deutscher Kinostart: 8. April 1999
Rezension publiziert: 18. April 2005

"One of those assholes who film in black and white"

Celebrity
- Schön. Reich. Berühmt.


Für einen Filmemacher, der uns seit "Ewigkeiten" mit menschlichen Bedürfnissen, philosophischen Ansätzen und anderen Dinglichleiten verwöhnt, behält Woody Allen eine ausgezeichnete, in seiner tief kommend-hoch fallenden Komik schwer überbietbare Form. Doch in "Celebrity" wird nicht nur die Messlatte für Beziehungen, sondern auch das so ruhmreiche Leben der Berühmtheiten neu angesetzt und belichtet. Eine Farce in schwarz-weiß.

FilmszeneLee Simon, Kenneth Branagh großartig als Allen-Übertragung und kriselnder 40er, beschließt sein Leben, bevor es zu spät scheint, neu auszurichten. Dieser Topos und Handlungskern ist ja nichts Neues. Die Frage ist jedoch: Wie gestaltet man nun diese Grundidee? Als erstes lässt man sich scheiden, in einer passend eingefügten Rückblende, versteht sich. Danach lässt man sich von einem Filmstar (Melanie Griffith) bei einem Interview ihr altes Schlafzimmer zeigen und versucht dann bei einem Supermodel, das übrigens oder zufälligerweise polymorph pervers ist, die Nacht zu verbringen. So nebenbei spielt man mit einem koksenden, triebhaften Teenie-Idol (Leonardo di Caprio - toller Auftritt) in Las Vegas; das eigentliche Vorhaben, sein verfasstes Drehbuch unterzubringen scheitert, dafür schläft man mit einer unbekannten Frau.

Lees Ex-Frau Robin (Judy Davis) ist von der aus dem Nichts kommenden Scheidung traumatisiert und zieht sich in ihrer sonst schon hysterisch-verklemmten Art zurück, nämlich bis in ein puritanisches katholisches Kloster. Sie lässt sich auf Rat einer Freundin bei einem Schönheitschirurgen (Michael Lerner), alias "Michelangelo von Manhattan" einen Termin geben, bei dem sie einen sehr eleganten und cool auftretenden TV-Produzenten trifft (Joe Montegna), der sofort bei dem Anblick der bezaubernd gestrauchelten Frau herzweich wird. Er wird zur soliden Basis einer Beziehung und Sprungbrett in die Welt der Stars, die, wie Allen feststellen lässt, entgegen der Aussage von Andy Warhol, mehr als nur die üblichen 15 min Ruhm anmutet. 

Diese beiden getrennt voneinander stattfindenden, sich an manchen Punkten treffenden Geschichten der beiden Getrennten bilden die Handlungsstränge. Wobei Kenneth Branagh den Kitt für die auftretenden Episoden bildet. Doch der Film enthält mehr als nur einen künstlerisch sehenswerten Aufbau, denn es ist eindeutig die Allensche Situationskomik und der Dialog der es versteht, einen kontinuierlichen Pegel an Aufmerksamkeit beim Zuseher zu schaffen. Wenn Branagh der bezaubernden Bonnie (Famke Janssen) während des Einzugs zwischen verschachtelten Räumen erklärt, er habe jemand anderes getroffen, wird einem die Irrationalität von Beziehungen oder die Launenhaftigkeit der Zweierkonstellation bewusst. Wie schon bei feinen Vorgängern wie Ehemänner und Ehefrauen oder bei Hannah und ihre Schwestern ist das Gefühl für einen komplementären anderen scheinrichtige Triebfeder und trägt den Protagonisten in gefasste Bestürzung. Diese naive Handhabung von Leidenschaften macht die Figuren fast ein bisschen träumerisch, aber dieses Ideal liebt der Zuseher in seinen Filmen.

Es geht nichts über das Berühmtsein. Es ist in diesem Werk eine Art Schutzschild gegen die Welt. Man wird überall eingeladen, trifft Persönlichkeiten aus dem Fernsehen, besitzt mehr Geld und anstatt abgeführt zu werden gibt man dem hiesigen Polizisten einfach noch ein Autogramm. Sich kümmernde Freunde bringen dich zum Schönheitschirurgen. Willkür anstatt Kontinuität. Ein eindeutiger Sieg gegenüber der einfachen Bürgerlichkeit, der einem glücklicher zu machen scheint, zumindest wenn man Erfolg hat. Nur eins darf man auf keinen Fall. Diesen Status einer Celebrity irgendwie zu erzwingen. Der Ruhm kommt über jemanden oder man endet nur als B-Seite. 

Celebrity zeichnet sich durch eine bestimmte Lockerheit aus, deren Mitverantwortung durch die offene Kameraführung, von niemand geringerem als Sven Nykvist, modellhaft demonstriert wird. In den Anfangsfilmen favorisierten er und Bergman die Wirkung der Schwarz-weiß-Bilder;  als "considering color to be a source of superficial beauty" versteht es auch Woody Allen, auf  die oberflächliche Schönheit des Starruhmes in schwarz-weiß zu setzen. Und er lässt Joe Montegna mit Selbstironie über diese anachronistische Darstellungsweise in einem Film treffend mokieren: "Eins von den Arschlöchern, die ihre Filme in schwarz-weiß drehen!" sagt er über einen auftretenden Filmemacher. Unzeitgemäß ist höchstens der Charme, mit dem Allen seine Figuren schnitzt, die hier aber nicht die Tiefe seiner sonstigen Beziehungskisten erreichen. Als feinsinniger Beigeschmack zum leichten Leben der Stars sollte man, vor allem als Allen- Fan, diesen Film nicht missen, zumal einem die beschwingte Filmmusik schon sagt, was wirklich Sache ist: "You oughta be in pictures."

Thomas Robatscher / Wertung: * * * (3 von 5) 
  

Quelle des Fotos: Kinowelt

 
Filmdaten 
 
Celebrity - Schön. Reich. Berühmt. 
Celebrity (USA 1998) 
 
Regie: Woody Allen;
Darsteller: Kenneth Branagh (Lee Simon), Melanie Griffith (Nicole Oliver), Joe Mantegna (Tony Gardella), Winona Ryder (Nola), Leonardo DiCaprio (Brandon Darrow), Charlize Theron (Supermodel), Famke Janssen (Bonnie), Douglas McGrath (Bill Gaines), Gretchen Mol (Vicky), Patti D'Arbanville (Iris), Francisco Quidjada (Erno Delucca), Maurice Sonnenberg (Dalton Freed), Andre Gregory (John Papadakis), Michael Lerner (Dr. Lupus), Tony Sirico (Lou DeMarco), Kenneth Edelson (Rabbi Kaufman), Marilyn Raphael und Sam Gray (Tonys Eltern), Antonette Schwartzberg (Tonys Großmutter), Frank Pellegrino (Frankie), Gabriel Millman (Ricky), Adam Sietz (Vince), Dylan Baker (katholischer Priester), Bebe Neuwirth, J.K. Simmons u.a.; Drehbuch: Woody Allen; Produktion: Jean Doumanian; Co-Produktion: Richard Brick; Ausführende Produktion: Letty Aronson, J.E. Beaucaire, Charles H. Joffe, Jack Rollins; Casting: Laura Rosenthal, Juliet Taylor; Kamera: Sven Nykvist; Schnitt: Susan E. Morse; Länge: 113 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; schwarz-weiß; deutscher Kinostart: 8. April 1999 im Verleih der Arthaus Filmverleih GmbH


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<18. 4. 2005>


Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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