10.09.2011

Ein hoffnungsvoller Film beraubt sich selbst seiner Stärke

Cold Weather

Ein ehemaliger Forensik-Student eifert seinem Vorbild Sherlock Holmes nach und versucht mit seinen Methoden einen mysteriösen Fall zu lösen.

"Cold Weather" ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie man einen Film derart in die falsche Richtung entwickeln kann, dass der extrem vielversprechende Anfang doch noch in ein negatives Fazit umschlägt. Bei der Deutschlandpremiere des Films "Cold Weather" im Rahmen des Filmfestes München war auch der Regisseur des Films, Aaron Katz ("Quiet City"), zugegen und stellte sich im Anschluss an die Vorführung den Fragen der Zuschauer. Katz ist Anhänger der Mumblecore-Bewegung und hatte für "Cold Weather" ein Budget von 100.000 US-Dollar zur Verfügung. Was er mit diesen spärlichen Mitteln zu Stande bringt, ist durchaus respektabel.

Doug (Cris Lankenau), die Hauptperson des Films ist eigentlich ein Loser, der sein Studium abgebrochen hat und wieder zu seiner Schwester Gail (Trieste Kelly Dunn) in seine Heimatstadt Portland (ebenfalls die Heimatstadt des Regisseurs) zurückgekehrt ist, um sich hier mit Nebenjobs durchzuschlagen. Er verkörpert einen introvertierten lethargischen Typus, der den Zuschauer und auch die korrespondierenden Figuren durch seine unvoreingenommene kindlich naive Art sympathisch einzunehmen vermag. Er selbst hält sich nicht für einen Verlierer und mag seine Fließbandarbeit in der hiesigen Eisfabrik sogar. Dort lernt er Carlos (Raúl Castillo) kennen, mit dem er sich auch anfreundet. Der Film bekommt eine Wendung, als Dougs Ex-Freundin Rachel (Robyn Rikoon) auf mysteriöse Weise verschwindet und das Dreigestirn sich eigenständig an die Aufklärung macht.

Katz versteht es, auf besondere Art und Weise zu filmen und seinen eigenen Stil in Szene zu setzen. Er verwendet oft Großaufnahmen der Charaktere und hält diese lange, um kleinste Reaktionen in der Mimik einzufangen. Dies tut er oftmals in einer Art, die nicht das eigentliche Geschehen und gesprochene Wort zeigt, sondern vielmehr die mimische Reaktion darauf illustriert. Ein gutes Beispiel ist der anfängliche Spieleabend, an dem der Sprechende seltener als der Zuhörer im Bild auftaucht. Dadurch gibt der Film dem Zuschauer die Möglichkeit, authentische Reaktionen der Figuren einzufangen und dadurch in anderer Weise auf deren Innenleben schließen zu können. Szenen werden oftmals sehr ausführlich gezeigt, was manche als langatmig beschreiben könnten und selbst der Regisseur als eine seiner Affinitäten betont. Die filmische Intensität und die Kraft der Bilder lassen den geneigten Zuschauer jedoch mit diesen Szenen verschmelzen. Der sich durch den ganzen Film ziehende und namensgebende rote Faden des verregneten, kalten Wetters tut diesem Wohlgefühl keinen Abbruch und macht die Kennenlernphase der Figuren zu einem filmischen, schauspielerischen und explizit humorvollen Hochgenuss. Speziell im komödiantischen Bereich erzielt der Film auf seine ganz eigene spezielle Art großartige Ergebnisse und entlockt dem Zuschauer sehr oft mehr als nur ein Schmunzeln. Die Situationskomik versprüht zu Beginn derartig viel Witz, dass man versucht ist, zumindest manche Sequenzen unter dem Genre Komödie zu verorten.

Diese Idylle wird jedoch jäh unterbrochen, als sich das Thema des Films verändert und von der Sozialstudie zum trivialen Krimi verkommt. Das gerade gepflanzte zarte Pflänzchen der Bande zwischen Doug, Gail, Carlos und Rachel und deren verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten schreit danach weiter gegossen zu werden, doch es wird nicht erhört. Der Zuschauer wird in der Folge mit uninspirierter Verbrechensaufklärung gelangweilt, die zwar filmisch zu überzeugen weiß, aber plottechnisch wenig Neues anbietet. Selbst die anfangs platzierten Sherlock-Holmes-Methoden, von denen Doug ein großer Fan ist und auch Carlos überzeugen konnte, verliert der Film aus den Augen und sie verlaufen im Sand. Man wartet im weiteren Verlauf vergeblich auf die Fortsetzung der witzigen und intelligenten Dialoge und eine Weiterentwicklung der Figurenkonstellationen. Doch dieser Teil stagniert vollkommen und öffnet den Raum für die besagt fade Verbrechensaufklärung.

Das Ende setzt noch einmal ein Ausrufezeichen, kann jedoch den allgemeinen Eindruck nicht verhindern, dass sich ein hoffnungsvoller Film selbst seiner Stärke beraubt und eine große Chance nicht genutzt hat. All jene, die einfach nur einen guten unterhaltsamen Film sehen wollen, sollten sich anderweitig umsehen, da der Film einen nicht nur auf Grund des abrupten Cuts am Ende unbefriedigt zurücklässt. Wer darüber hinaus auch an filmischen Besonderheiten und Einzigartigkeiten interessiert ist und einen Film nicht kategorisch als Ganzes betrachtet, dem kann "Cold Weather" auf jeden Fall ans Herz gelegt werden, nicht zuletzt deshalb, weil die bereits als hervorragend angepriesene Anfangsphase fast so lange dauert wie der abflauende Rest des Films.  

Daniel Forstner / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Cold Weather
(Cold Weather)

USA 2010
Regie: Aaron Katz;
Darsteller: Cris Lankenau (Doug), Trieste Kelly Dunn (Gail), Raúl Castillo (Carlos), Robyn Rikoon (Rachel), Jeb Pearson (Jim Warden), Brendan McFadden (Swen) u.a.;
Drehbuch: Aaron Katz nach der Story von Aaron Katz, Brendan McFadden und Ben Stambler; Produzenten: Lars Knudsen, Brendan McFadden, Ben Stambler, Jay Van Hoy; Ausführender Produzent: Jack Turner; Kamera: Andrew Reed; Musik: Keegan DeWitt;

Länge: 96 Minuten



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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