchronisation etwas, und man muss sie als Zuschauer ignorieren. Die Fülle an wertvollen Einsichten ist dabei hilfreich. Nebencharaktere spielen eine kleine aber unterstützende Rolle, als der Familienpatriarch seine Frau, Kinder und Enkel zum Lebensausklang um sich schart. Es soll keine Tränen geben, sagt Tiziano, aber der geneigte Zuschauer muss sich ja nicht daran halten.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Das Ende ist mein Anfang  
 
Deutschland / Italien 2010
Regie: Jo Baier;
Darsteller: Bruno Ganz (Tiziano Terzani), Elio Germano (Folco Terzani), Erika Pluhar (Angela Terzani), Andrea Osvárt (Saskia Terzani), Nicolò Fitz-William Lay (Novi);
Drehbuch: Folco Terzani, Ulrich Limmer; Produzent: Ulrich Limmer; Assoziierter Produzent: Giorgio Magliulo; Kamera: Judith Kaufmann; Musik: Ludovico Einaudi;

Länge: 98 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Universum Film GmbH; deutscher Kinostart: 7. Oktober 2010



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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