08.04.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino

Cooked - Fire


"In der Evolution stehen wir auf halber Höhe zwischen den Göttern und den Tieren", sagt Michael Pollan zu Beginn seines dokumentarischen Vierteilers. Darin will der Autor und Ernährungsaktivist dem Publikum klar machen, wie wichtig Kochen für die Menschheit war und wieder sein sollte – und, dass er selber schon lange ganz toll kocht.

Kochen hat uns Menschen laut der ersten Folge "Cooked – Fire" so schlau gemacht. Aber kaum jemand tut es noch – außer Pollan. Er steht also quasi schon auf halber Höhe zwischen den Göttern und uns Halbgöttern, denen er predigt. Als Dreiviertelgott braucht er die Gebote einer gesunden Lebensführung, die er in mittlerweile vier Büchern verkündet, natürlich nicht selber einhalten. Es reicht, sie erfolgreich (auch im monetären Sinne) zu verbreiten. Nach zahlreichen Kurzauftritten in Dokumentationen startet er nun filmisch doppelt durch: mit dem abendfüllenden "In Defense of Food", der ebenfalls auf der Berlinale im Kulinarischen Kino läuft, und der Netflix-Serie "Cooked". Beide liefern den aus Pollans Texten bekannten Mix aus Gemeinplätzen, altbekannte Fakten, Halbwahrheiten und einigen ziemlich fragwürdige Vorstellungen. Eine davon ist das pompöse Konzept vom Menschen als allüberlegen. Dazu geworden seien wir dank der einzigartigen Fähigkeit, Speisen besser verwertbar, haltbarer oder überhaupt essbar zu machen. Diese keineswegs unumstrittene Theorie stammt allerdings, anders als "Cooked" annehmen lässt, nicht von Pollan. Der britische Primatologe Richard Wrangha publizierte sie 2009 in "Catching Fire: How Cooking Made Us Human".

Pollans Bestseller "Cooked" wärmte die Idee 2013 in Form einer eher trivialen Beschreibung von Pollans Küchenerlebnissen wieder auf. Ob Wrangha sich die Grundlage der modernen Zivilisation wohl so dachte, wie sie in "Cooked – Fire" aussieht? Nach einem Besuch bei australischen Ureinwohnern, die am Lagerfeuer Leguane rösten, landet Regisseur Alex Gibney bei seinem Protagonisten zu Hause. Dort hat Pollan aus rollenweise Alufolie einen improvisatorischen Grillofen konstruiert. Fachmännisches Grillen lernte er von einem sogenannten Pitmaster, einem Barbecue-Profi. Was das alles mit der Kulturgeschichte des Kochens zu tun hat, ist nicht klar. Wie es aussieht, ist die Krönung von Jahrmillionen Evolution das All-American Barbecue. Das titelgebende Element dient dabei ausschließlich der Zubereitung von Fleisch. Weder wird der evolutionstechnische Vorteil von gegartem Fleisch erklärt, noch werden Gesundheitsrisiken von Grillfleisch angesprochen. Man sieht den Pitmaster, der Pollan unterrichtet hat, ein ganzes Schwein auf den Rost werfen. Pollan tut es ihm nach. Der Alu-Ofen wurde nicht umsonst erbaut! Der Braten lässt sogar eine angebliche Vegetarierin unter seinen Gästen zubeißen. Moment mal, ist Pollans Mantra nicht überall, zuletzt in "In Defense of Food": "Eat food, not too much, mostly plants"?

Offenbar hat er das ganze verkürzt auf "Eat food!". Zu seiner Verteidigung nennt er den angeblich einzigen Vorteil von gegartem Fleisch gegenüber rohem: "Es schmeckt besser!" Dass der Rest der Tierwelt den Menschen nicht überrundet hat, liegt daran, dass sie keine Feinschmecker sind! Eine Welt voller Vegetarier stellt sich Pitmaster Pollan nach eigener Aussage "weniger schön" vor. Immer noch besser als eine Welt voller Michael Pollans.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Cooked - Fire (Cooked - Fire) 
 
USA 2016
Regie: Alex Gibney;
Drehbuch: Michael Pollan; Produzenten: Kristen Vaurio, Isaac Bolden, Lisa Nishimura, Adam Del Deo, Caroline Suh; Kamera: Maryse Alberti; Musik: Will Bates; Schnitt: Michael J. Palmer;

Länge: 58 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<08.04.2016>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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