01.01.2021

Chungking Express

Sei es Schicksal oder Glück, täglich begegnen wir unzähligen fremden Menschen. Manchmal laufen wir nur aneinander vorbei, manchmal tauschen wir einen kurzen Blickkontakt und manchmal spüren wir sogar eine momentane Nähe zu den doch so fremden Menschen, Einigen begegnen wir wieder. Einige werden sogar unser/e Freund/e oder Geliebte/r. Einige bleiben für immer die Fremden auf der Straße...

Genau mit dieser Prämisse beginnt Wong Kar-Wai seinen angenehmen, aber viel aussagenden Film "Chungking Express". Er bildet seine Narrative darauf und schafft so einen Schnittpunkt für zwei voneinander unabhängigen Geschichten, die am selben Ort stattfinden. In beiden Geschichten bekommen wir den Umgang mit dem Verlust von einer geliebten Person zu sehen: Zwei Polizisten werden von ihren Freundinnen verlassen und versuchen in ihrem Großstadtleben in Hongkong sich mit der Situation abzufinden und beide verlieben sich von Neuem. Der Fokus liegt nicht nur auf den Ereignissen um die beiden Männer. Wir erhalten ebenfalls einen Einblick in die Welt der beiden Frauen, in die sich die Männer verlieben.

Die Simplizität der Handlung ermöglicht dem Zuschauer die Umsetzung der Themen in einem einzigen Narrativ und einer phänomenalen Visualität auf die Leinwand zu bringen, ohne dass sich der Zuschauer durch die Darstellung von Verlust, Kummer und Einsamkeit überlastet fühlt.

Die zufälligen Begegnungen bilden dabei den Rahmen beider Handlungen. Denn die erste Geschichte fängt damit an, dass der erste Protagonist der Frau, in die er sich später verliebt, unwissentlich mit einem Abstand von 0,01cm nahe kommt und endet damit, dass derselbe mit demselben Abstand auf eine andere Frau stößt, mit der er nie wieder involviert sein wird. Mit der zweiten Begegnung wird die erste Geschichte abgeschlossen und die zweite eingeführt.

Die gleichzeitig stattfindende Nähe und Fremdheit zwischen Menschen in Städten sind Themen, die seit der Urbanisierung vieler Länder im 20. Jahrhundert immer wieder in der Kunst aufgegriffen werden. "Chungking Express" setzt diesen Konflikt mit einem unvergleichlichen Geschick um. Dank der dynamischen Cinematographie wird die Individualität der vier Hauptcharaktere, trotz der immer vorhandenen Massen, stark ausgedrückt. Die Bilder wechseln ständig zwischen Menschenmengen und einsamen Orten. Viele Szenen wurden mit einer Handkamera aufgenommen. Sowohl die Hektik des städtischen Lebens als auch die inneren Sorgen sind in jedem Bild in ihrer ganzen Fülle zu spüren.

Das Schauspiel der Darsteller*innen ist in dem Sinne ebenso erwähnenswert. Nicht nur durch das Charisma von allen Vieren, sondern auch durch ihre Leistungen wird jede Emotion um so stärker verspürt.

Alles in allem ist "Chungking Express" ein einzigartiger Film, der durch seine offenkundige Handlung und entzückenden Ton zu einem wohlfühlenden Erlebnis wird, dabei aber sich davon nicht zurückhält, schmerzhafte Gefühle in einer feinfühligen Ästhetik auszudrücken. Das Verhältnis der einzelnen Figuren zueinander erweckt ein neues Verständnis in uns, wodurch wir unsere Umwelt aus einer neuen Perspektive wahrnehmen.  

Hüsna Yildiz / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Chungking Express
(Chung Hing sam lam)

Hongkong/China 1994
Regie & Drehbuch: Wong Kar-Wai;
Darsteller: Brigitte Lin (Frau), Tony Chiu-Wai Leung (Polizist 663), Faye Wong (Faye), Takeshi Kaneshiro (Zhiwu He, Polizist 223), Valerie Chow (Stewardess), Jinquan Chen (Manager des "Midnight Express"), Lee-Na Kwan (Richard) u.a.;
Produzenten: Chan Yi-kan, Jeffrey Lau; Kamera: Christopher Doyle, Andrew Lau; Musik: Frankie Chan, Michael Galasso, Roel A. García; Schnitt: William Chang, Kai Kit-Wai, Kwong Chi-Leung;

Länge: 102 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 28. März 1996



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