März 2001

Children of Nature
- Eine Reise

"Children of Nature" ist der wohl international bekannteste Film aus Island. Er erzählt die Geschichte der letzten Reise eines alten Farmers, Thorgeir Kristmundsson alias Gísli Halldórsson, zurück zu seinen Wurzeln.

Die meiste Zeit seines Lebens hatte er auf seinem alten Hof im Norden des Landes gelebt und gearbeitet. Ein einfaches, ehrliches Leben. Nachdem seine Frau gestorben ist und Thorgeir merkt, daß auch ihn langsam die Kräfte verlassen, muß er einsehen, daß ein Weitermachen auf dem Hof nicht länger möglich ist. Er schließt mit seinem Leben auf dem Land, mit seinem Hof, ab, und setzt sich in den Überlandbus in die Stadt Reykjavik, um zu seiner Tochter zu ziehen. Diese lebt mit ihrer pubertierenden Tochter und Mann in einem Wohnsilo, und eigentlich ist die Familie weder vorbereitet auf den Gast, noch sonderlich erfreut ihn zu sehen. Er wird zwar aufgenommen, auch wenn der Platz knapp ist und er sich ein Zimmer mit seiner Enkelin teilen muß. Obwohl er sich bemüht, ein einfaches und zurückgezogenes Leben zu führen, sind die Welten zu unterschiedlich und auf Dauer unüberbrückbar, und so wird er in ein Altersheim der Stadt gesetzt. Dort trifft er auf Stella, seine alte Jugendliebe aus den Westfjorden, die dort ihren eigenen kleinen Privatkrieg führt gegen das Heim und die Heimleitung (wunderbar als eiskalter Engel: Tinna Gunnlaugsdóttir). Auch sie kann in diesem Heim, in dieser Art zu leben, nicht Fuß fassen, fühlt sich fremd und gegängelt. Beide sind nun in einer Welt gestrandet, die ihnen immerzu zu vermitteln versucht, alles geschehe ja nur zu ihrem Besten. Als Thorgeirs Zimmergenosse stirbt, und auch Thorgeir gewahr wird, daß ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, beschließen er und Stella, aus dieser Umgebung zu fliehen. Sie stehlen einen Jeep und machen sich auf die abenteuerliche Reise, zurück zu ihren Wurzeln, zurück dorthin, wo sie Kinder der Natur waren und auch wieder sein können.

"Children of Nature" ist ein zauberhafter Film, der mit einfachen Mitteln Elementares auf den Punkt bringt. Auf sehr ehrliche und direkte Art spiegelt er die Kluft zwischen der modernen Welt, der Urbanisation und dem eigentlichen Leben, das man der Natur abtrotzt, wider. Dieser isländische Bauer, der sein Leben lang ein einfaches Leben geführt hat ohne es zu hinterfragen, behält auch in dieser ihm so fremden und andersartigen Welt der Großstadt seinen Willen, seine direkte Art und seine einfache, ungekünstelte Sichtweise. Ein einfacher Mann, der sein Leben in der traditionellen Art und Weise seinen Hof bewirtschaftet hat, weiß, daß er so nicht weitermachen kann. Er ist zu alt, einen Nachfolger für diese Art des Lebens, für seinen Hof, gibt es nicht. Folglich muß er seiner Familie, seiner Tochter in die Stadt folgen. Er setzt das, was er als Spielregeln der Natur, der Nachfolge, kennt, weiter um, auch wenn es unter anderen Vorzeichen geschieht. Allmählich nähert er sich der Stadt, sie umzingelt diesen Fremdkörper. In einer Stadt, die ihre Kinder frißt, sitzt er nun als Spielball einer neuen Struktur, einer künstlich geschaffenen Ordnung. Und dennoch bleibt er weiter ein Mann, der seinem Dasein jene einfachen, aber sinnigen Gesten abtrotzt, um dem Leben Bedeutung beizumessen.

Die Bildsprache des isländischen Regisseurs Fridrik Thor Fridriksson ist direkt und unprätentiös, und seine Filme sind durchweg von grundlegender Aufrichtigkeit und Erdverbundenheit, in denen er stets ein nuancenreiches und differenziertes Bild seines Landes und seiner Bewohner zeichnet. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, in der die Grenzen zwischen Gedanken, eigenen Erinnerungen und Betrachtung von Außen stets verwischen. Die Grundfeste seiner Filme sind die Akzeptanz der Dinge, seien es nun eigene Erfahrungen aus der Kindheit, loses Gedankengut, übernatürliche Geschehnisse, veränderte Umwelt und daraus resultierende Situationen. Daraus eine Geschichte zu spinnen, die das Prinzip des "rebel without a cause" einfach umdreht, gelingt dem Regisseur mit diesem Film meisterlich. Die Aktionen und Handlungen der Akteure sind reduziert und dennoch von Bestimmtheit, Kraft und von intuitivem Wissen. Aus dieser Kraft schöpfen die Akteure den Willen, aus dem diffusen Kunstlicht der Stadt und seinem künstlichen Interesse am Leben auszubrechen. Zurück in eine ihnen vertraute Natur, die manchmal schattenhaft, aber dennoch immer ehrlich und aufrichtig ist. Ari Kristinsson, der vielleicht beste Kameramann Islands, hat bewegende und differenzierte Bilder einer elementaren Landschaft eingefangen, die mit der musikalisch zu Recht gefeierten Untermalung von Hilmar Örn Hilmarsson eine sphärische Dichte erreicht, die man so nur in seltenen glücklichen Momenten im Kino erleben kann.  

Claudia J. Koestler / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Children of Nature - Eine Reise
(Börn náttúrunnar)

Island 1991
Regie: Fridrik Thor Fridriksson; Drehbuch: Fridrik Thor Fridriksson, Einar Már Gudmundsson; Produktionsfirma: The Icelandic Film Corporation, Max Film, Berlin, Metro Film, Oslo; Produzent: Fridrik Thor Fridriksson; Cinematograph: Ari Kristinsson; Musik: Hilmar Örn Hilmarsson;
Darsteller: Gísli Halldórsson, Sigrídur Hagalín, Tinna Gunnlaugsdóttir, Egill Ólafsson, Rúrik Haraldsson, Margrét Ólafsdóttir, Kristinn Fridfinnsson, Bruno Ganz u.a.

Länge: 85 Minuten; FSK: ab 12 Jahren.

Auszeichnungen:
"Children of Nature" hat über 30 internationale Preise gewonnen, darunter:
Nominiert als bester ausländischer Film für den Academy Award (Oscar) 1992, Bester Film beim Montreal Film Festival 1991; Skandinavischer Filmpreis 1991; Bester Nordischer Film des Jahres auf dem Nordic Film Festival 1992; Europäischer Filmkomponist des Jahres (Hilmar Örn Hilmarsson), Felix 1991; Nominiert als Beste Darstellerin (Sigrídur Hagalín), Felix 1991; Bester Darsteller (Gísli Halldórsson) am Festival International Henri Langlois de Tours 1991; Publikumspreis für den besten Darsteller (Gísli Halldórsson) beim Film Festival Bergamo 1992; DV Newspaper Kulturpreis 1992.



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