19. Mai 1999

Ein authentisches Bild der tiefen Armut


Central Station


Hinter dem klanghaften Namen "Central do Brasil" verbirgt sich der Hauptbahnhof von Rio de Janeiro. Tausende von Menschen eilen täglich durch seine Halle, und einige verdienen dort ihr Geld, darunter Dora. Sie schreibt Briefe für Analphabeten.
Menschen diktieren der Frau ihre Geheimnisse und persönlichen Empfindungen, aber Dora kennt kaum Gefühle und beeinflusst das Schicksal anderer, indem sie über die Briefe urteilt und fast keinen abschickt. In der langen Schlange ihrer Kunden steht eines Tages auch Ana mit ihrem Sohn Josué. Als sie kurz darauf tödlich verunglückt, ist Josué, der soeben noch in der Geborgenheit der liebevollen Mutter gelebt hatte, plötzlich völlig auf sich alleine gestellt.


Regisseur Walter Salles symbolisiert das Alleinsein perfekt: Mitten im Bahnhof von Rio de Janeiro sitzt der kleine Junge zusammengekauert auf einer Bank, an ihm eilen die Menschenmassen vorüber wie immer, keinen kümmert das Elend des anderen.

Schließlich nimmt Dora Josué mit nach Hause, um ihn an eine "Adoptionsvermittlung" zu verkaufen. Nach dem Geschäft plagen sie jedoch Gewissensbisse, denn auch sie weiß um die Organmafia, und am nächsten Morgen befreit sie Josué aus deren Klauen. Dadurch sieht sich genötigt, unterzutauchen, bis sich die Aufregung gelegt hat. So fährt sie mit Josué quer durch Brasilien, um seinen Vater zu suchen. Die lange Busfahrt ist der Wendepunkt in der Geschichte, was die Kameraführung gut verdeutlicht: Bisher spielte alles in der Enge der hektischen Millionenstadt. Dem Auge des Betrachters wurden enge Bildausschnitte zugemutet, den Ohren ein nicht enden wollender Hintergrundlärm. Je weiter sich der Bus jedoch von der Stadt entfernt, desto öfter fährt die Kamera zurück in die Totale, desto ruhiger wird es. Die vormalige Einsamkeit in der hektischen Masse wird dadurch entschärft.

Auf der Fahrt begreift Dora, wie es um sie steht, denn Josué hält ihr ständig einen Spiegel vor.

Schließlich findet sie zu sich selbst, vergisst die Rohheit und entdeckt Weiblichkeit und Gefühle neu. Josue hingegen lebt wieder in Geborgenheit. Die Beziehung zwischen Josué und Dora wird dabei keinesfalls verkitscht, sondern ist geprägt von Konflikten und Misstrauen.

Die Vordergrundgeschichte ist nicht grundlegend neu. Dennoch ist "Central do Brasil" ein besonderer Film, denn er zeigt Brasilien ohne rosarote Brille. Dies gelingt, weil der Film einige Ausschnitte aus dem Leben der Armen dermaßen nahe an den Zuschauer heranzubringen vermag, dass dieser sich in die Personen hineinversetzen kann. Eine besonders gelungene Szene spielt in einem Rastplatzlädchen, wo Josué sehnsüchtig in die unverschämt herablassenden Augen eines Lausebengels blickt, der in Riesenhappen irgendein Gebäck in sich hineinstopft.

Durch die zeitweilige dokumentarfilmartige Kameraführung erscheint der Film noch wirklichkeitsgetreuer. Fernanda Montenegro (Dora) und Marilia Pêra (Irene) sind zudem die einzigen professionellen Schauspieler, alle anderen standen zum ersten Mal vor der Kamera. Vinicus de Oliveira entdeckte der Regisseur Salles zufällig auf Rios Flughafen, als Vinicius ihn um Geld für ein Sandwich anbettelte.

Besonders beeindruckend sind die Menschen, die Dora Briefe diktieren. In Nahaufnahme sieht man ausdrucksstarke Gesichter, hinter denen sich die unterschiedlichsten Menschen mit ihren unterschiedlichsten Geschichten verbergen: Eine glückliche Braut, ein liebestoller Mann und ein Greis, der "jetzt bestimmt der glücklichste Mann der Welt ist".

Jedes Detail ist liebevoll ausgearbeitet, aber nichts wurde geschönt. Die Grundstimmung des Films ist stets melancholisch und entspricht überhaupt nicht dem von satten Träumen allzu oft heraufbeschworenen brasilianischen Lebensgefühl.

 
Tobias Vetter / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Central Station
(Central do Brasil)

Frankreich / Brasilien 1997
Regie: Walter Salles;
Darsteller: Fernanda Montenegro (Dora), Marilia Pêra (Irene), Vinicius de Oliveira (Josué), Sôia Lira (Ana), Othon Bastos (César), Otávio Augusto (Pedrão), Stela Freitas (Yolanda), Matheus Nachtergaele (Isaias), Caio Junqueira (Moisés) u.a.; Drehbuch: João Emanuel Carneiro, Marcos Bernstein; Produzenten: Arthur Cohn, Martine de Clermont-Tonnerre; Produktion: Video Filmes/Arthur Cohn Prod./MACT/Rio Filme; Kamera: Walter Carvalho; Schnitt: Isabelle Rathery, Felipe Lacerda; Musik: Antonio Pinto, Jaques Morelembaum;
Auszeichnungen: Goldener Bär (bester Film), Silberner Bär (F. Montenegro) Berlinale 1998, Prädikat "besonders wertvoll" u.a.

Länge: 108 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Buena Vista Int.; deutscher Kinostart: 24.12.1998




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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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