03.10.2014

Children 404


Children 404 Sie sind der Fehler im System, den die Regierung juristisch verankert hat. Im Sommer 2013 trat ein Gesetz in Kraft, mit dem Putin seine traditionelle und normale Gesellschaft zu festigen suchte. Darin werden jegliche positive Äußerungen über Homosexualität unter Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien unter Strafe gestellt. Der Staat erkennt keine gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mehr an. Im selben Jahr ruft die Journalistin Lena Klimova das Projekt Children 404 ins Leben. Sie gibt den vermeintlichen Fehlern des Systems in der virtuellen Welt ein Gesicht und eine Stimme. Obgleich die meisten Fotos und Geschichten anonym bleiben, wird das Ausmaß der Unterdrückung in der Anhängerschaft deutlich. 22.000 junge Menschen schließen sich der Plattform an. Mehr als 1.300 erzählen ihre Geschichte.

Bunte, verwackelte Bilder von Schulräumen und -gängen streifen durch das Bild, während junge Stimmen zu Wort kommen dürfen. Manchmal sind sie abgehackt, wie aus einer fernen Welt, weil die Telefonverbindung schwankt, manchmal sind sie glasklar. Ihre Gesichter sind unkenntlich gemacht; nur wenige trauen sich, ihr wahres Ich der Öffentlichkeit zu zeigen. Wenn, dann sind es die Aktivisten, die bereits ein Gesicht in der Öffentlichkeit haben. Die Mehrheit der Stimmen sind normale Jugendliche ohne revolutionäre Bestrebung. Sie kämpfen mit ihrem alltäglichen und doch so ungewöhnlich dramatischen Leben.

Beschimpft, bespuckt, ausgestoßen und allein gelassen – in einem Stadium des Lebens, das unabhängig von externen Beschränkungen und Zwängen mit der Hormonschlacht und Identitätsfindung schwierig genug ist. Die Geborgenheit, der häusliche Rückzugsort, an dem ein Jugendlicher seine Bestätigung und Rückhalt finden sollte wird ins genaue Gegenteil verwandelt. So wie du bist, bist du falsch. Die jungen Menschen sind der Willkür ihres Elternhauses und der schulischen Einrichtungen ausgeliefert. Schließlich obliegt die Obhutspflicht den Erwachsenen.

Children 404 Nach russischer Manier werden alle tieferen Gespräche in Küchen gezeigt, dem Diskussionsankerpunkt der Russen. Der sowjetische Mensch in seiner Ordnung, klare Grenzen ohne Schwäche. Etwas resigniert Lena Klimova als sie langsam ihre Tasse trinkt. Was sie auf die vielen Mails antwortet? Soll man die Wahrheit sagen, sich outen? Nein, sagt sie, solange man noch eigenständig handeln kann. Die Abhängigkeit von der Einstellung seiner Mitmenschen wächst mit dem Coming out. Bei den meisten Interviewten endet es negativ. Dennoch hat Klimova noch Hoffnung. Irgendwann, so sagt sie, werden sie sich mit einem Lachen an die Zeit von Putin und die Verfolgung der Homosexuellen in Russland als einem Steinzeitalter erinnern. Daran glaubt sie. Daran hängt ihre Hoffnung in die Zukunft. Ob Russland für die Botschaft von "Children 404" wirklich schon bereit ist, wird sich zeigen. Die Premiere der Dokumentation wurde in Moskau von der Polizei aufgelöst.

Der Blick der Kamera geht nicht so sehr in die Details des neuen Gesetzes oder der darin wirkenden Kräfte. Die Dokumentation taucht nicht tief in die russische Gesellschaft oder homophobe Tendenzen im Land ein. Der Blick gilt den Jugendlichen. Ihre Situation, Sorgen, Nöte stehen im Vordergrund. Es ist berührend all die jungen Menschen zu hören und einige wenige von ihnen in ihrem Alltag begleiten zu können.

Natürlich wird deutlich, wie Erklärungsversuche von Eltern, Psychologen, Lehrern oder anderen involvierten Erwachsenen zumeist in externen Faktoren gesucht werden. Auch wenn sie nicht im Zentrum des Films stehen, wird deutlich, wie tief die staatlich unterstützte und getriebene Verweigerung und Diskriminierung in die Existenzen vieler Jugendlicher greift. So weit, dass sie bestrebt sind, ihr Land möglichst schnell verlassen zu können.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Rise And Shine World Sales (über die Seite des Filmfests Hamburg)

 
Filmdaten 
 
Children 404 (Children 404) 
 
Russland 2014
Regie, Drehbuch, Produzenten & Kamera: Pavel Loparev, Askold Kurov;
Schnitt: Lena Rem, Askold Kurov, Pavel Loparev;

Länge: 76 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Link zum Filmfest Hamburg
<03.10.2014>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe