17.06.2014

Da geht noch was


Eine Tragikomödie, auf der Bühne oder auf der Leinwand, ist – wie man am Wort schon erkennen kann – eine Mischung aus Tragödie und Komödie. Sie hat eine ernste, traurige Handlung, enthält aber witzige Szenen; beides geht zumeist untrennbar ineinander über, so dass man über Dinge lacht, bei denen den handelnden Personen wahrlich nicht zum Lachen zumute ist. Ein Happy End muss nicht unbedingt vorhanden sein. So auch in diesem bemerkenswerten Film aus dem Jahre 2013.

Der junge erfolgreiche Unternehmer Conrad Schuster (Florian David Fitz) besucht seine Eltern äußerst selten. Das liegt daran, dass Vater Carl, ein ehemaliger Gewerkschaftsboss (Henry Hübchen), ein mürrischer Dickschädel ist, der ständig an Conrad und seiner Frau Tamara (Thekla Reuten) herumkritisiert. Deren Sohn Jonas, voll in der Pubertät (Marius Haas), hat auch keinen Spaß an den Besuchen, für ihn ist die Sache aber lukrativ: Setzt er ein fröhlich grinsendes Gesicht auf, bekommt er ein zusätzliches Taschengeld. Conrad will gerade in den Urlaub fliegen, da verkündet Mutter Helene (Leslie Malton) völlig überraschend, dass sie sich nach vierzig Ehejahren von Carl trennen will, sie hat schon einen neuen Liebhaber (Felix von Manteuffel). Conrad soll einen Botengang ins Elternhaus erledigen und einen Umschlag mit alten Filmaufnahmen aus glücklichen Zeiten hinterlegen. Dort lebt Carl, zerfressen von Selbstmitleid, wie ein Penner zwischen Essensresten und leeren Bierdosen. Seinen Zynismus hat er allerdings noch nicht abgelegt. Als er sich bei einem Sturz heftig verletzt, so dass er allein nicht zurechtkommen kann, ziehen Conrad und Jonas vorübergehend bei ihm ein. Drei Generationen unter einem Dach – wie soll das gutgehen?

Schon Kurt Tucholsky hat darauf hingewiesen, dass das Wort "Familienbande" doppeldeutig ist, das Bonmot passt auch hier. Die Bindungen sind naturgemäß da, aber der Umgang miteinander ist – nun, vielleicht nicht kriminell, aber geprägt von Bosheit, Neid, Krach. "Man kann sich seine Familie eben nicht aussuchen!" meint Carl. Conrad hat jahrelang kein Interesse mehr an seinem Vater gezeigt, immer hat er früher gemeint, dem Alten etwas beweisen zu müssen, das ist vorbei. Auch politisch verstanden sich die beiden nicht: Vater Gewerkschaftler, Sohn Jungunternehmer in der Möbelbranche! Der Titel des Films zeigt aber vorsichtigen Optimismus: Es geht wirklich noch was! Irgendwie raufen sich Großvater, Sohn und Enkel zusammen, entdecken Gemeinsamkeiten, veranstalten Schwimmwettbewerbe im Pool, haben Spaß. Carl bekommt von Jonas die neumodische Technik erklärt, dafür erklärt er dem Enkel, wie man bei Mädchen Erfolg hat. "Du musst etwas teilen mit ihr, was sie ganz toll findet!", sagt er ihm während einer faszinierenden Show im Planetarium. So entwickelt sich eine kleine Liebesgeschichte zwischen Jonas und dem Nachbarmädchen Kim (Jamie Bick). Jonas merkt, dass er manches, was er an seinem Vater kritisierte, selbst wieder bei der Erziehung seines Sohnes falsch gemacht hat. Man entwickelt Verständnis füreinander. So plädiert der Film letztlich für die klassische Familie, wobei allerdings die drei Partnerinnen in ihrer Funktion für diese Lebensform weniger beleuchtet werden. Einmal jedoch kommt es im Restaurant zwischen Conrad und Thekla zu einer existentiellen Aussprache: "Führen wir das Leben, das wir führen wollen?" Beim Blick von der Baustelle seines Traumhauses auf den Main wird dem flotten Yuppie Conrad klar, dass das Glück nicht von der Grundstücksgröße abhängt.

"Da geht noch was" ist kein Schenkelklopf-Film. Der Humor kommt mal fein, mal grob daher. Beste Comedy läuft ab, wenn sich verschiedene Bewerberinnen für den Posten der Haushälterin vorstellen. Oder wenn Carl von Conrad im Rollstuhl durch den Supermarkt gefahren wird (die Kamera vorweg): Die Tüten, die Carl aus dem Regal nimmt und hinter sich in den Einkaufskorb wirft, stellt Jonas wieder zurück. Witzig ist Jonas' Idee, per Internet ein Rendezvous zwischen den getrennten Partnern zu arrangieren. Traurig dagegen der wahre Grund für die Trennung: Helene ist unheilbar krank. Insofern ist das Ende nicht ganz "happy", trotz des fröhlichen Zusammentreffens aller sechs Protagonisten (= drei Paare) am Flussufer. Rührend wirkt die Szene, als Helene vom Balkon auf die gegenüberliegende Häuserwand schaut: Dorthin projiziert Conrad den alten Schmalfilm mit Familienszenen, um die Mutter zu Rückkehr zu bewegen. (Man fühlt sich an "Cinema Paradiso" erinnert.)

Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg grandios. Besonders die Hauptdarsteller Fitz (der Publikumsliebling hat auch am Drehbuch mitgearbeitet) und Hübchen drehen voll auf und liefern sich herrliche Wortgefechte, pointiert durch Nah- und Großaufnahmen, die das differenzierte Mienenspiel der beiden zeigen. Ein realistischer, routinierter Film mit großem Unterhaltungswert, dem das Prädikat "wertvoll" zu Recht verliehen wurde.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Da geht noch was  
 
Deutschland 2013
Regie: Holger Haase;
Darsteller: Florian David Fitz (Conrad), Henry Hübchen (Carl), Leslie Malton (Helene), Marius Haas (Jonas), Thekla Reuten (Tamara), Jamie Bick (Kim), Felix von Manteuffel (Arno) u.a.;
Drehbuch: Jens Frederick Otto in einer Bearbeitung von Florian David Fitz; Produktion: Viola Jäger, Harald Kügler (OLGA-FILM); Kamera: Gerhard Schirlo; Musik: Andy Groll; Schnitt: Ueli Christen;

Länge: 101 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 12. September 2013



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<17.06.2014>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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