11.09.2018
Intelligentes Sozialdrama mit Leerlauf in der Handlung

Cobain


Film Cobain Nach einem berühmten Selbstmörder benannt zu sein, gefällt ihm nicht, sagt Cobain (Bas Keizer) mal im Film, der den Namen des Jungen als Titel trägt. Cobain ist gerade mal 15 Jahre alt, wirkt aber erwachsener als seine Mutter Mia (Naomi Velissariou), die als Prostituierte und Junkie viel hinter sich hat. Viel, das sich auf ihren Sohn auswirkt; beide stecken im Sumpf fest, wenngleich Cobain nicht drogenabhängig ist. Mia ist schwanger, was sie nicht davon abhält, weiterhin Drogen und Alkohol zu konsumieren. Der Junge wird den Entschluss fassen, sie davon abzubringen.
"Cobain" ist ein lupenreines Sozialdrama, das sehr literarisch daherkommt, es könnte auch als Novelle niedergeschrieben sein. Nicht alles funktioniert im Film: Die manchmal zu dünne Handlung kommt erst gegen Ende des Films in Fahrt, wenn Cobain um Mia und um das Leben des ungeborenen Kindes kämpft.

"Cobain" ist Regisseurin Nanouk Leopolds sechster Film. In Deutschland ist die 1968 geborene Niederländerin Kinogängern eventuell bekannt, weil sie mit Sandra Hüller 2010 "Brownian Movement" drehte: In dem Film ist eine junge Frau sexsüchtig und lebt in diesem Rausch extreme Spielarten aus.

Film Cobain Ein anderes filmisches Extrem ist "Cobain": Zu Beginn des Films verlässt der 15-Jährige ein Waisenhaus. Warum er da war, wird bald klar: Seine Mutter Mia liebt ihn zwar, ist aber unfähig, sich um ihn zu kümmern. Drogen, Alkohol, Männer, diese zieht sie einem geregelten Leben vor, sie kann nicht anders. Drogen, Alkohol, Männer – bis auf den Alkohol sieht der Zuschauer davon nichts, es wäre ansonsten auch zu dick aufgetragen. Bald ist dem Kinogänger bewusst: Cobain ist reifer als Mia. Er wird den Kampf gegen ihre Süchte, gegen ihren selbstzerstörerischen Hedonismus aufnehmen. Bis dahin gilt für den Film: Die Handlung stockt, enthält nicht viel Substanzielles. Nach der einer Katharsis gleichkommenden Flucht, bei der Cobain Mia regelrecht entführt, kommt die Handlung erst ins Rollen, wie der Motorroller, den der Junge zur Flucht benutzt.

"Es geht mir nicht so sehr um die Umstände, die einen Menschen ruinieren können, sondern vielmehr um die Lebenskraft, die nicht verlangsamt oder gezügelt werden kann. Sie ist das Licht, das sich noch durch das kleinste Loch eines Vorhangs schlängelt und eine Fülle von Bildern an die Wand projiziert. In diesem Moment, wenn du es siehst, gibt es Glück", erklärt Filmemacherin Leopold. Die Intention der 50-jährigen Regisseurin besteht nicht darin, ein weiteres hoffnungslos daherkommendes Sozialdrama zu inszenieren – das Ende des Films ist das Gegenteil, der Film wird zur anrührenden und dennoch kitschfreien Mutter-Sohn-Geschichte.

Film Cobain Davor erzählt der Film zu viel der Handlung Abträgliches, und er erläutert auch nie, wo Cobain gerade ist (im Waisenhaus, bei einem Zuhälter, dem er hilft etc.); dies kann man als Nachteil empfinden, oder auch positiv sehen: Der Film spricht die Intelligenz des Zuschauers an. Auch sagt der Film nicht, woher Cobain am Schluss des Films die Waldhütte her hat. Bestimmte Elemente der Story müssten von der Regisseurin Leopold besser dem Zuschauer nahegebracht sein. Dieser blickt nicht immer durch.

"Cobain" feierte seine Weltpremiere 2018 auf der Berlinale in der Sektion "Generation".  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Victor Arnolds (Foto 1), Frank van den Eeden (Fotos 2 und 3)

 
Filmdaten 
 
Cobain (Cobain) 
 
Niederlande/Belgien/Deutschland 2017
Regie: Nanouk Leopold;
Darsteller: Bas Keizer (Cobain), Naomi Velissariou (Mia), Wim Opbrouck (Wickmayer), Dana Marineci (Adele), Cosmina Stratan (Jadwiga), Maria Kraakman (Pieternel) u.a.;
Drehbuch: Stienette Bosklopper; Produktion: Circe Films (Stienette Bosklopper, Lisette Kelder) in Koproduktion mit A Private View, Coin Film, VPRO Television, The Film Kitchen; Kamera: Frank van den Eeden; Musik: Harry de Wit; Schnitt: Katharina Wartena;

Länge: 89,43 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von W-film Distribution; deutscher Kinostart: 13. September 2018



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<11.09.2018>


Zitat

"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

Schauspielerin Jamie Lee Curtis über #MeToo und Hollywood

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe