14.02.2013
Sechs Charaktere suchen einen Regisseur

Closed Curtain / Pardé


Closed Curtain / Pardé: Kamboziya Partovi, Hund Boy Das Wichtigste im Kino ist der Vorhang. Sein Öffnen und Schließen zeigt, wann Realität aufhört und Fiktion beginnt. Er markiert am Rande der Leinwand die Trennlinie zwischen wirklicher und unwirklicher Welt, die sonst mutwillig ineinander übergehen könnten. Ohne den, der den Vorhang lenkt, könnte man nie davor sicher sein, sich in den Film zu verirren oder dass die Figuren in die eigene Welt herüberkommen. Was geschieht, wenn ihm die Hände gebunden werden und die fließenden Eingrenzungen zu starren Mauern, zeigen Jafar Panahi und seine mit ihm hinter dem "Closed Curtain" eingekerkerten Protagonisten-Phantasien.

Das Titelobjekt ist das erste und letzte, was das jüngste Werk des iranischen Filmemachers zeigt. Kaum hat der rote Vorhang sich geöffnet, ist dahinter ein geschlossener zweiter. Es ist ein eiserner Vorhang im buchstäblichen Sinne: eine gusseiserne Verriegelung der Fenster und Tür zur Terrasse von Panahis eigenem Strandhaus. Seine zwei Haupträume im oberen und unteren Stock werden zur Bühne des allegorischen Filmtheaters, dem der Regisseur hinter dem geschlossenen Vorhang beiwohnt. Das Wort "beiwohnen" gilt in bitterer Weise wörtlich. In der intimen Kulisse seines Heims erscheint Panahi nicht als Dirigent, sondern Randgestalt des Szenarios. Ein Kammerspiel, das nichts anderes sein kann, denn der Gang ins Freie, das politisch, sozial und religiös tatsächlich das Unfreie ist, birgt zu viele Risiken, für den Regisseur genauso wie für die Protagonisten. Sie sind ein Autor (Kamboziya Partovi), sein Hund, eine junge Frau (Maryam Moghadam), ihr Bruder (Hadi Saeedi), ihre Schwester (Azadeh Torabi) und ein alter Nachbar (Zeynab Khanum).

Closed Curtain / Pardé: Maryam Moghadam Wie der Regisseur, der wegen seines systemkritischen Gegenwartskinos zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, sind sie Schuldige nach dem iranischen Gesetz, das in Form von Medien und bedrohlichen Stimmen von draußen eindringt. "Die Polizei wird drastische Maßnahmen ergreifen", verkündet ein Nachrichtensprecher zu Bildern getöteter Hunde. Sie gelten als unrein wie der, den der Autor in das Strandhaus in Sicherheit geschmuggelt hat und zu beider Schutz nicht vor die Tür lässt. Die Harmlosigkeit des Tieres, seine Natürlichkeit und sein Nicht-Begreifen-Können sind pointierte Metapher für den Irrwitz des brutalen Fundamentalismus. Dessen Absurdität erfassen kann nur eine ebenso absurde Tragödie, wie die hinter dem "Closed Curtain" Jafar Panahis. Seine Akteure sind im doppelten Sinne Charaktersplitter: Bruchstücke seiner Persönlichkeit und von ihm erdachter Figuren, die nie vollends Gestalt annehmen durften. Warum weiterschreiben, ruft der Autor verzweifelt: "Wer wird es schon in einen Film schaffen?"

Die Antwort darauf steckt in der Frage, die er nicht stellen könnte, hätte er es nicht geschafft. Genau wie seine ungebetene Besucherin, die seinen Widerstandsgeist zu wecken versucht. "Du glaubst, du kannst die Realität einfangen?", fragt sie das von Panahis realem Freund und Co-Regisseur verkörperte passive Alter Ego: "Ausgerechnet hier drinnen?" Ja, hier, an dem klaustrophobischen Nicht-Ort, wo Gefangenschaft nicht greifbare Schranken bedingen, sondern abstrakte. Draußen wartet der Tod. Drinnen warten die Figuren. Sooft sie die Szenerie verlassen, finden sie sich dort wieder. Eine Figur, die nie gelebt hat, kann nicht sterben. Selbst, wenn der Künstler, der sie erschuf, ihre Todesszene schreibt. "Du bist die reine Verzweiflung!", beantwortet der Autor schließlich selbst seine wiederholten Fragen nach der Identität der Besucherin, die immanente Wahrhaftigkeit der Kunst erinnert: "Man kann die Wirklichkeit nicht stehlen."  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Closed Curtain / Pardé (Pardé) 
 
Iran 2013
Regie: Jafar Panahi, Kamboziya Partovi;
Darsteller: Kamboziya Partovi (Schriftsteller), Maryam Moghadam (Melika), Jafar Panahi als er selbst, Hadi Saeedi (Melikas Bruder), Azadeh Toradi (Melikas Schwester), Agha Olia, Zeynab Khanum u.a.;
Drehbuch: Jafar Panahi; Produktion: Jafar Panahi Film Production; Produzent: Jafar Panahi; Kamera: Mohamed Reza Jahanpanah; Schnitt: Jafar Panahi;

Länge: 106 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt
ein Film im Wettbewerb der 63. Berlinale 2013, Silberner Bär für das Beste Drehbuch (Jafar Panahi)



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der Film im Katalog der 63. Berlinale 2013
<14.02.2013>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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