08.11.2011
Wer zuletzt lächelt ... lächelt am besten

Cheyenne
– This Must Be the Place


Cheyenne – This Must Be the Place: Sean Penn Das Erscheinungsbild trügt: Cheyenne ist mittlerweile in seinen Fünfzigern, schminkt und kleidet sich immer noch so auffallend wie ein junger Rockstar. Hinter der Fassade steckt aber ein loyaler Freund, ein guter Zuhörer, ein humorvoller und weiser Mensch, der – wenn auch nur kleine – Ungerechtigkeiten nicht unvergolten vorbeiziehen lässt. Nun soll er den Nazi-Peiniger seines verstorbenen Vaters auffinden – will er dabei vergelten oder vergeben?

Cheyenne ist kein Drogenwrack, wie man es vielleicht von einem ehemals erfolgreichen wilden Rocker erwarten würde. Seit 35 Jahren ist er mit Jane, einer Feuerwehrfrau, verheiratet. Daher lässt er sich auch von keiner anderen Frau verführen. Er ist integer, hat Freunde, denen er helfen will, er ist wohlhabend und hat Zeit. So spaziert Cheyenne mit dem unverzichtbaren Roll-Wagen (später einem Trolley) durch die Cafés und Läden Dublins, kauft Tiefkühlpizza und beobachtet Aktien. Aber Cheyenne steckt in einer emotionalen Sackgasse. Die langsame, getragene Sprache, das bummlige Tempo, sein leerer Blick verraten es.

Die Nachricht vom Tod seines Vaters unterbricht die leicht depressive Monotonie in Cheyennes Alltag. Seit 30 Jahren hatte er nicht mehr mit ihm gesprochen – "Er hat mich nicht geliebt" sagt Cheyenne dazu. Vom New Yorker Umfeld des jüdischen Vaters erfährt er, dass der Vater sein Leben lang nach seinem Peiniger aus dem Konzentrationslager, Alois Lange, gesucht hatte. Nun soll der Sohn das Werk vollenden.

Cheyenne – This Must Be the Place: Sean Penn Cheyenne begibt sich auf eine Reise voller Abenteuer und Begegnungen quer durch die USA, die mal schön, mal traurig, mal weise, mal überraschend sind. Von einer Begegnung erfährt er, dass Dankbarkeit durch nichts zu übertreffen ist. Er erkennt, dass man zwei traurige Menschen nicht verkuppeln kann, weil Traurigkeit und Traurigkeit nicht zueinander passen. Bei einer anderen Begegnung stellt er fest: "Wenn du jung bist, denkst du: So muss das Leben sein, und dann rutscht du in ein Alter, wo du denkst: So ist das Leben". Er sagt, dass man im Leben zumindest einen Augenblick wählen muss, in dem man keine Angst hat. Und er wählt diesen Augenblick. Es ist dieser Moment, der seinen persönlichen gordischen Knoten löst und ihn befreit. Dann kann er endlich wieder richtig lächeln.

Eine unglaublich schöne, mal temporeiche, mal melancholische Musik – hauptsächlich von und mit David Byrne – trägt den Film. "Home is where I want to be ..." ist ein Leitmotiv des Soundtracks und des Films zugleich. In gewissem Maße suchen alle Figuren des Films ein Zuhause, ein Ankommen, inneren Frieden – manche wissen es am Ende: "This Must Be the Place".

"Bildungsroman" würde man diese Geschichte in der Literatur nennen. Aber "Cheyenne" ist nicht nur eine Entwicklung der Hauptfigur (Sean Penn glänzt in dieser Rolle), sondern einiger anderer Figuren auch. Es ist ein vielschichtiger Film, in dem man lachen und trauern kann, mit lustigen Szenen, klugen Dialogen, nachdenklichen und melancholischen Phasen und auch mit gelungenem filmischem Schweigen, wo nur Blicke und Gesten agieren.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Delphi Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Cheyenne - This Must Be the Place (This Must Be the Place) 
 
Italien / Frankreich / Irland 2011
Regie: Paolo Sorrentino;
Darsteller: Sean Penn (Cheyenne), Frances McDormand (Jane), Judd Hirsch (Mordecai Midler), Ewe Hewson (Mary), Olwen Fouere (Marys Mutter), Kerry Condon (Rachel), Harry Dean Stanton (Robert Plath), Heinz Lieven (Alois Lange), David Byrne als er selbst u.a.;
Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello; Produzenten: Francesca Cima, Nicola Giuliano, Andrea Occhipinti; Kamera: Luca Bigazzi; Musik: David Byrne, Will Oldham;

Länge: 118,28 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Delphi Filmverleih; deutscher Kinostart: 10. November 2011



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Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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