November 2001

Ein Land als Bauernopfer der Weltpolitik

Cool Jazz and Coconuts

"Cool Jazz and Coconuts" oder "Hvítir Mávar", weiße Möwen, wie er im Original heißt, ist nicht nur der Debütfilm des Regisseurs Jakob F. Magnússon, sondern auch der zweite Kinofilm der isländischen Multi-Media-Gruppe Studmenn.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine Menage á trois: Ein Ehepaar, das in einem kleinen Dorf an der Ostküste Islands lebt, bekommt Besuch von einer alten Freundin und Schauspielerin, die einige Zeit in Paris verbracht hatte. Die Künstlerin möchte mit der örtlichen Laienschauspielgruppe ein von ihr geschriebenes Stück auf die Bühne bringen, das auf dem Roman "Svartfugl" von Gunnar Gunnarsson basiert. Mondän und weltgewandt stolpert sie nun, bei ihrem befreundeten Ehepaar wohnend, mitten in die Strukturen des Dorfes. Dieses Aufmerksamkeit erregende Persönchen bringt die verkrusteten und eingefahrenen Strukturen des Dorfes erheblich durcheinander, romantische Hoffnungen flackern auf. Doch Veränderungen sind nicht nur von ihr ausgehend: Zur gleichen Zeit experimentiert das amerikanische Militär an der Ostküste mit neuen Energieressourcen, und es wird versuchen, mehr oder weniger geschickt, die Dorfbevölkerung zur Unterstützung zu gewinnen, indem auf eine rosige Zukunft, blühende Landschaften und Verbesserungen undefinierter Art für alle hingewiesen wird. Doch so sehr die Amerikaner versprechen, durch ihre Hilfe würde sich der Nebel an der Ostküste aufklaren, desto mehr zeichnet sich ab, dass ihre eigentlichen Absichten verschleiert sind. Das Dorf muss sich den drohenden Veränderungen stellen, den Weltansichten der eigenen Gesellschaft, genauso wie dem weltpolitischen Pokerspiel.

"Cool Jazz and Coconuts" ist ein metaphernreicher Film über den Ausverkauf des Landes, eine groteske Satire auf die real in Island existierende Bedrohung, als kleines, aber strategisch wichtiges gelegenes Land zum Bauernopfer weltpolitischer Spiele zu werden. Die Verlockungen der modernen Welt brechen über eine kleine Gemeinschaft herein und die Sehnsucht nach Vertrauen wird in ihren Grundfesten erschüttert, sei es durch das Doppelspiel der Militärs oder dem Spiel der großen Kunst. Zugleich ist "Cool Jazz and Coconuts" aber auch ein Panoptikum für Randgestalten, Eigentümlichkeiten und Verrücktheiten im Spiegel einer Insel nicht nur am Ende der Welt, sondern auch am Abgrund zu Neuem. Jakob Magnússon und der Autor Valgeir Gudjónsson sind ausgewiesene Spezialisten für unterschwellige Referenzen, Anspielungen und Doppelbödigkeiten, die dem Film so mehrere Ebenen geben. Die Ursache-Wirkungs-Beziehungen liegen dem Zuschauer offen dar, doch genau hier erst beginnt das Spiel von Katz und Maus um das eigene Heil für alle Beteiligten. Das mokante und zugleich abgründige Spiel der Schauspieler trägt wesentlich dazu bei, dass dieser Film einzigartig ist und eine absolute Ausnahmestellung im Nordischen Kino hat.

Cinematographisch geprägt von einem äußerst eigenwilligen Look und visuellen Referenzen zur Pop Art, ist er seiner Zeit weit voraus und ein wichtiger Meilenstein für den isländischen Film. Gerade dadurch, dass er Ecken und Kanten präsentiert und nicht alles bis ins letzte Detail erklärt (schließlich ist das Dorf berühmt für seinen Nebel!), wird nichts abgedichtet oder auf Stereotypen reduziert. Vielmehr wird mit den Stereotypen gespielt und sie werden durchbrochen. "Cool Jazz and Coconuts" verstört und überrascht. Bei ihm wird Island zur Comic-Welt voll bizarrer Physiognomien, irgendwo zwischen Erinnerung an die 50er Jahre und Traum von der Zukunft. Wenn sich die Normalperspektive zur Irrealperspektive verschiebt, dann gerät die Erzählung zur Schizophrenie des Erzählens und zur Schizophrenie der Situation. Der Film spaltet sich auf in zwei Ebenen, in ein stets umschlagendes Vexierbild, in welchem sich das Irreale als Reales bildlich konkretisiert, und das reale Bild stets auch Irrealität umschließt. Ästhetisches Zentrum sind die Referenzen zur Pop Art, zu den sauberen Filmen der 50er und 60er Jahre, in dem eine Doris Day das perfekte asexuelle Wesen verkörperte, werbewaschmittelweiß. Durchbrochen wird dieser Look durch das Panoptikum der Figuren, ihrer Doppelbödigkeit und ihren Schattenseiten. Letztendlich wie ein Befreiungsschlag ist da die Andersartigkeit und Eigenheit der Schauspielerin, die wegen ihrer Promiskuität und ihrem Method Acting die Gesellschaft verstört, dennoch aber dem Dorf die Augen öffnet - für die eigene Naivität. Das Bild mit einer Transparenz versehen, in der das Reale stets vom Verschwinden bedroht ist, in eine Ebene des Unsichtbaren, des Nicht-Öffentlich-Gemacht-Werden, abtauchen kann, in eine Sphäre, die man in ihrer Bedrohung nicht wahrnehmen will, sondern der Versuchung erliegt. Dann zeigt sich, wie das Reale selbst in sich immer schon die Möglichkeiten von Transparenz und Verschwinden enthält, wie in der Natur.

"Cool Jazz and Coconuts" ist sicherlich Studmenns eigensinnigstes Werk, eine eigene Pop-Satire und zugleich Drama, geprägt durch die cinematographische Meisterleistung des zu Recht preisgekrönten Karl Óskarsson und einem eigentümlichen Blickwinkel in eine bedrohte Gesellschaft. Als gelungener Balanceakt zwischen Panoptikum und Drama, experimenteller Filmkunst und politischem Statement, begleitet von einem wirklich außergewöhnlich guten Soundtrack, ist "Cool Jazz and Coconuts" wohl einer der interessantesten Filme der international viel beachteten isländischen Filmszene.  

Claudia J. Koestler / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Cool Jazz and Coconuts
(Hvítir Mávar)

Island 1985
Regie: Jakob Magnússon; Drehbuch: Valgeir Gudjónsson; Produktionsfirma: Skínandi hf.; Produzent: Ásgeir Bjarnason;
Darsteller: Egill Ólafsson, Ragnhildur Gísladóttir, Rúrik Haraldsson, Tinna Gunnlaugsdóttir, Tyrone Troupe u.a.;
Länge: 112 Minuten



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