September 2001

Ironischer Whodunit-Klassiker

Charade

Um seine einstige Hauptdarstellerin des Leinwand-Musicals "Ein süßer Fratz" ("Funny Face", 1957), Audrey Hepburn, konstruierte Regisseur Stanley Donen 1963 die Kriminalkomödie "Charade", die den Vergleich mit Alfred Hitchcocks Thrillern nicht zu scheuen braucht. An den Filmen des Altmeisters lässt sich "Charade" durchaus messen, verpflichtete Donen für die männliche Hauptrolle doch den neben James Stewart zweifellos wichtigsten Schauspieler in Hitchcocks Filmen, Cary Grant. Er spielt den bis kurz vor Schluss des Films nie durchschaubaren männlichen Part neben Audrey Hepburns Figur der "ahnungslosen Frau" (Titel der Original-Story), die unvermittelt in die Schusslinie von Gangstern und Agenten gerät.

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1963, als "Charade" seine Uraufführung feierte, lag das Kennedy-Attentat keinen Monat zurück, der Kalte Krieg hatte zuvor nach dem Vorfall in der Schweinebucht und der Kuba-Krise seinen Höhepunkt erreicht, die Verunsicherung in der Welt war so groß wie nie. In die Zeit, in der Kriminalgeschichten und Agenten-Storys im Film eine Hochphase feierten - 1963 wurden die James-Bond-Romane des Ian Fleming gerade ein zweites Mal verfilmt -, fiel auch "Charade", mit Audrey Hepburns Figur der jungen Regina Lambert als Personifizierung der oben genannten Verunsicherung. "Reggie" hat im Urlaub in den französischen Alpen den Entschluss gefasst, sich scheiden zu lassen. Nach Paris zurückgekehrt, findet sie die Wohnung leer und den Ehemann im Leichenschauhaus vor. Charles war offensichtlich vor etwas geflüchtet, aber weit kam er nicht. Plötzlich Witwe und allein, nimmt sie dankbar die Unterstützung der Urlaubsbekanntschaft Peter Joshua (Cary Grant) an. Der smarte Herr wurde beim ersten höflichen Flirt in den Alpen noch genauso höflich, aber bestimmt zurückgewiesen, jetzt ist sein Angebot, sie in der schweren Zeit durch Späße aufzumuntern, höchst willkommen. Noch ein weiterer Mann tritt in Reggies Leben: der biedere Bürokrat Hamilton Bartholomew (Walter Matthau), seines Zeichens CIA-Agent im Außendienst. Ihm geht es einzig darum, dass Reggie das Geld, das Charles im Zweiten Weltkrieg gestohlen hatte, wiederbeschafft, und teilt ihr mit, dass sie fortan in größter Gefahr sei, da auch Charles' einstige Kumpane ihr Interesse an der Beute haben...

"Charade" oder auch "Scharade" steht als Begriff für ein Rätsel, dessen Auflösung man sich in Teilschritten nähern kann. Regisseur Donen verwickelt Reggie - und damit genauso den Zuschauer - in das Rätsel, dem sie sich zu stellen hat, weil eine Flucht, deutet Bartholomew an, so enden würde wie die von Charles: tödlich. Donen lässt mit ausgeklügelter Raffinesse einen Spannungsbogen entstehen: Wenn bei der Trauerfeier die drei Ganoven (James Coburn, George Kennedy, Ned Glass) Charles' Tod sogar durch Verwendung einer Stecknadel prüfen, so ist die Bedrohung durch die drei noch latent und gar mit schwarzem Humor gemischt, steigert sich aber schnell in Einschüchterungen der jungen Witwe, da vermeintlich nur sie als Besitzerin des Geldes in Frage kommen kann, um schließlich in einer brutalen Mordserie zu gipfeln. Auch von Peter scheint Gefahr auszugehen, es stellt sich bald heraus, dass er genauso tief in die Geschichte verwickelt ist wie alle anderen; die Begegnung in den Alpen war kein Zufall, er kommt als Mörder ebenso in Frage. Peter ist der ruhende Pol im Film, die Person mit dem scheinbar größten Überblick über das Rätsel - einmal konstatiert er sehr richtig: Nicht nur der Mörder darf sich nicht zu erkennen geben, sondern auch der neue Besitzer der Beute. Dabei ist Peter in "Charade" selbst das größte Rätsel. Geschickt lässt Donen ihn auf der einen Seite Reggies Beschützer und damit Sympathiefigur des Films sein, um auf der anderen stets neue Indizien gegen ihn zu sammeln.

Die Thriller-Elemente erhalten im Verlauf des Films stets aufs Neue ironische Brüche, sie treten in abwechslungsreiche Korrelation zu romantischen Sequenzen, welche von stimmungsvollen Ansichten des vor allem nächtlichen, da dann bunteren Paris untermalt werden, immer begleitet von Henry Mancinis mit der Lage der Heldin in Einklang stehenden Kompositionen. Für die Romantik im Film zollte Donen Tribut an die Zeit, die von Doris-Day- / Rock-Hudson-Komödien geprägt war. Damit Peter Reggie bei Laune hält, um ihr gleichzeitig näher zu kommen, enthält der Film Sequenzen, deren zuweilen schwächere Dialoge und Inhalte von Hepburns und Grants Darstellkunst überbrückt werden. Wohl nur Cary Grant ist als Schauspieler in der Lage, aus einer Szene, in der sein Peter Joshua im Anzug unter die Dusche steigt, damit Reggie etwas zu lachen hat, sauber herauszukommen, also ohne Peinlichkeit.

Von solchen den Film qualitativ schwächenden Drehbucheinfällen einmal abgesehen, ist "Charade" einer der spannendsten und am intelligentesten aufgebauten Whodunit-Krimis aller Zeiten, also Krimis, in denen der Mörder von der Hauptfigur und dem Zuschauer entlarvt werden muss - ein Film, der seinen Reiz als Thriller mit Komödienzügen bis heute nicht verloren hat. Den Erfolg seines Films versuchte Donen selbst in dem vier Jahre später gedrehten Film "Arabeske" ("Arabesque") zu wiederholen. Dazu wählte Donen ein ähnliches Strickmuster: Gregory Peck spielt einen Wissenschaftler namens Pollock, der unvermittelt in ein politisches Komplott hineingezogen wird, und Sophia Loren die zwielichtige Jasmin, die Pollock sowohl zu lieben vorgibt als auch ihn im nächsten Augenblick den Feinden auszusetzen in der Lage ist.

Ein wirkliches "Charade"-Remake namens "Die Wahrheit über Charlie" ("The Truth About Charlie") inszenierte "Das Schweigen der Lämmer"-Regisseur Jonathan Demme 2001, mit Thandie Newton, Mark Wahlberg und Tim Robbins.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Charade
(Charade)

USA 1963
Regie: Stanley Donen; Drehbuch: Peter Stone nach der Story "The Unsuspecting Wife" ("Die ahnungslose Frau") von Peter Stone und Marc Behn; Produktion: Stanley Donen, James Ware, Arthur Carroll; Kamera: Charles Lang jr.; Musik: Henry Mancini; Schnitt: James Clark; Titel-Gestaltung: Maurice Binder;
Darsteller: Cary Grant (Peter Joshua), Audrey Hepburn (Regina "Reggie" Lambert), Walter Matthau (Hamilton Bartholomew), James Coburn (Tex Penthollow), George Kennedy (Herman Scobie), Ned Glass (Leopold Gideon), Jacques Marin (Inspekteur Edouard Grandpierre), Dominique Minot (Sylvie Gaudet), Thomas Chelimsky (Jean-Louis Gaudet), Paul Bonifas (Monsieur Felix) u.a.

Länge: 113 Minuten



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"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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