07.04.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino

Cooked - Air


Michael Pollans 2013 erschienene Buchvorlage "Cooked" sollte die Leute an den heimischen Herd zurückzuholen. Doch obwohl die ausschweifenden Anekdoten aus seiner Küche im kalifornischen Berkeley zum Bestseller wurden, blieb der "Weckruf, verlorene Traditionen zurückzuerobern, um unser Leben wieder in Balance zu bringen", unbeachtet. Deshalb tut der Autor, was er am besten kann: er wiederholt sich, dieses Mal mit Unterstützung von Netflix-Regisseur Ryan Miller.

Die Menschen haben das selbstständige Kochen aufgegeben und Pollan weiß einfach nicht warum. Er meint, es war doch alles wunderbar, als jeder im eigenen Haushalt Bier braute, Brot buk und Schinken räucherte, während im Keller Kimchi und Käse reiften. Die Leute waren gesünder und ihre Familienbeziehungen intakt, denn kochen verbindet. Heutzutage hingegen plagen nicht nur die USA Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes und Familien bestellen höchstens noch gemeinsam Fertigpizza. Die vierteilige Doku-Adaption von "Cooked" soll vor Augen führen, welches kulturhistorische Erbe verlorenzugehen droht und die Zuschauer zu einem gesünderen Lebensstil führen. Pollans Kochgeschichten sind auf Papier und Leinwand in vier Kapitel unterteilt, benannt nach den Elementen. Der dritte Teil "Air" verspricht eine Zeitreise zu den diversen Zubereitungsmöglichkeiten mittels Luft. Tatsächlich handelt die knapp einstündige Doku nur vom Backen und zwar von Brot. "Bread" wäre ein besserer Titel für die Exkursion die flüchtig das alte Ägypten und eine marokkanische Mühle abhandelt. Danach wird zugeguckt, wie der Protagonist daheim in tagelanger Arbeit Sauerteigbrot bäckt und gönnerhaft erklärt, dass jeder das lernen könne. Dann, meint er, wären die Gluten-Probleme passé.

Die Verteuflung von Gluten ist in den USA tatsächlich ein bizarrer Trend und "glutenfrei" gelabelte Ware zum lukrativen Geschäft für die Lebensmittelindustrie geworden. Doch Pollans Appell für eine grundlegende Selbstversorgung ist ebenso elitär wie realitätsfern. Wer einen oder mehrere Jobs hat, eine Familie versorgen muss und in normalen beengten Räumlichkeiten lebt, hat kaum die Muße und Ressourcen, die der Bestseller Autor in seinem geräumigen Eigenheim hat. Statt fundiertes Wissen zu vermitteln, konstruiert die Doku ein nostalgisches Ideal historischer Ernährungsgewohnheiten, das weit von der Realität entfernt ist. Bis in die Neuzeit war Kochen zeit- und kraftaufwendig. Reiche Leute hatten dafür Bedienstete oder Sklaven. Einfache Leute hatten oft nicht mal eine Küche. Die breite Bevölkerung war angewiesen auf Lebensmittelproduzenten, die damals nicht ethischer handelten als heute. Der Swill Milk Skandal forderte in New York 1857 rund 15.000 Todesopfer, davon über die Hälfte Kinder. Upton Sinclair schilderte 1906 in seinem Enthüllungsbuch "The Jungle" die katastrophalen hygienischen Zustände und grausamen Bedingungen für Arbeiter und Tiere in der Fleischproduktion. Und in Großbritannien enthüllte 1858 der Bradford Sweet Skandal, was neben üblichen Streckmitteln wie Putzkalk noch in Süßigkeiten landete: Arsen.

Von Grund auf selber Kochen ist eine tolle Sache – wenn man zu den Privilegierten gehört, die sich um nichts anderes sorgen müssen. Michael Pollan tut das offenkundig und neigt sich gern von oben herab, damit man sich an ihm ein Beispiel nehme. So ist "Cooked – Air" wie die Papp-Weißbrote, die in einer Szene zermatscht werden: viel Luft und wenig Substanz.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Cooked - Air (Cooked - Air) 
 
USA 2016
Regie: Ryan Miller;
Drehbuch: Michael Pollan; Produzenten: Kristen Vaurio, York, Lisa Nishimura, Stacey Offman, Adam Del Deo, Caroline Suh; Kamera: Robert Barocci; Musik: Will Bates; Schnitt: Frederick Shanahan;

Länge: 59 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<07.04.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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