19.01.2018

Contagion

Schon in der ersten Einstellung von "Contagion" sieht Gwyneth Paltrows Filmfigur, die in Chicago auf ihren Anschlussflug nach Minneapolis wartet, ziemlich mitgenommen aus. Zu Hause verschlimmert sich ihr Gesundheitszustand rapide – als sie schließlich einen epileptischen Anfall erleidet und ins Krankenhaus muss, können die Ärzte ihr Leben nicht mehr retten. Ausgelöst wurde die tödliche Krankheit von einem bislang unbekannten Virus, der sich schnell global ausbreitet. Von dieser Ausgangslage aus entspinnt Regisseur Steven Soderbergh ein halbes Dutzend Episoden, die das private wie öffentliche Katastrophenmanagement im Zuge der folgenden Pandemie aus mehreren Perspektiven schildern: Die Arbeit der WHO und anderer Krisenmanager, die nach einem Gegenmittel und dem Ursprung des Virus suchen, und die Manöver von Politik und Militär spielen dabei eine wesentliche Rolle. Aber auch Privatpersonen wie ein von Matt Damon gespielter Vater, der seine Tochter verzweifelt vor einer Ansteckung schützen will, oder ein Blogger (Jude Law), der via Youtube als einer der ersten auf das Virus stößt und in der Folge zu einer Art Prophet aufsteigt, webt Soderbergh in sein Panorama.

In gewisser Weise legt Steven Soderbergh alle seine Figuren und Handlungsstränge auf den Obduktionstisch, ganz so wie Gwyneth Paltrow, der nach dem frühen Tod ihrer Figur die Schädeldecke geöffnet und anschließend die Kopfhaut übers Gesicht gestülpt wird. So hat "Contagion" kein sonderlich großes Interesse an einer emotionalen Dramatisierung der Ereignisse, sondern zeigt insgesamt recht sachlich den Verlauf der Pandemie. Die vom Regisseur selbst geführte Kamera wirkt diesem Ansatz entsprechend bisweilen dokumentarisch, gleichzeitig aber verleugnen die durchgängig stilvollen und fein stilisierten Bilder zu keiner Zeit ihren fiktiven Charakter. Ganz im Gegenteil stellt der Film seine Gemachtheit immer wieder offensiv aus – mit Farbfiltern zum Beispiel oder in einer Szene, die das Treiben in einem Hongkonger Casino zeigt und dabei dicht bei den Figuren bleibt, das Gewusel aber in entscheidenden Momenten zum Standbild einfriert, um auf die neutrale Perspektive einer Überwachungskamera zu schneiden.

Es ist diese spannende Mischung, die einen Großteil der Faszination von "Contagion" ausmacht: Soderberghs Thriller ist hochgradig artifiziell und gleichzeitig erschreckend realistisch. Der Realismus gelingt "Contagion" durch die Unaufgeregtheit der Inszenierung, die den Horror eher im Kleinen als in großen Katastrophen-Szenen sucht. Die Haltestangen in Bus und Bahn, ein Händedruck, Türklinken oder hustende Passanten – diese und andere Alltäglichkeiten wirken nach der Sichtung von "Contagion" regelrecht unheimlich, denn in ihnen verortet Soderbergh die Angst vor einer tödlichen Infektion. Wie sehr Soderberghs Szenario in der Realität verankert ist, zeigt nicht zuletzt die regelmäßig hohe Medienaufmerksamkeit für Epidemien und Pandemien wie die Schweinegrippe (von der "Contagion" inspiriert ist) oder den EHEC-Erreger, der den Gemüseabsatz auf dem europäischen Markt zum Einsturz brachte. Wenn die Film-WHO aus "Contagion" der hilflosen Bevölkerung rät, sich regelmäßig die Hände zu waschen und Nahrungsmittel vor dem Verzehr ordentlich abzukochen, weckt das deutliche Erinnerungen an ähnliche Expertenratschläge im Zuge der EHEC-Besorgnis. Wohl auch deswegen lachte das Publikum der Kinovorführung, wenn ein Husten oder Niesen im Zuschauerraum zu hören war.

Trotz seiner Verwandtschaft zum Independent-Film und dem weitgehenden Verzicht auf spektakuläre Höhepunkte, dürfte "Contagion" auch bei einem größeren Publikum Anklang finden, weil Steven Soderbergh seinen bündig erzählten Thriller stets unter einer gewissen Grundspannung hält – und natürlich wegen der hochkarätigen Besetzung: Kate Winslet, Matt Damon, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Marion Cotillard und Laurence Fishburne geben sich die Klinke in die Hand, und bis in kleine Nebenrollen tauchen regelmäßig bekannte Gesichter wie Armin Rohde, John Hawkes ("Winter's Bone") oder Bryan Cranston ("Breaking Bad") auf.

Wie sein passend gewählter elektronischer Soundtrack ist Soderberghs Thriller nah dran am Zeitgeist und der Gegenwart. Zum Beispiel ist "Contagion" ein überaus globalisierter Film, der anhand der immer wieder ins Bild gerückten Weltkarten, den vielen Schauplätzen von Hongkong über London bis Chicago und der raschen Ausbreitung des Krankheitserregers über Kontinente hinweg, noch einmal verdeutlicht, wie sehr die moderne Welt ineinander greift: Mit der Pest an Bord alleine vor Madagaskar liegen, war gestern.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Contagion
(Contagion)

USA 2011
Regie: Steven Soderbergh;
Darsteller: Gwyneth Paltrow (Beth Emhoff), Chui Tien You (Li Fai), Matt Damon (Mitch Emhoff), Laurence Fishburne (Dr. Ellis Cheever), John Hawkes (Roger), Jude Law (Alan Krumwiede), Marion Cotillard (Dr. Leonora Orantes), Armin Rohde (Damian Leopold), Kate Winslet (Dr. Erin Mears), Jennifer Ehle (Dr. Ally Hextall), Elliott Gould (Dr. Ian Sussman), Bryan Cranston (Lyle Haggerty), Sanaa Lathan (Aubrey Cheever) u.a.;
Drehbuch: Scott Z. Burns; Produzenten: Gregory Jacobs, Michael Shamberg, Stacey Sher; Kamera: Peter Andrews (d.i. Steven Soderbergh); Musik: Cliff Martinez; Schnitt: Stephen Mirrione;

Länge: 106,11 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 20. Oktober 2011



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Zitat

"Er war einer der großen deutschen Filmhistoriker, hellsichtig, leidenschaftlich, präzise. Aus dem Münchner Filmmuseum, das er von 1973 bis 1994 leitete, machte er einen Ort für alle, die das Kino lieben und verstehen wollen, wie es funktioniert. Zusammen mit seiner Frau Frieda Grafe setzte er neue Maßstäbe für die Reflexion über den Film als Kunstform. Durch umfangreiche Retrospektiven schärfte er den Blick auf die Werke bedeutender Filmemacher, aber auch für die Komplexität des Genre-Kinos. Er rekonstruierte Klassiker wie 'M' oder 'Metropolis' und schuf damit ein Bewusstsein für den Reichtum des Stummfilms."

Aus dem SPIEGEL-Nachruf zum Tode des Filmpublizisten
und -kritikers Enno Patalas (15.10.1929 - 07.08.2018)

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