20.10.2012
Im Wolkenkuckucksheim

Cloud Atlas


Cloud Atlas: Tom Hanks, Halle Berry "Man kann in kleinen, individuellen Beobachtungen Wahrheiten entdecken, die jeder nachempfinden kann", befindet Tom Tykwer über das monumentale Sci-Fi-Romantik-Thriller-Comedy-Fantasy-Drama-Epos, das er mit Lana und Andy Wachowski schuf. Nicht nur Regie und Produktion teilte sich das Trio. Drei Köpfe konstruierten zudem das Drehbuch des verwickelten Ensemblefilms. Dessen sechs zeitlich und räumlich getrennte Einzelepisoden umspannenden Handlungsbogen indes verantwortete David Mitchell. Der britische Autor landete einen Bestseller mit der gleichnamigen Romangrundlage des "Cloud Atlas", an dessen Firmament aus spektakulären Kulissen und Szenarien ein Dutzend darstellerischer Sterne stehen.

Sie defilieren mit unterschiedlichen Kostümen, Masken und Rollennamen ausstaffiert durch die Zeitalter des ein halbes Jahrtausend umspannenden Historienfilms, der die Weltgeschichte bis weit in die Zukunft fortspinnt. "Nicht nur eine Figur wird wiedergeboren", erläutert Mitchell die Verfilmung, die den Bucherfolg zu wiederholen verspricht: "Alle Hauptfiguren existieren in jeder der gezeigten Welten." Es sind ihrer sechs und die erste liegt Mitte des 19. Jahrhunderts im Pazifik. Dort führen dem unbedarften amerikanischen Notar Adam Ewing (Jim Sturgess) ein edler Wilder (David Gyasi) und der skrupellosen Dr. Henry Goose (Tom Hanks) ein Lehrstück über Sklaverei und Freiheitskampf vor. Die Charaktere sind eindimensional, die Moral ist plump und wird genauso vermittelt. Das Schauspiel selbst jedoch wird zum Dauerbrenner im Welttheater. Dort erlebt der Selbstläufer fünf Wiederaufführungen, in denen sich Tykwer und die Wachowskis inszenatorisch austoben.

Cloud Atlas: Filmplakat Der Kurzversion von "Amistad" folgt 1931 im Vorkriegsbelgien die tragische Künstlerbiografie des mittellosen Musikers Robert Frobisher (Ben Whishaw). Im Schatten seines berühmten Rivalen und Brotgebers Vyvyan Ars (Jim Broadbent) und des heraufziehenden Nationalsozialismus komponiert er das "Wolkenatlas-Sextett". Die titelgebende Symphonie durchzieht die sich überschneidenden Akte melodisch und sinnbildlich. Das "Cloud Atlas"-Stück, dem die Figuren in ihren Träumen, der Erinnerung oder dem Plattenladen andächtig lauschen, verkörpert künstlerische Perfektion, spirituelle Erfüllung, Glückseligkeit: das Ideal schlechthin. Ein ebenbürtiges Werk sieht Mitchell augenscheinlich in seinem die Ziffer Sechs betonenden "Cloud Atlas". Das Stück vernimmt auch die Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) in den 1970ern auf der Spur eines Atomskandals. Länger als die schluchzenden Klänge hallen die Worte des Wissenschaftlers Isaac Sachs (Tom Hanks) nach: "Immer, wenn Sie mir mit so einem Scheiß wie Karma und früheren Leben kamen, konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen." Der Spott über die aufdringlichen Schicksalsparallelen und technisch nahtlosen Verbindungsschnitte ist verständlich.

Cloud Atlas: Doona Bae Kulissen und Dialogstichworte verknüpfen die zwischen gediegenem Historismus, düsterem Futurismus und archaischer Zukunftsvision wechselnden Zeitebenen, die so profillos bleiben wie die Protagonisten. Sie studieren die Lehren der Vergangenheit in Tagebüchern oder Briefen, doch lernen nicht oder zu spät. "Warum begehen wir immer wieder die gleichen Fehler?" Luisas Frage plagt auch den entnervten Zuschauer, dem Mitchell in seiner Erläuterung des Titels antwortet. Der "Cloud Atlas" beziehe sich auf die ewige Natur des Menschen, der seinesgleichen ausbeutet und versklavt. "Also nehme ich einfach die Themen und verfasse eine Reinkarnation in einem anderen Kontext", sagt Mitchell, dessen verkompliziertes Handlungspuzzle das dummdreiste Konzept verschleiern soll. Ein Fast-Food-Restaurant ist darin die logische Weiterentwicklung historischer Sklaverei und in eine Seniorenresidenz werden Ahnungslose zum Sterben geschickt, wie im Faschismus.

Gemeinsam ist den zusätzlich in das England der Gegenwart, im Neo-Seoul des Jahres 2144 und rund 200 Jahre später auf dem postapokalyptischen Hawaii fortgesetzten Episoden ihre Schalheit. Die Frage eines Buchkritikers auf der Leinwand scheint an Mitchell gerichtet: "Was hat der stumpfe Stift, den Sie Ihre Fantasie nennen, für diese Szene für ein Ende vorgesehen?" Die Antwort gibt mit Tom Hanks der anstrengendste der Dauercharaktere: "400 Seiten an dröger Prahlerei und ein Ende, dass nicht zu überbieten ist an Plattheit und Idiotie."  

Lida Bach / Wertung:  0 von 5 
 

Quelle der Fotos: X Verleih

 
Filmdaten 
 
Cloud Atlas (Cloud Atlas) 
 
USA / Deutschland 2012
Regie & Drehbuch: Lana und Andy Wachowski, Tom Tykwer;
Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D'Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant u.a. (jeder der genannten Darsteller spielt mindestens drei, manchmal auch sechs verschiedene Rollen);
Produktion: Grant Hill, Stefan Arndt, Lana und Andy Wachowski, Tom Tykwer; Kamera: Frank Griebe, John Toll; Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Tom Tykwer; Schnitt: Alexander Berner;

Länge: 171,56 Minuten (Kino; Video: 165,54 Minuten); FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der X Verleih AG; deutscher Kinostart: 15. November 2012



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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